"Spiegel": Bundesregierung überprüft Bewertung der Gülen-Bewegung

Knapp zwei Jahre nach dem Putschversuch in der Türkei überprüft die Bundesregierung einem Medienbericht zufolge ihre Bewertung der Gülen-Bewegung. Wie der "Spiegel" am Freitag nach Recherchen mit "Report Mainz" berichtete, kommt das Auswärtige Amt in einem internen Bericht von Februar zu einer sehr kritischen Einschätzung der Bewegung des islamischen Predigers Fethullah Gülen, die in der Türkei für den versuchten Militärputsch vom 15. Juli 2016 verantwortlich gemacht wird.

Laut "Spiegel" heißt es in dem Bericht, sämtliche Quellen der deutschen Botschaft in Ankara seien sich einig, dass Gülen-Anhänger über Jahrzehnte gezielt Polizei, Justiz und andere staatliche Institutionen unterwandert hätten. "Der konspirative Teil der Bewegung zeichnet sich durch strikte Hierarchien aus und erinnert in seiner Struktur an Erscheinungsformen organisierter Kriminalität", wird ein Gesprächspartner zitiert.

Der "Spiegel" hatte bereits im August 2012 überaus kritisch über die Gülen-Bewegung berichtet, die auch in Deutschland mit zahlreichen Schulen, Vereinen und Wohnheimen vertreten ist. Trotz der massiven Vorwürfe in der Türkei wird sie bis heute in Deutschland aber überwiegend positiv bewertet. Auch staatliche Stellen übernahmen ihre Selbstdarstellung als moderat islamische Bewegung für Dialog und Bildung.

Laut dem "Spiegel" bemühte sich die Bewegung nach dem kritischen Bericht des Magazins 2012, ihr positives Image zu verteidigen. So habe sie die internationale PR-Agentur Burson Marsteller beauftragt, um die deutsche Medienberichterstattung zu beeinflussen und in der Politik für sich zu werben. Wie das Magazin berichtete, zahlte eine Gülen-Stiftung dafür mehr als eine Million Euro an die PR-Agentur.

Ein Aussteiger bezeichnete die Gülen-Bewegung gegenüber dem "Spiegel" als "religiöse Sekte mit einer geheimen Parallelstruktur", die streng hierarchisch organisiert und autoritär geführt werde. Demnach treffen aus der Türkei entsandte Gülen-Vertreter die maßgeblichen Entscheidungen in den Vereinen der Bewegung in Deutschland.

Der Sprecher der Bewegung, Ercan Karakoyun, wies die Vorwürfe zurück und betonte, sie stehe für Demokratie, Menschenrechte und eine zeitgemäße Interpretation des Islam.