Staatsanwaltschaft ermittelt in Den Haag zur Giftbeschaffung von Praljak

Trauernde im bosnischen Mostar

Nach dem Gifttod des bosnisch-kroatischen Ex-Militärkommandeurs Slobodan Praljak vor dem Haager UN-Tribunal ermittelt die niederländische Staatsanwaltschaft, wie der 72-Jährige an das Mittel gelangen konnte. Wie die Staatsanwaltschaft in Den Haag am Donnerstag mitteilte, wurde in der Flasche von Praljak eine tödliche Chemikalie nachgewiesen. Kroatiens Präsidentin Kolinda Grabar-Kotarovic äußerte scharfe Kritik an dem UN-Tribunal und sprach der Familie von Praljak ihr Beileid aus.

Die Behörden leiteten Ermittlungen wegen Beihilfe zum Suizid und Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz ein. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft soll "sehr bald" Praljaks Leichnam untersucht werden. Die Autopsie habe "Priorität", sagte Behördensprecher Frans Zonneveld.

Gerätselt wird derzeit, wie es dem Verurteilten gelingen konnte, das Giftfläschchen trotz der strengen Sicherheitsauflagen in das Gericht zu schmuggeln. Auch ist unklar, wie Praljak womöglich in dem Haager UN-Haftzentrum die fragliche Flüssigkeit erhalten konnte. Beim Zugang zum Gefängnis wird jeder Besucher ungeachtet seiner Funktion, seiner Staatsangehörigkeit oder seines Alters überprüft und eine Sicherheitsschleuse passieren. Auch die Kleidung wird untersucht. Die Einnahme von Medikamenten erfolgt unter der Aufsicht eines Gefängnisarztes. Genehmigte Besuche von persönlichen Ärzten sind möglich.

Kroatiens Präsidentin Grabar-Kotarovic sagte in einer im Fernsehen übertragenen Rede, das Tribunal habe seine Rolle, für Gerechtigkeit zu sorgen, "verfehlt". Gewalttaten gegen bosnische Kroaten seien "nicht auf gleiche Weise bestraft worden". Zugleich mahnte sie an: "Wir Kroaten müssen die Stärke haben einzusehen, dass manche unserer Landsleute in Bosnien Verbrechen begangen haben und dafür verantwortlich gemacht werden müssen."

Der Tod Praljaks habe die kroatische Gesellschaft erschüttert, sagte Grabar-Kotarovic und kondolierte der Familie des Ex-Militärkommandeurs. Das kroatische Parlament hielt am Donnerstag eine Schweigeminute für "alle Opfer der Kriege in Kroatien und Bosnien" in den 90er Jahren ab.

Trotz seiner Verurteilung gilt Praljak vielen in seiner Heimat bis heute als Held. Kroatiens Regierungschef Andrej Plenkovic hatte das Urteil gegen den Ex-Kommandeur und fünf Mitangeklagte am Mittwoch als "tiefe moralische Ungerechtigkeit" bezeichnet.

Praljak hatte zunächst lautstark protestiert, als der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) in dem Berufungsverfahren die 20-jährige Haftstrafe gegen ihn am Mittwoch bestätigte. Dann zückte er ein braunes Fläschchen und trank es aus. Zunächst wurde das Verfahren fortgesetzt, doch dann rief der Anwalt Praljaks: "Mein Mandant sagt, er habe Gift genommen." Das Verfahren wurde unterbrochen, der 72-Jährige wurde ins Krankenhaus gebracht, wo er kurze Zeit später starb.

Im UN-Tribunal herrschte zeitweise Chaos. Es war das letzte Verfahren vor dem Strafgerichtshof für Ex-Jugoslawien, der zum Jahresende nach fast 25 Jahren seine Tätigkeit einstellt.

Praljak und die fünf Mitangeklagten mussten sich in dem Berufungsverfahren wegen Kriegsverbrechen im bosnisch-kroatischen Krieg von 1993-1994 verantworten, der während des Bosnien-Krieges (1992-1995) aufgeflammt war. Praljak hatte sich 2004 gestellt.

Die sechs Männer waren 2013 verurteilt worden. Praljak war unter anderem für schuldig befunden worden, im November 1993 die Zerstörung der alten Brücke von Mostar aus osmanischer Zeit angeordnet zu haben. Dadurch sei der muslimischen Zivilbevölkerung "unverhältnismäßig großer Schaden" entstanden, hatten die Richter im ersten Prozess geurteilt.

Die zerstörte Brücke von Mostar war zu einem Symbol des bosnisch-kroatischen Krieges geworden. Die Stadt selbst war der Schauplatz der schwersten Gefechte, in deren Verlauf fast vier Fünftel des Ostens der Stadt zerstört wurden.