Warum Sport gut für die Gesundheit ist, aber nicht fürs Abnehmen

Gabby Landsverk
·Lesedauer: 3 Min.

Entgegen jahrzehntelang postulierter Ratschläge ist Bewegung möglicherweise keine effektive Strategie zur Gewichtsabnahme, so Dr. Herman Pontzer, evolutionärer Anthropologe an der Duke University in North Carolina und Autor von „Burn: New Research Blows the Lid Off How We Really Burn Calories, Lose Weight, and Stay Healthy“.

Pontzers Forschung legt nahe, dass mehr Training nicht unbedingt dazu beiträgt, mehr Kalorien zu verbrennen. Denn der Körper findet heimlich Wege, sich anzupassen, indem er den Energieverbrauch an anderer Stelle reduziert. Andererseits könnte aber genau dieses Phänomen auch erklären, warum Sport so gut für unsere Gesundheit ist — obwohl er uns nicht beim Abnehmen hilft.

Das Training könnte nämlich überschüssige Energie von potenziell schädlichen Körperprozessen wie Entzündungen und Stress ableiten, so Pontzer. „Beim Training geht es nicht darum, wie viele Kalorien ihr verbraucht, sondern wie ihr sie verbraucht“, erklärte er. „Ernährung und Bewegung sind zwei verschiedene Werkzeuge für zwei verschiedene Aufgaben. Ernährung ist das Werkzeug zum Abnehmen. Bewegung ist euer Werkzeug für alles andere.“

Ihr könnt euer Stoffwechselbudget nicht überziehen, so die Forschung

Abnehmen durch Sport basiert auf der Annahme, dass die Rate, mit der wir Kalorien verbrennen, konstant bleibt. Das heißt, wenn wir durch einen Kilometer Gehen 50 Kalorien verbrennen, müssten wir dieser Theorie zufolge durch 100 Kilometer Fußmarsch 5.000 Kalorien verbrennen. In der Folge würdet ihr demnach mehr Energie verbrauchen, als ihr zu euch nehmt, und euren Körper dazu bringen, auf seine Energiereserven zurückzugreifen — nämlich, indem er Fett verbrennt.

Diese Theorie wird allerdings durch neue Daten infrage gestellt, die Pontzer bei seiner Arbeit mit den Hadza, einer Gruppe indigener Einwohner Tansanias, gewonnen hat. Als Teil ihres traditionellen Lebensstils als Jäger und Sammler laufen die Hadza täglich kilometerweit. Zu ihrer eigenen Überraschung stellten Pontzer und sein Team fest, dass sie dabei nur geringfügig mehr Kalorien pro Tag verbrennen als der durchschnittliche sitzende amerikanische Erwachsene — weit weniger als angesichts ihres hohen Aktivitätsniveaus zu erwarten wäre. Diese Beobachtung deutet darauf hin, dass die Beziehung zwischen Bewegung und Stoffwechsel eher einer Kurve gleicht. Je mehr ihr also trainiert, desto sorgfältiger haushaltet euer Körper mit seiner Energie.

Überschüssige Energie zu verbrennen ist gut für euch — unabhängig vom Gewichtsverlust

Pontzers Daten über die Hadza und andere Gruppen legen nahe, dass euer Körper immer das gleiche Kalorienbudget einhalten will. Dabei spielt es keine Rolle, ob ihr für einen Marathon trainiert oder auf der Couch herumgammelt. Pontzer nennt das „constrained energy framework“, als etwa „begrenzten Energierahmen“. Aber obwohl dieser Rahmen vermutlich die Fettverbrennung abwürgt, könnte er auch erklären, warum Sport so gut für uns ist. Nach Wochen oder Monaten des Trainings beginnt euer Körper, Kalorien aus anderen Aktivitäten umzuverteilen, um den Verbrauch zu kompensieren, zeigen Pontzers Ergebnisse.

Er stellt daher die Theorie auf, dass dazu auch Aktivitäten gehören, die euch mehr schaden, als nützen. Euer Immunsystem zum Beispiel ist wichtig, um euch am Leben zu erhalten. Es kann aber auch Schaden anrichten, wenn es hyperaktiv wird. Das kann nämlich zu Problemen führen — von Allergien bis hin zu Autoimmunkrankheiten. Pontzers eingeschränkter Energierahmen legt nahe, dass Bewegung unserem Körper hilft, überschüssige Energie zu verbrauchen, um unser Immunsystem und unsere Stressreaktionen ausgeglichener zu halten.

Im nächsten Schritt seiner Forschung, muss Pontzer seine Theorie nun testen. Nur so lässt sich herausfinden, ob wir tatsächlich messen können, wie Bewegung jedes System und jede Zelle im Körper beeinflusst — über Fett und Muskeln hinaus. Wenn sich die Theorie bewahrheitet, könnte sie auch erklären, warum der moderne, sitzende Lebensstil und die vor allem auf hochverarbeiteten Lebensmitteln beruhende Ernährung schlecht für unsere Gesundheit ist. „Wir halten es für selbstverständlich, dass chronische Krankheiten Teil des Menschseins sind, aber die Menschen in der westlichen Welt sind eigentlich ziemlich seltsam“, sagte Pontzer. „Ich denke, wir könnten noch viel mehr von anderen Kulturen darüber lernen, wie der menschliche Körper funktioniert.“

Dieser Artikel wurde von Steffen Bosse aus dem Englischen übersetzt. Das Original findet ihr hier.