Speeddating auf Business-Ebene

Geschäftsabschlüsse im Theater, Budgethotels für 300 Euro die Nacht, perfekt getaktete Termine und Partys bis zum Morgengrauen: Das Treffen der Rückversicherer in Baden-Baden ist altbacken und skurril zugleich.


Die Claims sind hier fest abgesteckt. Die Munich Re hat das Kulturhaus „LA8“ in den Tagen Ende Oktober für sich gebucht, die Konkurrenz von Swiss Re das Badhotel zum Hirsch. Gen Re, der Rückversicherer von Warren Buffets Berkshire Hathaway , lädt die Kundschaft ins Theater und die Makler von AON Benfield nebenan ins Kurhaus. Das mondäne Brenners Parkhotel gehört irgendwie allen, ebenso das Kongresshaus. Über 300 Tische sind dort auf vier Stockwerken aufgereiht. Tischwimpel lassen erkennen, wer hier Kundengespräche führt.

Zum 47. Mal in Folge treffen sich seit Sonntag große und kleine Rückversicherer aus aller Welt mit Industrievertretern, Maklern und natürlich den Erstversicherern. Es geht um die Preise für das kommende Jahr, um Kontaktpflege, aber auch schlicht um Spaß. Margret Mergen, Oberbürgermeisterin der Kurstadt, ermuntert in ihrer kurzen Rede bei der Eröffnung des Treffens am Sonntag sogar noch dazu. Die örtliche Hotellerie habe beispielsweise tolle Spas zu bieten. Hier könnten Körper und Geist nach den vielen 30- und 60-minütigen Meetings vortrefflich entspannen. Die gut 2000 Zuhörer habe es gerne vernommen. Für die Allermeisten war das vermutlich aber keine Neuigkeit.


Wenn sich Rückversicherer treffen, ist schließlich alles genau getaktet. Wichtige Gespräche dauern eine Stunde, im Normalfall reicht eine halbe. Speeddating auf Business-Ebene eben. Dann beginnt erneut das große Wechselspiel zwischen den Tischen. Ist ein kurzer Fußmarsch im Dreieck zwischen Fußgängerzone, Kurhaus und Brenners Parkhotel nötig, dann hat die Assistentin auch dafür Zeit in den Kalender eingetragen.

Zuspätkommen gilt nicht, ein spontaner Termin ist so gut wie unmöglich. Die auch Ende Oktober noch immer zahlreichen Touristen bekommen von dem diskreten Treiben so gut wie nichts mit. Und wenn doch, dann erschließt es sich für sie ohnehin nicht, um was es hier genau geht. Auch wenn hier mehr als zweieinhalbtausend Branchenvertreter aus aller Welt unterwegs sind.


Ob eine solche Veranstaltung in Zeiten der Digitalisierung überhaupt noch zeitgemäß sei, wird zwar gelegentlich gefragt. An einem Ort, der schwer erreichbar ist, der keine ausreichende Infrastruktur von Hotels bis zu Taxen bieten kann und der sicherlich nicht für den Aufbruch steht, den die Branche doch dringend nötig hätte. Dass das Treffen wohl aber den 50.Geburtstag in drei Jahren und danach noch viele weitere erleben wird, ist hingegen die weitaus wahrscheinlichere Variante.

Und zwar, weil hier jeden Herbst in erster Linie Männer zusammenkommen, die eher im höheren als im mittleren Alter sind. Sie sind bereits viele Jahre dabei und wissen den gediegenen Charme zu schätzen. Ganz zu schweigen von den Hotels und der Gastronomie, für die das Treffen jedes Jahr einen Geldregen bedeutet. Selbst Budget-Hotels verlangen dann 300 Euro pro Nacht, berichten die, die dort wohnen. Vier Nächte zu buchen, sei Bedingung, auch wenn nur zweimal dort geschlafen wird.

Manches Zimmer wird aber auch deswegen so wenig genutzt, weil die vielen Partys in diesen Tagen bis weit nach Mitternacht gehen. Der Chef eines großen Rückversicherers, der als Gastgeber der eigenen Veranstaltung stets bis zum Ende ausharren muss, hat dann einen einfachen Trick, um den harten Kern der Gäste zum Aufbruch zu bewegen. „Ab halb zwei reiße ich die Fenster auf. Sonst säßen manche noch im Morgengrauen zusammen“, verrät er. Auch das ist das Rückversicherer-Treffen in Baden-Baden. Aber auch das bekommen die wenigsten Kurgäste und Tagestouristen mit.