Die SPD sorgt für Spannung – zumindest im TV

Bei Maybrit Illner liefern sich zwei Sozialdemokraten einen Schlagabtausch: Niedersachsens Ministerpräsident Weil und der mögliche „Boris Johnson der deutschen Politik“. Das führt zur überraschenden Talkshow-Koalition.


Der Sonderparteitag am Sonntag in Bonn, auf dem 600 Delegierte entscheiden werden, ob die SPD Koalitionsgespräche beginnt, wird zweifellos spannend. Aber ist es auch spannend, drei Tage davor ein weiteres Mal darüber zu diskutieren, wie spannend es wohl werden wird, obwohl in den vergangenen Wochen schon allerhand dazu gesagt wurde? Dieser Herausforderung stellte sich Maybrit Illners Talkshow am späten Donnerstagabend im ZDF.

Und es ging kurzzeitig hoch her. Zwar war in der Sendung mit dem Titel „Machtkampf um die GroKo – Schulz und Merkel zittern“ von Merkel so gut wie gar nicht die Rede, dafür von der SPD umso mehr. Am Ende, als Details zum Sondierungspapier sich zu konkreten Streitfragen verdichteten, mochten Zuschauer beinahe bedauern, dass Illner zu Markus Lanz abgeben musste (in dessen unmittelbar anschließender Talkshow mit Karl Lauterbach gleich der nächste SPD-Politiker gastierte).

Das Aufeinandertreffen zweier aktuell wichtiger SPD-Politiker bildete auch die Hauptattraktion der Illner-Show: einerseits Kevin Kühnert, der bundesweit bekannte Juso-Bundesvorsitzende („Bild“-Zeitung: „SPD-Milchgesicht“) und GroKo-Gegner. Andererseits Stephan Weil, der als einziger SPD-Wahlgewinner 2017 und niedersächsischer Ministerpräsident selbst in einer Großen Koalition regiert. Weil benannte eines der Probleme, das die SPD im Wahlkampf 2017 aus seiner Sicht gehabt habe und das auch aktuell zur ungerecht schlechten Beurteilung der Sondierungsergebnisse beitrage: „Wir hatten viele Themen, aber kein Thema.“


Das Gleiche galt auch für Illners Talkshow, in der munter durcheinander, aber nicht gerade konsistent diskutiert wurde. Wobei so etwas für öffentlich-rechtliche Polit-Talkshows ja die Regel darstellt und längst nicht mehr als Problem gewertet wird.

Aufschlussreich verlief also das Aufeinandertreffen der beiden Sozialdemokraten. Kühnert bewies Talkshow-Eignung, indem er schnell und satzsicher viele Argumente vorbrachte. Er wird sicher noch oft eingeladen werden. Wolle die SPD wieder stärker werden, sagte er, dürfe sie „nicht den immergleichen Fehler wiederholen“ und den Eindruck erwecken, „der Kompromiss sei der eigentliche Antrieb unserer politischen Arbeit“.

Weil entgegnete, dass es auch in der Regierung möglich sei, „sich selbst eine neue Schubkraft“ zu geben. Die SPD sei „eine Verantwortungspartei, das ist Teil unserer DNA“ und habe während der Sondierungen in „knüppelharten Verhandlungen“ sehr wohl Erfolge erzielt.

Neben zwei SPD-Vertretern gehörten auch zwei Publizisten zur Runde. Der eine war Politikwissenschaftler Albrecht von Lucke, der in bewährt kraftvoller bis atemloser Diktion die längsten Bögen schlug und vehement forderte, die SPD müsse einer weiteren GroKo zustimmen. Schuld an ihrer Bundestagswahlniederlage sei nicht die vorherige Koalition gewesen, sondern Kanzlerkandidat Schulz. Kühnert wiederum würde zum „Boris Johnson der deutschen Politik“ werden, falls seine Partei am Sonntag gegen Koalitionsgespräche stimmen würde. Denn dann wäre die SPD erledigt und die Union bliebe als „die letzte von zwei Volksparteien“ übrig.


Als zweiter Publizist war Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart zu Gast, der wiederholt „Sympathie für die Jusos“ äußerte, weil er wie sie ebenfalls gegen eine weitere GroKo sei. Eine solche würde die Gegenwart nicht gestalten und Zukunftsfragen nicht lösen. Das Sondierungspapier sei eine „Festschreibung der Verhältnisse, wie sie sind“, sagte Steingart.

Als fünfter Gast hielt sich die rheinland-pfälzische CDU-Politikerin Julia Klöckner, passend zur Rolle ihrer Partei in allen Verhandlungen der vergangenen Monate, inhaltlich zurück. Vermutlich freute sie sich darüber, dass entgegen dem Sendungstitel von Angela Merkel kaum die Rede war. Klöckner sprach oft und gerne von den Sondierungsgesprächen, die sie (genau wie Weil, der ebenfalls teilgenommen hatte) als Erfolg wertete.

Doch Kühnert und Steingart bezogen gemeinsam Gegenpositionen. Der Juso-Chef warf der CDU-Frau „Larmoyanz“ vor. Der Journalist beklagte, es werde bloß über Verteilungsfragen geredet, nicht aber über den „heißen Kern einer Volkswirtschaft“, etwa Themen wie „Spitzenbildung“. Das Sondierungspapier bedeute eine „Umverteilung von Jung nach Alt“. Da pflichtete Kühnert gleich wieder bei.

Daraus entwickelte sich tatsächlich ein rentenpolitischer Fachstreit, nicht nur, aber besonders zwischen den beiden Sozialdemokraten Kühnert und Weil, die jeweils Detailkenntnis demonstrierten. Über ihre konkreten Streitpunkte hätten am Thema interessierte Zuschauer gerne mehr erfahren. Doch haben ruhige Detaildiskussionen in Polit-Talkshows eher wenig Raum, und gegen Ende nimmt erfahrungsgemäß das gleichzeitige Gegeneinanderanreden zu. Falls die SPD am Sonntag aber für eine Neuauflage der GroKo stimmt, werden die Talkshows der kommenden Wochen und Monate noch genug Gelegenheit zur Vertiefung bieten.