SPD fordert die 25-Stunden-Woche für alle bei vollem Lohnausgleich– so realistisch ist der überraschende Beschluss der Partei

Juso-Chefin Jessica Rosenthal setzte in der SPD die Forderung nach einer 25-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich durch. - Copyright: Picture Alliance
Juso-Chefin Jessica Rosenthal setzte in der SPD die Forderung nach einer 25-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich durch. - Copyright: Picture Alliance

Die SPD hat ein neues Ziel: Die 25-Stunden-Arbeitswoche für alle, mit vollem Lohnausgleich und vollem Personalausgleich. Beschlossen hat die Partei dies am Wochenende bei ihrem Debattenkonvent, dem neuen offiziellen Gremium der SPD zwischen den Parteitagen.

Die Führung samt Arbeitsminister Hubertus Heil war gegen den Antrag. Doch am Ende des Konvents landete Juso-Chefin Jessica Rosenthal einen Coup. "Während ihre Leute noch in der Tagungshalle waren, hatten sich etliche andere Delegierte schon auf den Heimweg begeben. Juso-Vorsitzende Jessica Rosenthal nutzte die Gunst der Stunde und brachte schließlich ihren Antrag durch", so beschrieb es Reporter Mike Szymanski in der Süddeutschen Zeitung.

In der SPD gilt nun also dieser Beschluss:

"Um eine Arbeitswelt zu schaffen, die Beschäftigten Lebensqualität und Selbstbestimmung einräumt, setzen wir uns für eine wöchentliche Arbeitszeit von mittelfristig 25 Stunden ein. Damit Beschäftigte keine Gehaltseinbußen erfahren, braucht es einen vollen Lohnausgleich. Gleichzeitig darf es nicht zu einer Verdichtung und Intensivierung der Arbeit sowie zu erhöhtem Leistungsdruck führen. Die Reduzierung der Arbeitszeit geschieht daher bei vollem Personalausgleich".

"Meine Erwartung ist, dass die SPD den Beschluss jetzt auch vertritt", sagte Rosenthal der SZ. Wie das gehen soll, skizzierte sie so: "Wenn die Technisierung in der Arbeitswelt weiter voranschreitet, wir die Einwanderungspolitik progressiv gestalten, ist die 25-Stunden-Woche eine echte Option, auch weil alle dann gesünder bleiben."

Der SPD-Beschluss geht über die Forderung der Linken hinaus. Die Linke setzt sich für eine 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich ein.

Kürzer arbeiten für das gleiche Geld. Wirtschaftlich kann diese Gleichung dann aufgehen, wenn die Produktivität der Arbeit im gleichen Maße steigt, wie die Arbeitszeit sinkt. Dann reicht die höhere Produktivität für den "vollen Lohnausgleich". Wenn es zusätzlich noch einen "vollen Personalausgleich" geben soll, müssten dann aber mehr Produkte hergestellt und verkauft werden können.

Für das SPD-Ziel müssten also drei Bedingungen erfüllt werden: Die Produktivität müsste in ausreichendem Maße steigen, es müssten ausreichend Arbeitskräfte zur Verfügung stehen und die Wirtschaft muss insgesamt kräftig wachsen. Kann die Rechnung aufgehen?

Produktivität, Arbeitszeit und Arbeitseinkommen

Aktuell arbeiten Vollzeitbeschäftigte in Deutschland im Durchschnitt 41 Stunden in der Woche. Das sagen Zahlen des Statistischen Bundesamtes von 2019. Eine Verkürzung der Arbeitszeit von 41 auf 25 Stunden pro Woche, entspricht einer Reduzierung um 40 Prozent. Die Produktivität jeder Arbeitsstunde müsste also entsprechend steigen, um die gleiche Wertschöpfung zu erzielen. Rechnerisch wäre dazu eine Steigerung der Produktivität um 60 Prozent nötig.

Ist dieser Sprung der Produktivität von der "Technisierung der Arbeit", zum Beispiel der Digitalisierung und Automatisierung zu erwarten? In der Tat wächst in Deutschland die Arbeitsproduktivität - also das Bruttoinlandsprodukt je Arbeitsstunde – recht stetig. Doch das Tempo nimmt eher ab als zu.

Anfang der 1990er Jahre stieg die Arbeitsproduktivität jährlich um mehr als zwei Prozent. Ein Grund war der Aufholprozess in den neuen Bundesländern nach dem Ende der DDR mit ihrer geringen Produktivität. Dann verlangsamte sich das Wachstum der Produktivität. In den vergangenen Jahren stieg die Produktivität nach Zahlen der Bundesregierung nur noch um rund 0,6 Prozent im Jahr.

Es würde also lange dauern, bis die Produktivität ausreichend zugenommen hätte, um eine 25-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich zu ermöglichen. Im SPD-Beschluss heißt es daher auch "mittelfristig". Andererseits steht in der Überschrift: "Arbeitszeitverkürzung jetzt!"

Die Verkürzung der Arbeitszeit könnte auch schrittweise erfolgen, je nach Fortschritt der Produktivität. Bei einem Wachstum der Produktivität von 0,6 Prozent pro Jahr könnte die Arbeitszeit anfänglich in jedem Jahr um eine Viertelstunde sinken oder alle vier Jahre um eine Stunde. Die Verkürzung der Arbeitszeit von 41 auf 25 Stunden würde dann mehr als 80 Jahre dauern, also circa drei Generationen.

Angenommen, die Produktivität könnte durch Technologiesprünge wieder um zwei Prozent im Jahr steigen. Dann könnte die wöchentliche Arbeitszeit anfänglich bereits um knapp 50 Minuten im Jahr sinken. Dann würde es bis zur 25-Stunden-Woche rund 25 Jahre dauern.

In dieser Zeit könnte es aber keine realen Gehaltserhöhungen geben. Denn der Produktivitätsgewinn kann nur einmal verteilt werden: entweder für kürzere Arbeitszeiten oder für mehr Lohn und Gehalt. Es darf vermutet werden, dass sich zumindest nicht alle Beschäftigten für mehr Freizeit statt mehr Gehalt entscheiden würden.

Arbeitszeit in einer alternden Gesellschaft

Neben dem vollen Lohnausgleich will die SPD auch vollen Personalausgleich durchsetzen, damit die Arbeit nicht verdichtet wird. Wenn die Produktivität aber so stark steigt, dass die kürzere Arbeitszeit damit ausgeglichen werden kann, würden weiterhin die gleichen Güter und Dienstleistungen produziert. Wenn zusätzlich mehr Personal eingestellt werden soll, müssten Produktion und Absatz gesteigert werden.

Hinter dem Gedanken einen vollen Lohn- und Personalausgleichs kann auch der Wunsch nach einer Umverteilung stehen. Die Beschäftigten sollen für das gleiche Geld kürzer arbeiten, aber nicht intensiver. Dadurch würden mit hoher Wahrscheinlichkeit die Stückkosten steigen, die Gewinne der Unternehmen sinken. Steigende Stückkosten würden gleichzeitig die Wettbewerbsfähigkeit verschlechtern.

Es bliebe eine weitere Herausforderung: Woher kommen die zusätzlichen Arbeitskräfte für den vollen Personalausgleich? Bereits jetzt fehlen in Deutschland viele Arbeitskräfte. Weit über eine Million Stellen sind unbesetzt. Diese Arbeitskräftelücke wird - unabhängig von konjunkturellen Schwankungen - schnell größer. Denn in jedem der kommenden Jahre verlassen mit den geburtenstarken Jahrgängen deutlich mehr Menschen das Berufsleben als Jüngere neu in den Beruf starten.

Arbeitsmarktforscher sind einig, dass schon diese Lücke selbst dann nicht geschlossen werden kann, wenn alle Potenziale bei der Eingliederung von Arbeitslosen, der Aus- und Weiterbildung sowie einer höheren Erwerbsbeteiligung von Frauen gehoben würden. Selbst dann brauche es noch eine Zuwanderung von 400.000 bis 500.000 Menschen aus dem Ausland in den deutschen Arbeitsmarkt - jährlich.

Würde in Deutschland die ohnehin schrumpfende Erwerbsbevölkerung zusätzlich noch ihre Arbeitszeit um 40 Prozent verringern, stiege der Bedarf an Zuwanderung in den Arbeitsmarkt nochmals deutlich an.

Mit der alternden Bevölkerung ist zudem absehbar, dass die Kosten für Altersruhegeld, Gesundheitsversorgung und Pflege steigen. Auch sie müssen von den aktuell am Wirtschaftsleben beteiligten Menschen aufgebracht werden, entweder aus Produktivitätsgewinnen oder aus Einkommen.

Der Wunsch nach kürzerer Arbeit und der Bedarf an längerer Arbeit

Wohlstandsgewinne aus einer steigenden Produktivität der Arbeit können nur einmal verwendet werden. Im Moment spricht vieles dafür, dass sie in Deutschland dafür benötigt werden, um den Wohlstand bei einer schrumpfenden und alternden Gesellschaft überhaupt halten zu können.

Arbeitsmarktforscher halten es eher für erforderlich, länger zu arbeiten, sei es durch eine längere Wochenarbeitszeit oder Lebensarbeitszeit. Zumindest sollte dies allen ermöglicht werden, die mehr oder länger arbeiten möchten und dazu in der Lage sind. Je weniger stark die Arbeitszeit stiegt, umso stärker müsste die Zuwanderung in den Arbeitsmarkt zunehmen, um den Wohlstand in Deutschland zu halten.

Länger statt kürzer arbeiten? Hier lauert ein weiterer Haken des Beschlusses der SPD auf Antrag der Jusos. Er geht unterschwellig davon aus, dass Erwerbsarbeit schlecht und nur die übrige Zeit gut ist. Sein Titel lautet: "Mehr Zeit für das, was zählt: Arbeitszeitverkürzung jetzt!" Dies legt nahe, dass Arbeit nicht zählt. Im Antrag heißt es, die Arbeitszeit müsse verkürzt werden, "um eine Arbeitswelt zu schaffen, die Beschäftigten Lebensqualität und Selbstbestimmung einräumt." Dies legt nahe, dass Erwerbsarbeit keine Lebensqualität oder Selbstbestimmung ermögliche. Dies wäre ein Traditionsbruch für die SPD als der Partei der Arbeiterinnen und Arbeiter. Die Jusos stellen ihrer Partei wieder einmal die Systemfrage. Jessica Rosenthal sagte es so: "Es geht darum, die Selbstausbeutung in diesem System zu beenden".