Ein Talent wie sie hatte Deutschland seit 50 Jahren nicht

Ein Talent wie sie hatte Deutschland seit 50 Jahren nicht
Ein Talent wie sie hatte Deutschland seit 50 Jahren nicht

Die Szene hat sich längst als historischer Moment in die deutsche Sportgeschichte eingebrannt.

Ein junges Mädchen, gerade 16 Jahre alt, mit halblangen braunen Haaren und einem roten Brustring auf dem Trikot, steht auf der Tartanbahn im prallgefüllten München Olympiastadion und starrt die Hochsprunglatte an.

Sie läuft 13 Schritte an, bevor sie mit den Armen Schwung aufnimmt, das rechte Stemmbein setzt und die 1,92 Meter hohe Latte überquert, ohne sie zu touchieren.

Olympiasieg und Weltrekord, die Sensation ist perfekt. Doch während es die meisten der über 70.000 Zuschauer von den Sitzen reißt, huscht Ulrike Meyfarth, dem deutschen Teenager, nur ein Lächeln über das Gesicht.

Jener 4. September 1972 war die Geburtsstunde einer deutschen Olympiaheldin, die zwölf Jahre später das Kunststück in Los Angeles wiederholte und zum zweiten Mal Olympiagold holte. (HINTERGRUND: Wie Ulrike Meyfarth unter ihrem legendärsten Moment litt - und was aus ihr wurde)

Johanna Göring tut es Ulrike Meyfarth gleich

Fast 50 Jahre nach den Spielen von München, im Frühsommer 2021, steht die ebenfalls 16 Jahre alte Johanna Göring bei einem kleinen Sportfest in Stuttgart an einer Hochsprunganlage.

Auch sie überquert die Latte bei 1,92 Meter - doch kaum jemand registriert es. Im Stadion verlaufen sich aufgrund der Corona-Restriktionen nur wenige Menschen und die Höhe ist international längst kein Top-Level mehr.

Doch Görings Leistung ist dennoch beachtlich, schließlich ist seit dem Meyfarth-Coup von München keine deutsche Leichtathletin mehr in diesem Alter so hoch gesprungen. Und vor allem die explosionsartige Entwicklung im vergangenen Jahr macht Hoffnung, dass da ein echtes Juwel heranreift.

Leistungsexplosion im vergangenen Jahr

„Als wir im Sommer 2020 den Weg zueinander gefunden haben, fiel Johanna sehr schnell durch ihre Zielstrebigkeit, ihre schnelle Lern- bzw. Umsetzungsfähigkeit, sowie große Sprungbegabung auf“, erzählt ihre Trainerin Jennifer Hartmann bei SPORT1.

„Bereits im ersten Jahr steigerte sie ihre Bestleistung von 1,61 m auf 1,72 m und wurde sogleich in den Nachwuchsbundeskader aufgenommen. Nach sehr konstantem Training im Winter und Frühjahr 2021 steigerte sie im Mai mit ihren 1,92 m ihre Bestleistung aus dem Vorjahr um 20 Zentimeter.“

Eine derartige Steigerung innerhalb eines Jahres auf diesem Level ist ein echter Quantensprung und macht Hoffnung, dass Göring eines Tages in die Fußstapfen von Meyfarth treten könnte.

Im Gegensatz zur heute 65-Jährigen, die mit dem schnellen Ruhm nicht zurechtkam und zwischen ihren beiden Olympiasiegen in depressive Phasen hineinglitt, soll die junge Athletin des SV Salamander Kornwestheim aber behutsam aufgebaut werden.

Meyfarth, die heute Ulrike Nasse heißt, kann diesen Weg nur begrüßen. „Sie und ihre Trainerin scheinen ihr Training nebst Wettkampfplanung sehr vernünftig und behutsam anzugehen“, sagt sie bei SPORT1. „Es gibt ja inzwischen U18 Europa- und Weltmeisterschaften, so dass man sich in Johannas Alter unter Seinesgleichen messen kann. Da scheint sie sich noch gerne aufhalten zu wollen, ohne die ‚Großen‘ zu ärgern.“

Göring selbst, seit kurzem 17 Jahre alt, geht diesen Weg mit - und dennoch ahnt sie längst, dass die 1,92 Meter erst der Anfang waren. „Es gibt super viel, was man trainieren kann. Da ich recht jung bin und erst am Anfang meiner Leistungssportkarriere stehe, kann man sicherlich an allen Ecken und Enden noch schleifen“, sagt sie im Gespräch mit SPORT1.

„Unendlich viel Verbesserungspotenzial“

Sie wolle „erst einmal meine Technik verbessern, ich glaube da ist noch unendlich viel Verbesserungsbedarf und -potenzial.“

Ein Potenzial, das sie mittelfristig in die Weltelite führen könnte? Hartmann tritt auf die Bremse: „Mit Zukunftsprognosen halte ich mich bei Johanna und auch sonst bei jungen Sportlern und Sportlerinnen bewusst zurück. Das erzeugt meist nur enormen Leistungsdruck, den sie in diesem Ausmaß in ihren jungen Jahren noch nicht haben sollte.“

Und dennoch: Die Voraussetzungen für eine Karriere auf internationalem Top-Niveau sind gegeben, zumal die junge Athletin mit Feuer und Flamme bei der Sache ist. „Vom Hochsprung bringen mich keine zehn Pferde ab“, sagt sie lachend.

Dass sie ein echtes Talent trainiert, weiß natürlich auch die Trainerin. „Durch ihre enorme Vorfreude auf das Springen, die Wettkämpfe gegen sich selbst und ihre tollen physiologischen Voraussetzungen sehe ich sehr großes Potenzial in meiner Athletin.“

EM in München kommt wohl noch zu früh

Sogar die zwei Meter, die als Eintrittshöhe in die Weltklasse gelten, erscheinen in den nächsten Jahren nicht unrealistisch, schließlich hat sie die magische Grenze schon mehrfach visualisiert.

„Im Training legen wir, während wir uns noch aufwärmen, ganz oft zwei Meter auf und schauen uns das so an“, verrät Göring. „Die ersten Male, als wir das taten, war das verrückt, weil es ja eigentlich total hoch ist. Aber mittlerweile hat man mich sich schon an den Anblick der Höhe gewöhnt.“

Einstweilen planen sie und ihre Trainerin aber Schritt für Schritt zu gehen, so dass als Saisonziel die U18-EM in Jerusalem Anfang Juli ausgegeben wurde.

Und die Erwachsenen-EM in München einen Monat später? Dass 50 Jahre nach Meyfarths Sprung in die deutsche Sportgeschichte im Olympiastadion wieder eine hochtalentierte deutsche Teenagerin im Hochsprung an den Start geht, hätte fraglos seinen Charme.

„Ich würde nicht sagen: ‚Auf keinen Fall‘“, antwortet Göring auf die Frage, ob sie den Start ausschließe: „Aber ich konzentriere mich auf die Jugendwettbewerbe.“

Und so wird Meyfarth einstweilen die einzige deutsche Hochspringerin sein, die als Teenagerin in die deutsche Sportgeschichte einging. Und alle ahnen, dass dies der richtige Weg ist.

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