Werner weg, RB an der Spitze - wieso das kein Wunder ist

Patrick Hauser
·Lesedauer: 4 Min.

Der FC Bayern beeindruckt die Fußballfans weltweit auch in dieser Saison, an der Tabellenspitze der Bundesliga steht der Triple-Sieger dennoch nicht.

Durch den Patzer am 2. Spieltag in Hoffenheim (1:4) nehmen die Münchner derzeit die Rolle des Jägers ein, einen Punkt hinter RB Leipzig.

Dessen Trainer Julian Nagelsmann will von der Rolle des Titelkandidaten nichts wissen und verweist auf die vergangene Saison. Auch damals stand RB zwischenzeitlich an der Spitze und überwinterte sogar als Tabellenführer. Das Niveau konnte Leipzig aber nicht halten, am Ende fehlten 16 Punkte auf den Meister. (SERVICE: Bundesliga-Tabelle)

"Sie waren noch nicht so weit und haben viele Punkte liegen gelassen. Das hat etwas mit Klasse und Erfahrung zu tun", analysiert Leipzig-Experte Guido Schäfer bei SPORT1.

Vor allem das Finalturnier der Champions League in Lissabon, als RB Atlético Madrid bezwang und erst im Halbfinale an Paris Saint-Germain scheiterte, habe Leipzig aber reifen lassen.

Abgänge von Werner und Schick fallen nicht ins Gewicht

"Das Turnier in Lissabon hat ihnen sehr gut getan. Da haben sie gesehen, was man leisten kann und was noch fehlt. Das hat zusammengeschweißt", erklärt Schäfer.

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Der frühere Zweitliga-Profi (150 Spiele für Mainz) glaubt, dass der Abgang der Topscorer Timo Werner (zum FC Chelsea) und Patrik Schick (zu Bayer Leverkusen) dem Team sogar geholfen hat.

"Nagelsmann hat von Anfang an gesagt, dass man das auf mehrere Schultern verteilen muss. Der Vorteil ist, dass sie schwerer auszurechnen sind. RB ist meiner Meinung nach im Vergleich zur Vorsaison stärker geworden."

Emil Forsberg sprang beispielsweise in die Bresche, außerdem drehten Dani Olmo, Angelino und - bis zu seiner Corona-Erkrankung - Amadou Haidara auf. "Ein Spieler wie Dani Olmo wird mit jedem Spiel besser und zeigt jetzt, was er drauf hat. Man hat 'Neuzugänge', die schon länger da sind", sagt Schäfer.

Dass die hochtalentierten Neulinge erst im zweiten (oder dritten) Jahr einschlagen, ist typisch für die Stationen von Nagelsmann. Nach ihrer Ankunft wirken die Spieler zunächst überfordert von den komplexen taktischen Ideen des Trainers, auch in dieser Saison sind die prominenten Neuzugänge Alexander Sörloth und Justin Kluivert bislang noch kein großer Faktor.

"Ich habe ein paar Trainingseinheiten gesehen. Man blickt gar nicht durch, die Trainingsübungen sind so hochkomplex und schwierig zu verstehen. Für die Spieler dauert der Anpassungsprozess länger als bei einem 08/15-Trainer", meint Schäfer. (SERVICE: Spielplan der Bundesliga)

Defensive wird zum Prunkstück

Für den 56-Jährigen ist Nagelsmann ein Gewinn für die Liga: "Er ist ein Trainer, der das gewisse Etwas hat und vermittelt. Da gibt es nicht viele. Diese Trainer haben den Blick über den Tellerrand und machen Mannschaften besser. Er ist ein Alleinstellungsmerkmal für die Bundesliga."

Nach Werners Abgang ist die Defensive zum Prunkstück der Sachsen geworden, erst drei Gegentore hat Leipzig in den bisherigen sieben Pflichtspielen hinnehmen müssen. Die Verteidiger um Topstar Dayot Upamecano präsentieren sich jedoch auch offensiv in Topform, fünf der bisherigen zwölf Bundesliga-Tore erzielten gelernte Abwehrspieler.

Vor allem der von Manchester City ausgeliehene Angelino beeindruckt auf dem linken Flügel und erzielte bereits vier Pflichtspieltore.

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"Sie haben viele Spieler im letzten Angriffsdrittel, die anspielbereit sind und ihre Positionen wechseln. Das Positionsspiel von Nagelsmann ist auf ganz hohem Niveau", erklärt Schäfer.

Allerdings ist noch nicht alles Gold, was glänzt. Am Samstag gegen Hertha BSC gelang der 2:1-Sieg nur durch Glück und Willen, Joker Marcel Sabitzer krönte sein Comeback mit dem Elfmetertor zum Endstand. "Sie haben auf gute Leute verzichten müssen, aber sie haben auch einen tollen, breiten Kader. Manchmal braucht es ein bisschen Matchglück", erklärt Schäfer.

Nagelsmann vs. Solskjaer: "Besserer Trainer auf Leipzigs Bank"

Die Rotation könnte sich als entscheidend erweisen, schließlich steht am Mittwoch in der Champions League mit Manchester United der erste heftige Brocken in dieser Saison an. (Champions League: Manchester United - RB Leipzig am Mi., ab 21 Uhr im LIVETICKER)

Der bislang stärkste Gegner Leverkusen stahl Leipzig am 2. Spieltag beim 1:1 einen Punkt, alle anderen Spiele gewann die Nagelsmann-Elf.

"Wenn Manchester wie in der Liga spielt, kann Leipzig etwas holen. Wenn sie wie beim 2:1 in Paris spielen, wird es ganz schwer. Es ist ein riesiger Name und es ist unglaublich, dass RB Leipzig bei Manchester United im Old Trafford spielt", sagt Schäfer.

Der Chefreporter der Leipziger Volkszeitung legt sich im Duell Nagelsmann gegen Ole Gunnar Solskjaer fest, "dass der bessere Trainer auf der Leipziger Bank sitzt".

Sabitzer will bei ManUnited gewinnen

Obwohl auch Schäfer den Red Devils die Favoritenrolle zuschreibt, erwartet er einen mutigen Leipziger Auftritt: "Sie werden dort nicht die weiße Fahne hissen, sondern wie immer nach vorne spielen und gewinnen wollen. Dazu gehört, dass man ab und zu einmal unter die Räder gerät. Das kann immer mal passieren bei dem attraktiven und riskanten Ansatz von Nagelsmann."

Ob eine Leistung wie gegen Hertha reiche, "weiß ich auch nicht. Ich bin ja nicht der Jesus Christus", sagte der Trainer nach dem knappen Sieg gereizt. Das enorme Selbstvertrauen zeigte Sabitzer: "Wir fahren da nicht für Kaffee und Kuchen hin. Wir wollen gewinnen."

Die Leipziger Botschaft ist klar: Gegen den englischen Topklub soll der starke Saisonstart veredelt werden.