Warum der Stada-Aufsichtsrat zurücktritt

Chefkontrolleur Carl Ferdinand Oetker hört auf, ebenso die meisten anderen Aufsichtsräte. Die neuen Eigentümer, Bain und Cinven wollen schnell einen Beherrschungsvertrag abschließen. Bei Stada geht es Schlag auf Schlag.


Erst am vergangenen Freitag hatten sich Bain und Cinven die Mehrheit an Stada gesichert. Eine Woche später legen Oetker sowie vier weitere Aufsichtsratsmitglieder, darunter Opel-Vorständin Tina Müller, ihre Ämter nieder. Ihre Arbeit endet nun am 25. September. Nach dem Eigentümerwechsel und dem Start der Verhandlungen um einen Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrag sehen Oetker und die weiteren Kontrolleure ihre Arbeit als erledigt an.  

Der Rücktritt sei nicht auf Betreiben von Bain und Cinven erfolgt, heißt es in Bieterkreisen. Das mag sein. Doch zwischen Oetker und den neuen Eigentümern wäre es wahrscheinlich ohnehin nicht lange gut gegangen.

Bain und Cinven haben nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass sie – wie bei Übernahmen üblich – den Aufsichtsrat nach eigenem Gusto besetzen wollen. Und der Mittvierziger Oetker, der aus der gleichnamigen Bielefelder Pudding-Dynastie stammt, galt nicht gerade als Freund einer Übernahme durch Finanzinvestoren. „Dass Stada an Private Equtiy Investoren geht, war ursprünglich nicht das Ziel von Oetker“, sagt einer, der bei vielen Gesprächen dabei war. Oetker kann diesen Verdacht nicht nachvollziehen: „Messen Sie den Aufsichtsrat und mich doch ganz einfach am Verhandlungsergebnis. Wir haben stets im Interesse unserer Aktionäre gehandelt und haben im Interesse aller ein sehr gutes Resultat erzielt“, sagt der noch amtierende Aufsichtsratschef  gegenüber der WirtschaftsWoche




Umstrittene Übernahme

Wie es heißt, sollen Investoren sogar Klagen angedroht haben, falls der Aufsichtsrat eine Übernahme blockiere. Erst später habe Oetker erkannt, dass es nicht um sein Wohlbefinden geht, sondern dass es Sachzwänge gebe, sagt der Insider.  Oetker habe einen Deal nie blockieren wollen, sagen seine Unterstützer. Möglicherweise sei seine Zurückhaltung ja Verhandlungstaktik gewesen. Oetker selbst hatte sich zu dem Thema offiziell sehr diplomatisch geäußert: „Ich bin weder für noch gegen eine Übernahme“, sagte er in einem Interview vor einigen Monaten. Auf Anfrage sagte er Wirtschaftswoche jetzt: „Der Aufsichtsrat hat einen sehr transparenten Bieterprozess geführt, bei dem alle Interessenten zu Wort kamen. Wir haben schon das erste Angebot von Bain Capital und Cinven begrüßt, und nach der zweiten Runde waren sich Vorstand und Aufsichtsrat ebenfalls einig. Wir haben das Angebot von Bain Capital und Cinven einhellig unseren Aktionären zur Annahme empfohlen – alles andere sind Spekulationen.“

Mit dem früheren Vorstandschef Matthias Wiedenfels lag Oetker ständig über Kreuz – wohl auch deshalb, weil der Vorstand deutlich offensiver für eine Übernahme warb. Noch vor wenigen Wochen ersetzte Oetker Wiedenfels und Finanzvorstand Helmut Kraft durch den früheren Boehringer-Manager Engelbert Coster Tjeenk Willink und den Ex-Lanxess-Manager Bernhard Düttmann. Oetker verweist freilich darauf, die beiden Manager seien aus freien Stücken gegangen.


Hoher Preis, noch höherer Kurs

Oetker dürfte sich zugute halten, für die Aktionäre einen guten Preis von 66,25 Euro herausgeholt zu haben – und für die Mitarbeiter immerhin einige Zusagen, etwa einen Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen für gewerblich Beschäftigte.

Tatsächlich hätte vor einigen Monaten kaum jemand daran geglaubt, dass Stada einen solch hohen Preis wert sein könnte. Noch im Frühjahr 2016 lag die Aktie bei etwa 30 Euro. Insgesamt summiert sich der Kaufpreis auf 5,3 Milliarden Euro inklusive Schulden. „Unter der Leitung von Ferdinand Oetker hat der Aufsichtsrat in nicht einfachen Zeiten die richtigen Weichen gestellt und mit seinen Entscheidungen den Weg für die Zukunft bereitet“, lobten die Vertreter der neuen Eigentümer Michael Siefke (Bain) und Bruno Schick (Cinven).

Die Zukunft müssen Bain und Cinven nun mit neuem Personal gestalten: Denn auch die Verträge der Vorstände Willink und Düttmann gelten nur bis Jahresende. Als etwaiger Kandidat für den Stada-Chefposten gilt der frühere Ratiopharm-Chef Claudio Albrecht. Wer in den Aufsichtsrat einrückt, ist noch unklar.

So schnell wie möglich wollen die neuen Eigentümer nun einen Beherrschungsvertrag abschließen, um Zugriff auf die Kasse zu erhalten und bei Stada durchregieren zu können. Dafür benötigen sie auf einer Hauptversammlung dann 75 Prozent der Aktionärsstimmen. Die verbleibenden Aktionäre müssen dann abgefunden werden. Das wird noch einmal spannend. Denn derzeit liegt der Kurs der Stada-Aktie mit etwa 80 Euro deutlich über den 66,25 Euro, die Bain und Cinven bislang je Aktie zahlten. Der Hedgefonds Elliott hält etwa zehn Prozent der Stada-Anteile und wird in gewohnt harter Manier um einen kräftigen Nachschlag pokern.