Weshalb in Spanien die Angst umgeht

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Weshalb in Spanien die Angst umgeht
Weshalb in Spanien die Angst umgeht

Spanien und große Fußball-Turniere? Das hat in jüngerer Vergangenheit fast immer gepasst.

Auch bei dieser EM sprach im Vorfeld vieles dafür, dass die Spanier zu den Titel-Favoriten zählen: eine auf dem Papier leichte Gruppe, Heimspiele in Sevilla und ein Kader mit vielversprechenden Spielern - die Erwartungen auf der iberischen Halbinsel Land waren entsprechend hoch.

Doch nach zwei ernüchternden Unentschieden sieht die spanische Fußballwelt ganz anders aus. Es herrscht Alarmstimmung - genauer gesagt: "Alarm in Rot!", wie die spanische as nach dem zweiten Gruppenspiel gegen Polen titelte. Die Marca schreibt: "Spaniens Frustration bei der EM geht weiter."

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Spanien nutzt spielerische Überlegenheit nicht

Dafür gibt es einige Gründe. Auf das torlose Remis gegen Schweden folgte eine noch enttäuschendere Vorstellung gegen Polen (1:1), bei der die Spanier immerhin ein Tor erzielten. (Ergebnisse und Spielplan der EM)

Doch die Kritik von außen wird nicht kleiner, im Gegenteil. Denn der Weltmeister von 2010 macht viel zu wenig aus seiner spielerischen Überlegenheit auf dem Platz. So hat Spanien nach zwei Spieltagen die mit Abstand meisten Pässe im Turnier (1712) gespielt - und daraus fast nichts Zählbares gemacht. Gegen Schweden kreierte die Mannschaft immerhin noch einige gute Chancen, aber gegen Polen drang die Offensive kaum noch in den gegnerischen Strafraum vor.

Den fehlenden Drang nach vorne bemängelt auch SPORT1-Experte Mario Basler. "Spanien spielt derart veraltet und so einen langsamen Fußball, nur hintenrum", wunderte er sich im EM Doppelpass auf SPORT1.

Spanien führt Statistiken an und bleibt trotzdem harmlos

Die Konsequenz: Obwohl Spanien sowohl gegen Schweden (85 Prozent Ballbesitz) als auch gegen Polen (77 Prozent) die klare Kontrolle über den Ball hatte, ist aus 28 Schüssen erst ein Tor entstanden. Neben der höchsten Ballbesitzquote des Wettbewerbs weist die spanische Elf auch noch die meisten Angriffe bei der laufenden EM (151) vor.

Offensichtlich aber funktioniert es eben vor dem Tor nicht - das verdeutlichte auch der verschossene Strafstoß von Gerard Moreno gegen Polen.

Aber als wären die Probleme im Angriff nicht schon groß genug, bleibt auch die spanische Defensive nicht sorgenfrei. Zwar musste Torhüter Unai Simón erst einmal hinter sich greifen, dennoch überwiegt das Gefühl, dass es nicht viel braucht, um die Abwehr ins Wanken zu bringen.

So schaffte Schweden fast die Sensation, als Marcus Berg freistehend zwei Meter vor dem Tor vergab. Auch Polen nutzte neben dem Treffer durch Robert Lewandowski die kleinen Unsicherheiten der spanischen Abwehr aus, kam mit mehreren guten Chancen vor das Tor und scheiterte an Pfosten und Latte. (Tabellen der EM)

Basler: "Wie konnten wir gegen Spanien 0:6 verlieren?"

"Wie konnten wir gegen die nur 0:6 verlieren?", fragte sich Basler mit Blick auf die Klatsche der DFB-Auswahl im vergangenen November. Damals hatte die spanische Nationalmannschaft im gleichen Stadion mit einer sehr ähnlichen Aufstellung bewiesen, dass das Team von Trainer Luis Enrique eigentlich viel mehr kann.

Doch die Kreativität und Spielfreude sucht man bei der EM vergebens. Leipzigs Dani Olmo oder Moreno schafften es gegen Polen nicht, für die gewünschten Überraschungsmomente zu sorgen.

Bislang festigt sich der Eindruck, dass der als Sturkopf bekannte Coach Luis Enrique nicht die richtigen Lösungen findet, um aus der zweifellos vorhandenen spielerischen Klasse das Optimum herauszuholen.

So verwundert es nicht, dass erste Stimmen aus Spanien mehr Einsätze von erfahreneren Spielern fordern. Einer, der sicherlich für den magischen Moment sorgen könnte, wäre Thiago. Doch der ehemalige Bayern-Profi stand bei dieser EM erst 30 Minuten auf dem Platz, obwohl er im Saisonfinale für Liverpool wieder regelmäßig spielte.

Die Stimmung ist angespannt, die Unterstützung der kritischen spanischen Fans bröckelt. "Normalerweise steht bei solchen Turnieren alle Welt hinter ihrer jeweiligen Mannschaft...", erwähnte Alvaro Morata nach erneuten Pfiffen vielsagend. Der Stürmer ist die tragische Figur in Enriques Team: Der Coach hielt nach großer Kritik an Morata fest, der dankte es mit dem Tor gegen Polen, war nach weiteren vergebenen Großchancen dann aber doch wieder der Verlierer und unfreiwillige Hauptdarsteller in zynischen Internet-Clips.

Nichtnominierung von Ramos sorgt für Unverständnis

Hinzu kommt das Fehlen eines langjährigen Führungsspielers: Sergio Ramos wurde nach mehreren Verletzungspausen in der vergangenen Spielzeit nicht für die EM nominiert. Die Entscheidung von Trainer Enrique stieß im Doppelpass auf großes Unverständnis. "Ramos war beim Sieg gegen Deutschland auch noch dabei, ihn auszusortieren, war ein bisschen zu kurzfristig von Luis Enrique", meinte Steffen Freund.

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"So einen Spieler wie Ramos muss ich doch mitnehmen zu einer Europameisterschaft, selbst wenn er nicht spielt. Damit tust du dir doch keinen Gefallen. So hat die Mannschaft jedenfalls keine Chance, weit zu kommen, das enttäuscht mich", stimmte Basler zu.

Auch SPORT1-Experte Stefan Effenberg bemängelte den generellen Mangel an Führungsstärke im spanischen Team: "Spanien fehlen bei dieser EM schlichtweg die Spielerpersönlichkeiten wie ein Sergio Ramos, der den ganzen Laden im Griff hat." Zudem sei es "grenzwertig", keinen Spieler von Real Madrid zu nominieren. "Das wäre doch genauso, wenn du keinen vom BVB mitnehmen würdest", verglich der Ex-Nationalspieler.

Hoffen kann Spanien immerhin noch auf den eigentlichen Kapitän Sergio Busquets. Der Routinier steht nach einer Corona-Infektion wohl erst nach der Gruppenphase wieder voll zur Verfügung. Doch um überhaupt ins Achtelfinale einzuziehen, braucht Spanien am Mittwoch gegen die Slowakei zunächst einen Sieg. (EM 2021: Slowakei - Spanien, Mittwoch ab 18 Uhr im LIVETICKER)

Spätestens dann sollte der ursprüngliche Mitfavorit seine Ladehemmung vor dem Tor beheben.

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