Spurensuche in Köln: Alte Tankstelle mitten in den Feldern mit neuem Leben

An der Tankstelle fließt schon lange kein Benzin mehr.

Hinter dem Verkaufsraum, der keiner mehr ist, beginnt das Reich von Christoph Thomis-Kluth. Der Besucher geht an dem Tresen mit der 80 Jahre alten Kasse vorbei, an dem grünen Eisenschrank mit den zerbeulten Motorölkonserven, steigt ein paar Stufen hoch und steht in einem Raum, der eine Mischung ist aus Büro und Wohnzimmer.

Dahinter kommen die übrigen Privatgemächer von Christoph Thomis-Kluth, der so gut wie keine Nachbarn hat, weil die alte Tankstelle, in der er lebt, mitten in den Feldern zwischen Fühlingen und Worringen steht. „Du kannst abends Rasen mähen und keiner meckert“, sagt Thomis-Kluth, ein gut gelaunter 53-Jähriger mit einem Ansatz von Elvis-Tolle auf dem Kopf und oberschlesischem Akzent in der Sprache. Ruhig ist es auf seiner verträumten Insel trotzdem nicht: Auf der Neusser Landstraße direkt vor der Tür sausen schätzungsweise 26.000 Fahrzeuge pro Tag hin und her.

Kraftstoff gibt es schon lange nicht mehr

Manche halten noch immer an. 55 Pfennig für einen Liter Diesel sind auf der uralten Diesel-Zapfsäule angeschlagen, die unter dem noch älteren Vordach vor Christoph Thomis-Kluths Tankstellen-Wohnung steht. Wer würde da nicht in die Eisen gehen? Doch die Autofahrer müssen unverrichteter Dinge weiter ziehen, Kraftstoff fließt hier schon lange nicht mehr. Die Tankstelle ist seit 2005 außer Betrieb, die Zapfsäule noch viel länger. Der weiß-rot-rostige Kasten ist nur noch eine sentimentale Erinnerung an alte Zeiten.

„Zu hohe Auflagen, zu unrentabel“, sagt Thomis-Kluth über das Aus des Benzin- und Diesel-Verkaufs vor zwölf Jahren: „Da kam nichts bei rum.“ Gearbeitet wird trotzdem noch an der Neusser Landstraße. Thomis-Kluth betreibt zusammen mit Mechaniker Marino Laurenzana in der Halle nebenan eine auf Oldtimer spezialisierte Werkstatt und einen Reifendienst. Aber auch die Halle ist schon 47 Jahre alt. Das Tankstellen-Gebäude ist sogar weitgehend geblieben, wie es vor nunmehr 80 Jahren in die Natur des Kölner Nordens gepflanzt wurde.

Durch die Umgehungsstraße blieben die Kunden weg

Es war Winand Boes, der es 1937 errichten ließ. Eigentlich war er Korbmacher, hatte aber auch eine Tankstelle im Ortskern von Worringen. Doch mit dem Bau der Umgehungsstraße gingen ihm die Kunden aus. Boes musste sich einen anderen Standort mit mehr Durchgangsverkehr suchen und fand ihn weit draußen, an der Neusser Landstraße 131.

Später übernahmen seine Tochter Katharina Boes und Schwiegersohn Franz Kluth den Betrieb aus freier Tankstelle, Werkstatt und Waschanlage, danach deren Sohn Winand Kluth und seine Frau Katharina Kluth. Letztere ist heute 76 Jahre alt und wohnt in einem Haus hinter der Tankstelle. Bis Christoph Thomis-Kluth, ihr Adoptiv-Sohn, einzog, lebte sie mit ihrem mittlerweile verstorbenen Mann direkt hinter dem Verkaufsraum.

Von Anfang der 1970er Jahre bis 1991 schmissen sie das Geschäft zusammen mit mehreren Angestellten und Aushilfen. Katharina Kluth stand an der Kasse, putzte Windschutzscheiben, verkaufte Zeitschriften, betankte die Autos. Bei Wind und Wetter. Von 7 Uhr bis 21 Uhr hatte die Tankstelle geöffnet, frei hatte sie nur am ersten und zweiten Weihnachtsfeiertag. „Es war harte Arbeit“, sagt sie: „Aber ich habe es überstanden.“

Auch Christoph Thomis-Kluth musste sich durchboxen: „Oft waren hier zwielichtige Gestalten, die mich wohl überfallen wollten. Ich habe hier schon einige vom Hof geprügelt.“ Wirklich passiert sei ihm aber nie etwas.

Wollte arbeiten, um sich ein Moped zu kaufen

Christoph Thomis-Kluth ist seit 1991 der Chef an der Neusser Landstraße 131. Aber schon lange davor wurde die weiß gekachelte Tanke zu seiner zweiten Heimat. Als er mit 14 mit seinen Eltern aus Oberschlesien nach Worringen kam, suchte er nach einem Job, um sein Moped zu finanzieren. Er fand ihn 1979 bei den Kluths, wo er damit anfing, Autos mit dem Hochdruckreiniger für die Wäsche vorzubereiten. Schnell wurde er auch in der Werkstatt gebraucht.

„Ich war jeden Tag nach der Schule hier“, sagt er auf dem Sofa in seinem Wohnzimmer-Büro: „Die Kluths haben mich auf Augenhöhe behandelt, wie ihren eigenen Sohn.“ Deshalb kam er jahrelang auch während seiner Ausbildung zum Präzisions-Mechaniker und seinem Job in einer Ehrenfelder Maschinenbaufirma zum Aushelfen. „Acht Stunden Ausbildung oder Arbeit, acht Stunden hier“, sagt er: „Vier Stunden Schlaf reichten mir.“ Irgendwann, nachdem seine leiblichen Eltern gestorben waren, adoptierten ihn die Kluths. Da hatte er den Familienbetrieb schon längst übernommen.

Die Wirren des 20. Jahrhunderts hinterließen auch auf seiner abgelegenen Tankstellen-Insel Spuren. Als Christoph Thomis-Kluth den Asphalt zwischen seiner Werkstatt und dem Tankstellen-Gebäude sanieren wollte, entdeckte er auf der alten Fahrbahn „so einen Hügel“. Er buddelte weiter und stieß auf einen Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg, der 1937 wohl gleichzeitig mit der Tankstelle gebaut wurde.

Panzer und Lastwagen während des Krieges repariert

Während des Kriegs, so steht es in der Worringer Chronik, wurden auf dem Gelände auch Panzer sowie Gelände- und Lastwagen der deutschen Wehrmacht instand gesetzt. „Das ist ein Gemäuer, das Geschichte geschrieben hat“, sagt Thomis-Kluth. Die Worringer nennen es noch immer nur „die Tankstelle“.

Benzin oder Süßkram gibt es zwar nicht mehr, Vergangenheit ist aber reichlich vorhanden. Selbst der riesige Cadillac, an dem Marino Laurenzana an diesem Nachmittag in der Werkstatthalle arbeitet, ist ein Relikt aus dem Jahr 1961. Laurenzana, einziger Angestellter des Betriebs, ist seit 25 Jahren dabei. „Wir stehen nicht so auf Veränderung“, sagt Thomis-Kluth und lacht. Darauf wiederum steht mittlerweile die Filmindustrie. Ob für den Tatort oder Serien wie „Verbotene Liebe“ oder „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ – gedreht wurde auf der einsamen Insel in den Worringer Feldern schon oft.

Für Christoph Thomis-Kluth ist seine Tankstelle weitaus mehr als eine Kulisse mit Retro-Charme. „Ich weiß gar nicht, wo ich sonst leben möchte“, sagt er: „Du guckst aus dem Fenster und siehst Grün, gleichzeitig fahren 26.000 Autos vorbei.“ Das alles habe ein gewisses Flair, das er nicht mehr missen möchte....Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta