Darum ist der spektakuläre Absturz von FTX eine Chance für die deutsche Krypto-Szene

Solveig Rathenow ist Leiterin des Wirtschaftsressorts von Business Insider. In ihrem Kommentar analysiert sie, weshalb der FTX-Absturz eine Chance für die deutsche Krypto-Branche ist. - Copyright: picture alliance / abaca | TNS/ABACA/ Lisa Kempke/ Collage: Dominik Schmitt
Solveig Rathenow ist Leiterin des Wirtschaftsressorts von Business Insider. In ihrem Kommentar analysiert sie, weshalb der FTX-Absturz eine Chance für die deutsche Krypto-Branche ist. - Copyright: picture alliance / abaca | TNS/ABACA/ Lisa Kempke/ Collage: Dominik Schmitt

Die Autorin ist Ressortleiterin des Wirtschaftsressorts von Business Insider. Dieser Artikel ist ihre Meinung und vermittelt ihre Sicht. Hier findet ihr andere Informationen zum Thema.

"Bye, Bye Bitcoin" lautetet die Überschrift eines Kommentars, der vergangene Woche bei der "Süddeutschen Zeitung" erschienen ist. Sie bezog sich auf das Drama um die Kryptobörse FTX, die Insolvenz anmelden musste. Für den Autor ein Grund, dass es "höchste Zeit", sei, "sich von der Pseudoreligion Krypto zu verabschieden". Bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" war die Stoßrichtung ähnlich. "Sam Bankman-Fried wollte die Kryptowelt hoffähig machen. Die jüngsten Turbulenzen zeigen: Sie ist nicht übermäßig relevant. Zum Glück", hieß es zu Beginn eines Artikels, der eigentlich nur nüchtern zusammenfassen wollte, welche Verstrickungen es zwischen FTX, Wirtschaft und Politik gegeben habe.

Die Häme scheint groß zu sein. Endlich, endlich, so kommt es einem vor, geht diese unsägliche Krypto-Welt den Bach runter. Endlich, endlich wurde anhand von FTX und ihrem nerdigen (mitterweile Ex-) CEO Sam Bankman-Fried bewiesen, dass alle, die etwas mit Krypto zu tun haben, im Grunde Menschen sind, denen nicht zu trauen ist. Die es mit Kundengeldern nicht genau nehmen, sich irgendwelche Token ausdenken und gutgläubigen Anlegern das Geld aus der Tasche ziehen. Ein einziger großer Scam. Und alle, die schon immer vor Krypto gewarnt haben, haben es schon immer gewusst.

FTX hat sich mit Absicht den Aufsichtsbehörden entzogen

Ja, der filmreife Zusammenbruch von FTX wirft ein Schlaglicht auf Praktiken, auf die sich kein seriöses Finanzunternehmen stützen sollte. Aber mal ehrlich: Wer genauer hingeschaut hätte, bevor er sein Geld dort investiert hat, egal ob institutionelle Investoren, wie der kanadische Pensionsfonds Ontario Teachers’ Pension Plan oder Privatanleger, hätte bemerkt, dass FTX nicht das sicherste Unternehmen auf dem Markt war.

Sam Bankman-Fried oder auch SBF, wie er intern hieß, verlegte in einer Nacht-und-Nebel-Aktion seine erste Handelsfirma Alameda nach Hongkong – wegen der laxen Regulierungen. FTX selbst hatte seinen Sitz auf den Bahamas, außerhalb des Zugriffs der US-Börsenaufsichtsbehörde. Die Tochter Digital Markets Ltd ist von der Securities Commission der Bahamas reguliert. Die Lizenz, um mit Krypto zu traden, kommt von der Gibraltar Financial Services Commission. Das sind alles keine Adressen, die für ihr genaues Hinschauen bekannt sind. Und dann handelte es sich ausgerechnet auch noch um ein Unternehmen, das im sogenannten "Central Finance", also CeFi-Bereich unterwegs war. Also ein Unternehmen, das anders als Krypto-Firmen aus dem Defi (Decentralized Finance)-Bereich die Kundengelder wirklich hält und absichert – oder zumindest absichern soll und wo eigentlich höchste Sicherheitsstufe herrschen sollte. Keine gute Kombination mit einer Lizenz aus einem Steuerparadies. Die "Red Flags" waren eigentlich kaum zu übersehen.

Sind also alle Krypto-Börsen per se unsichere Plattformen, bei denen Anleger fürchten müssen, dass sie ihre Gelder nie wieder sehen?

Nein.

Denn schaut man nach Deutschland, sieht die regulatorische Lage anders aus. Die Finanzaufsicht BaFin ist nach dem Finanzskandal um Wirecard noch mal vorsichtiger geworden. Die Smartphone-Bank N26 darf beispielsweise ihr neues Krypto-Feature, das sie zusammen mit dem Krypto-Händler Bitpanda anbietet, nur in Österreich, aber nicht in Deutschland lancieren, weil Bitpanda die Lizenz fehlt. Und das, obwohl das Unternehmen in Österreich gleich über drei Lizenzen verfügt: als Wertpapierdienstleistungsunternehmen (WPDLU) und Wertpapierfirmen (WPF), als Dienstleister in Bezug auf virtuelle Währungen und als E-Geld-Institut. Nicht genug, so scheint es, für die deutsche Aufsicht.

Lasst euch regulieren!

Genau da liegt die große Chance für deutsche Krypto-Unternehmen, die es geschafft haben, reguliert zu werden. Denn wenn es ihnen hier gelingt, ist das ein Gütesiegel, welches verlorenes Vertrauen von Kundinnen und Kunden wiederherstellen kann. Da spielt ihnen auch die Europäische Union in die Karten, mit einer neuen Richtlinie für Kryptofirmen, die voraussichtlich 2024 vollends in Kraft tritt. Die Verordnung für Märkte für Kryptowerte, die sogenannte "MiCA", soll Anleger schützen, indem Kryptofirmen zum Beispiel Wallets besser schützen müssen und auch dafür haften, wenn sie Kryptos verlieren. Auch Marktmanipulation und Insider-Geschäfte sollen mit "MiCa" unterbunden werden.

Zu viel Regulation durch die Aufsichtsbehörden, die kaum noch Platz für Innovation lässt, könnten jetzt Kritiker erwidern. Zumal der eigentlichen Grundgedanken von Bitcoin und Co war, ein Finanzinstrument zu erschaffen, das eben nicht von staatlichen Institutionen abhängt. Aber mehr Regulation ist auch die Chance für Krypto, erwachsen zu werden.

"Man kann leider keinem Unternehmen blind vertrauen, sondern muss sich damit auseinandersetzen, welche Schutzmaßnahmen es gibt. Da kann die junge Branche einiges von der Bankenwelt und deren regulierten Umgang mit Kundengeldern lernen, beziehungsweise adaptieren", sagt beispielsweise Jessica Holzbach, Co-Gründerin von Pile, einem Krypto-Startup, das andere „Decentralized Finance“-Produkte für Fintechs und Neobanken entwickeln will und vor kurzem Millionen eingesammelt hat. Am Beispiel von FTX sehe man, dass weder die Blockchain noch Bitcoin und Ether nicht funktioniert hätten, "sondern, dass es menschliches Fehlverhalten ist". Generell können Regulierungen "eine riesige Chance sein, um hier die Spreu vom Weizen zu trennen und nicht dem Lautesten hinterherzurennen", so Holzbach. Töne, die man sonst aus der Szene, die die Langsamkeit der Banken belächelt, selten hört.

Es ist nur zu hoffen, dass die Kryptobranche den Reputationsschaden durch FTX überstehen wird und nicht vollends dafür in Sippenhaft genommen wird. Am Ende ist es wie immer, bei Finanzprodukten: Man sollte genau hinschauen, über wen und worein man investiert.

Was ist Eure Meinung? Diskutiert mit der Autorin auf LinkedIn.