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"Ich spreche von Folter": Schulleiterin schildert bei "Markus Lanz" Horrorszenen an Schulen

 

"Wir sind in einer absoluten Bildungsnotstands-Katastrophe angekommen": Schulleiterin Silke Müller zeichnete bei "Markus Lanz" ein verstörendes Bild über Gewalt, Verrohung und Mobbing an deutschen Schulen. Die Lösungsansätze von CDU-Vorstandvize Karin Prien brachten die Pädagogin regelrecht in Rage.

Schulleiterin Silke Müller machte im Gespräch mit dem ZDF-Moderator Markus Lanz deutlich, welchen schlimmen Inhalten viele Kinder im Netz ausgesetzt sind. (Bild: ZDF / Markus Hertrich)
Schulleiterin Silke Müller machte im Gespräch mit dem ZDF-Moderator Markus Lanz deutlich, welchen schlimmen Inhalten viele Kinder im Netz ausgesetzt sind. (Bild: ZDF / Markus Hertrich)

Der gewaltsame Tod der erst zwölfjährigen Luise aus Freudenberg hallt noch immer nach in den deutschen Debatten. Dass zwei gleichaltrige Mädchen die Tat gestanden, brachte manche dazu, laut über eine Alterssenkung im Bereich der Strafmündigkeit nachzudenken. Womit aber kaum alle Fragen rund um die Entwicklung der Kinder- und Jugendgewalt geklärt wären.

Bei "Markus Lanz" blickte die Talkrunde nun zum wiederholten Male auf dieses schwierige, aber auch alarmierende Themenfeld. Besonders die Schäden, die durch Social-Media-Plattformen wie TikTok ausgelöst werden können, wurden innerhalb der Sendung beleuchtet. Pädagogin Silke Müller plädierte für scharfe politische Maßnahmen und lieferte sich ein emotionales Wortgefecht mit CDU-Politikerin Karin Prien.

CDU-Politikerin Karin Prien brachte bei
CDU-Politikerin Karin Prien brachte bei "Markus Lanz" die Herabsetzung des Strafmündigkeitsalters ins Spiel. (Bild: ZDF / Markus Hertrich)

 

"Wir sind gesellschaftlich null vorbereitet auf das, was kommt"

Müller, die aktuell mit ihrem Buch "Wir verlieren unsere Kinder" hohe Wellen schlägt, forderte mit Blick auf den Mordfall in Freudenberg, dass Plattformen wie TikTok mit sofortiger Wirkung hätten abgeschaltet werden müssen: "Dieser ganze Fall ist unerträglich und unsagbar. Im Netz ging es aber permanent weiter."

Die Leiterin einer Oberschule im niedersächsischen Hatten warnte eindringlich: "Wir sind gesellschaftlich null vorbereitet auf das, was kommt. Wenn wir nicht für Werte und Normen im Netz sorgen, dann verlieren wir. Wir schaffen keine Grundvoraussetzung dafür, dass die Kinder überhaupt noch in der Lage sind, sich für die Demokratie einzusetzen und zu erheben. Das macht mir Sorgen." Investigativjournalist Frederik Obermaier zeigte sich daraufhin wenig optimistisch und merkte an: "Ich kann mir die Notbremse gerade nicht vorstellen."

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Bei "Markus Lanz" diskutierte die Runde am Donnerstagabend über die Gefahren, denen Kinder im Internet ausgesetzt sind. (Bild: ZDF / Markus Hertrich)

 

"Wenn ich meinem Kind das Smartphone in die Hand drücke, ist das der Wurf ins Haifischbecken"

Besonders "homophobe Äußerungen, rassistische Memes und Cyber-Mobbing" fänden laut Schulleiterin Silke Müller vermehrt ihren Weg "auf die Smartphones der Kinder". Auch andere Inhalte, die höchst verstörend sein können, gelängen demnach immer häufiger in die Kinderzimmer. "Ich bin immer wieder schockiert. Ich spreche von Folter. Kinder sehen Videos, in denen ein Mann kastriert wird. Das sind Bilder, die mir als Erwachsene schwerfallen anzuschauen. Wenn Kinder völlig unvorbereitet auf solche Bilder treffen, ist das erschauerlich", so Müller im Gespräch mit Markus Lanz.

DIe Pädagogin forderte deshalb, dass Kinder tendenziell später mit Smartphones in Berührung kommen sollten, denn: "Wenn ich meinem Kind das Smartphone in die Hand drücke, ist das der Wurf ins Haifischbecken. Selbst eine Stunde reicht, um unter die Räder zu geraten."

Als es um konkrete Maßnahmen seitens der Politik ging, kritisierte Müller derweil: "Wir müssen uns eingestehen, dass wir an vielen Stellen ganz katastrophal versagt haben. Wir als Generation, wir als Gesellschaft. Wir haben ein Problem vor der Brust, das man nicht mehr verharmlosen kann."

"Immer diese halbgaren Lösungen", wetterte Schulleiterin Silke Müller (rechts) gegen die Vorschläge von CDU-Bildungspolitkerin Karin Prien. (Bild: ZDF / Markus Hertrich)
"Immer diese halbgaren Lösungen", wetterte Schulleiterin Silke Müller (rechts) gegen die Vorschläge von CDU-Bildungspolitkerin Karin Prien. (Bild: ZDF / Markus Hertrich)

Karin Prien (CDU) will "bei den zwölf- bis 14-Jährigen genauer hinschauen"

Kinder seien heutzutage "dauer-online" beschrieb die Schulleiterin ihre Wahrnehmung. In Fällen von Mobbing hätten sich Kinder früher immerhin in ihre Kinderzimmer zurückziehen können. "Heute wissen sie, dass das Cybermobbing weiterläuft. Und zwar auf übelste Art und Weise. Wie sie sich beschimpfen, diese verrohte Sprache an sich - es gibt Trends, die mir wirklich Sorgen machen. Auch intime Ersterfahrungen finden oftmals im digitalen Raum und nicht mehr im Kinderzimmer statt."

Als es daraufhin um die vermeintlich steigende Gewaltbereitschaft bei Kindern und Jugendlichen ging, blickte Markus Lanz in Richtung CDU-Vorstandsvize Karin Prien. Die schleswig-holsteinische Bildungsministerin gestand auf Nachfrage eher schwammig: "Wir müssen uns damit beschäftigen, ob eine frühere Strafmündigkeit ein wirksames Mittel wäre." Gleichzeitig stellte sie jedoch klar: "Bevor Jugendliche ins Gefängnis gehen, muss schon viel passieren. Ich glaube aber schon, dass man bei den zwölf- bis 14-Jährigen genauer hinschauen sollte."

Pädagogin wettert gegen CDU-Vorstandsvize: "Immer diese halbgaren Lösungen"

Daraufhin platzte Silke Müller der Kragen. Sie wetterte in Richtung der CDU-Politerin mit den Worten: "Wir versuchen immer, diese halbgaren Lösungen zu suchen. Dann machen Kinder Dinge noch versteckter. Ich glaube, das führt am Thema vorbei, und wir verlieren die Kinder. Die Debatte ist an einer anderen Stelle zu führen."

Die Pädagogin weiter: "Wenn wir über kritisches Denken reden, dann haben wir in der Schule keine Zeit, keine Ressourcen und keine Kompetenzen dafür, das zu tun. Wir sind in einer absoluten Bildungsnotstands-Katastrophe angekommen. Das muss ich auch so deutlich sagen. Mir wird anders, wenn ich an die gesellschaftliche Entwicklung der nächsten 15 Jahre denke." Dem stimmte auch Journalist Frederik Obermaier zu. Er ergänzte warnend: "Unsere Kinder wissen, wie schnell man was im Netz findet. Sie googeln viel besser als wir und wissen mittlerweile schon, wie man ins Darknet kommt."

Karin Prien jedoch beharrte: "Ich halte es für einen fatalen Fehler, das Bildungssystem so schlecht zu reden. Natürlich sind wir massiv hinterher, was die Digitalisierung an Schulen angeht. Aber wir sind seit Corona schon deutlich besser geworden."

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