Was Stadtmenschen wissen sollten, bevor sie aufs Land ziehen

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Seit dem Beginn der Corona-Pandemie verbringen die meisten Menschen mehr Zeit zu Hause als zuvor. Wer in einer kleinen Stadtwohnung ohne Balkon lebt, träumt jetzt vielleicht von einem Haus mit Garten auf dem Land. Oder vielleicht sogar von einem Selbstversorger-Hof, der unabhängig macht von Hamsterkäufen im Supermarkt.

Doch was ist eigentlich das Land? Während so mancher schon München als ein Dorf empfindet, lassen andere den Begriff nur für kleine Ortschaften mit zwanzig Häusern gelten. "Es gibt keine festen Grenzwerte für das Land oder die Stadt", sagt Werner Bätzing im Gespräch mit Business Insider. Er ist emeritierter Professor für Kulturgeografie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und Experte für den ländlichen Raum. "In Weltgegenden mit einer hohen Bevölkerungsdichte, wie zum Beispiel Japan, ist der Mindestschwellenwert der Einwohnerzahl für eine Stadt höher als bei uns. In Nordskandinavien dagegen wird schon ein Ort mit mehr als 200 Einwohnern als Stadt bezeichnet."

Städte zeichneten sich dadurch aus, dass sie eine zentrale Funktion für das Umland übernehmen. Sie bieten Einkaufsmöglichkeiten, Behörden, medizinische Versorgung und Bildungseinrichtungen — alles, wofür es in einem Dorf zu wenig Nachfrage gibt. Doch seit dem Zweiten Weltkrieg beginnen sich die Unterschiede zu vermischen. Städter konnten nun auch schnell und unabhängig mit dem Auto auf das Land fahren — und umgekehrt. "Früher sind Informationen auch nur mit großer Verzögerung auf dem Land angekommen. Das ist durch die große Verbreitung von Massenmedien nicht mehr so", erklärt Bätzing. "Dadurch verschwimmt der Stadt-Land-Unterschied."

Das Land verkörpert die Sehnsucht nach Ruhe, Ordnung, Geborgenheit

Auf der anderen Seite hält das ländliche Leben auch in der Stadt Einzug. Auf dem Balkon oder der Dachterrasse werden Obst und Gemüse angebaut, Bienen gezüchtet oder Hühner gehalten. Wirklich neu ist das für Bätzing nicht: "Landwirtschaft gab es im gründerzeitlichen Berlin viel häufiger als heute. Da wurde zum Beispiel eine Kuh im Hinterhof gehalten."

Der Kulturgeograf sieht hinter diesem Trend den Wunsch nach Entschleunigung und Stabilität. "Die Sehnsucht nach ländlicher Idylle geht schon bei den alten Römern und Griechen los. Da gibt es das Motiv des Flöte spielenden Hirten, der im Gras liegt und seine Tiere beobachtet, der also gar nicht arbeitet", sagt Bätzing. Man kann es auch so deuten: Je mehr sich der Mensch von der Natur entfernt und je mehr er in der Stadt lebt, desto mehr wird das Landleben idealisiert. Fast gleichzeitig mit der Industriellen Revolution begann das Zeitalter der Romantik, in deren Zentrum die Sehnsucht nach der Natur steht — seien es die Landschaftsbilder von Caspar David Friedrich, Grimms Märchen oder Wanderlieder. Die ländliche Region wurde damals zum ersten Mal als Freizeitort wahrgenommen, so Bätzing.

Obwohl sich heute die Lebensbedingungen in der Stadt gegenüber den Zeiten der Industrialisierung massiv verbessert haben, hält diese Sehnsucht weiter an. "Wenn man in der Stadt in einer schwierigen Situation lebt und Angst vor der Zukunft hat, verkörpert das Land die Sehnsucht nach Ruhe, Ordnung, Geborgenheit", sagt Bätzing. Seit 2005 beobachtet er eine neue Welle an Verklärung des Landlebens. In jenem Jahr trat Hartz-IV in Kraft. Damals erschien auch die erste Ausgabe der Zeitschrift "Landlust", der ähnliche Formate folgten. Für jüngere Zielgruppen gibt es inzwischen Magazine wie "Hygge" — und auch auf Instagram dreht sich viel um Urlaubsfotos vor einem idyllischen Bergpanorama und Hochzeiten auf dem Land.

"Das parallelisiert sich sehr genau mit den Folgen des Neoliberalismus und der Globalisierung. Die Sehnsucht nach der ländlichen Idylle ist eine Reaktion auf die Verunsicherung in der bedrohlich wirkenden Welt. Das Land verspricht Sicherheit", sagt der Kulturgeograf.

In der derzeitigen Pandemie wird das Land als Schutz und Zufluchtsort vor Ansteckung wahrgenommen, obwohl die Infektionszahlen auch in ländlichen Regionen hoch sind. Eine ähnliche Reaktion gab es auf die Serie von Terroranschlägen der vergangenen beiden Jahrzehnte, die vor allem Großstädte wie New York, Paris, Berlin oder London trafen.

Im Sommer 2020 wurde das Land von Urlaubern und Ausflüglern überrannt. Die Hotels im Schwarzwald, an der Nord- und Ostsee und im Alpenvorland waren meist ausgebucht, während sie in den Städten fast leer standen. Dank der Möglichkeit zum Home Office und weiterhin hoher Immobilienpreise in der Stadt scheint nun eine Rückkehr aufs Land leichter und attraktiver zu werden.

Experte Bätzing glaubt jedoch nicht daran: "Durch die Ausweitung des Home Office kann die Entfernung zum Büro größer werden. Statt einer Stunde Fahrtzeit zum Pendeln gibt es jetzt die Tendenz, diese auf zwei Stunden zu vergrößern. Der ländliche Raum wird also nicht aufgewertet, sondern der suburbane Raum breitet sich aus, mit den bekannten Folgen wie Wachstum von Einfamilienhaussiedlungen, Zersiedelung und Verkehr."

Falsche Vorstellungen können zu Konflikten führen

Ob einer Person das Leben auf dem Land gefällt oder nicht, hängt von der eigenen Persönlichkeit ab. "Manche Menschen wohnen lieber in der Stadt und suchen sich die Menschen, mit denen sie engere Beziehungen unterhalten, gezielt aus einer großen Menschenmasse aus. Das Leben auf dem Land ist genau umgekehrt: Da muss ich mich mit meinem Nachbarn verstehen, weil ich auf ihn angewiesen bin", sagt Bätzing.

Wer aufs Land ziehen möchte, sollte sich über diese Unterschiede im sozialen Leben bewusst sein. Denn falsche Vorstellungen über das Landleben können schnell zu Enttäuschungen und Konflikten führen. "Dann stören Kuhglocken, der Gestank stört, der Lärm von Treckern — also die alltäglichen Aktivitäten der Landwirtschaft", so der Kulturgeograf.

Immer wieder landen solche Konflikte vor Gericht. So klagte ein Rentner aus München nach einem Umzug ins fränkische Ansbach gegen das Läuten der dortigen Kirchenglocken. Ein Streit um Kuhglocken beschäftigte im bayerischen Holzkirchen fünf Jahre lang die Justiz.

"Städter wollen sich oft nicht in ein Dorf integrieren, sondern weiter ihr Stadtleben führen und nichts mit der dörflichen Gemeinschaft zu tun haben. Einheimische erwarten dagegen oft, dass die Zugezogenen sich vor Ort in ihren Traditionsvereinen engagieren", gibt Bätzing zu bedenken. "Da ist es unglaublich wichtig, dass es Sportvereine oder ähnliche neutrale Gruppen im Dorf gibt, an denen beide Gruppen gleichermaßen interessiert sind." Die Voraussetzung: "Eine Offenheit von beiden Seiten ist zentral wichtig, sowohl von der Dorfgemeinschaft als auch von den Zugezogenen."

Zudem sollte man sich darüber im Klaren sein, dass das Leben auf dem Land nicht unbedingt umweltschonender oder gesünder ist. Die Landwirtschaft in Deutschland wird von Großbetrieben dominiert, die in der Umgebung nicht selten Luft, Wasser und Boden verunreinigen. Aufgrund von massenhaftem Pestizid-Einsatz sollen Bienen in der Stadt sogar besser leben als auf dem Land und dort gesünderen Honig produzieren.

Zudem wurde vielerorts die dörfliche Infrastruktur mit Tante-Emma-Laden, Bäcker, Schule und anderen Läden zerstört. Weil der Nahverkehr in ländlichen Regionen häufig unzureichend ist, sind die Menschen auf das Auto angewiesen. "Das Leben auf dem Land ist nicht per se nachhaltiger. Es hängt von vielen Einzelentscheidungen ab", sagt Bätzing. Die häufige Nutzung des Autos und die langen Pendelstrecken können das Leben auf dem Land zudem deutlich teurer machen als zuvor gedacht.

Diese strukturellen Probleme sind es, die das Dorf für junge Menschen häufig unattraktiv macht. Im Zuge des Neoliberalismus seit den 1990er-Jahren wurden die ländlichen Regionen von der Politik vernachlässigt, stellt der Kulturgeograf fest. Bahnstrecken wurden stillgelegt, Bank- und Postfilialen sowie Krankenhäuser geschlossen, Funkmasten auf dem Land nur zögerlich errichtet. Die Jungen ziehen für Ausbildung oder Studium in die Städte — und bleiben oft dort, weil es auf dem Land zu wenig Arbeitsplätze für hoch qualifizierte Fachkräfte gibt. "Es gibt von der Politik nicht besonders förderliche Rahmenbedingungen im ländlichen Raum — wie langsames Internet, schlechte Infrastruktur, ausgedünnte Schulen", meint Bätzing.

Wer sich auf dem Land deswegen abgehängt und von den etablierten politischen Parteien nicht mehr vertreten fühlt, wendet sich unter Umständen der AfD zu. "Die AfD ist die einzige Partei, die auf diese Probleme anspricht, obwohl sie eine neoliberale Wirtschaftspolitik vertritt", sagt Bätzing. Doch rechtspopulistische und rechtsextreme Tendenzen, die sich auch in gewalttätigen Protesten und Demonstrationen äußern, machen nicht gerade Werbung für junge Menschen, dorthin zu ziehen.

Um aus dieser Negativ-Spirale auszubrechen, braucht es nicht so sehr Geld und Investitionen, sondern vor allem ein Umdenken. "Wir brauchen eine dezentrale Wirtschaft und eine kulturelle Stärkung des ländlichen Raums", sagt Bätzing.