Regierung muss Lieferpläne für Impfstoff erneut kürzen: Bis Ende April fallen nochmals 373.000 Dosen aus

Lars Petersen
·Lesedauer: 3 Min.
Corona-Impfzentrum in Bonn
Corona-Impfzentrum in Bonn

Das Gesundheitsministerium hat seine Impfstoff-Lieferpläne für Impfzentren und Arztpraxen innerhalb von nur vier Tagen erneut geändert und die bis Ende April erwartete Menge gesenkt.

Der Vergleich der Lieferpläne vom 8. und 12. April zeigt, dass bundesweit innerhalb der nächsten knapp zwei Wochen 373.290 Dosen ausfallen.

Der neue Lieferplan vom 12. April. Verglichen mit dem Plan vom 8. April zeigt sich: Es fallen im April offenbar rund 373.000 erwartete Impfstoffdosen aus
Der neue Lieferplan vom 12. April. Verglichen mit dem Plan vom 8. April zeigt sich: Es fallen im April offenbar rund 373.000 erwartete Impfstoffdosen aus

Vor allem zwei Hersteller haben ihre Mengen deutlich reduziert: Rund 134.000 Impfdosen fallen bei Moderna aus, mehr als 240.000 von AstraZeneca (der aktuelle Lieferplan hier als Download). Biontech liefert dagegen geringfügig mehr.

Verglichen mit noch früheren Lieferplänen vom 6. April ist der Schwund noch größer. Danach hatte das Ministerium für die 15, 16. und 17. Kalenderwoche im April allein bei AstraZeneca mit 3,36 Millionen Dosen für Impfzentren und Praxen gerechnet. Nun werden es im gleichen Zeitraum rund 420.000 sein – also mehrt als 2,9 Millionen Dosen weniger.

Die öffentliche Lieferprognose des Bundesgesundheitsministerium mit Stand 6. April
Die öffentliche Lieferprognose des Bundesgesundheitsministerium mit Stand 6. April

Die erneute Änderung sorgt bei Verantwortlichen in Impfzentren und Praxen für Ernüchterung. Am Dienstag wurde zudem ein Lieferstopp von Johnson & Johnson bekannt, weil Nebenwirkungen aufgetaucht sind. Daher fallen ohnehin fast 233.000 Dosen kurzfristig aus.

Warum bei den anderen Firmen in so kurzer Zeit so viel Impfstoff plötzlich ausfällt, ist bislang unklar. Vor allem AstraZeneca gilt als unzuverlässiger Lieferant, dessen Angaben sich kurzfristig ändern können.

Eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums sagte dazu vorige Woche zu Business Insider, dass es keine Änderungen in den Lieferplänen bei AstraZeneca gebe. Da Impfzentren ab Mitte April nur noch Zweitimpfungen mit AstraZeneca durchführen, würden die Liefermengen dem Bedarf entsprechen, der für Zweitimpfungen mit AstraZeneca nötig sei. Der Rest gehe an die Praxen. Dort seien die ursprünglich erwarteten Mengen zur besseren Planungssicherheit um eine Woche verschoben worden.

Nun fallen im April Hunderttausende Dosen aus. Der Schwund betrifft zu zwei Dritteln Praxen – die in der vergangenen Woche gerade für einen Impfschub gesorgt haben.

Wollen Länder umstrittene AstraZeneca-Dosen loswerden?

Nach Recherchen von Business Insider sorgen die neuen Lieferpläne hinter den Kulissen für Zündstoff zwischen Bundesländern, Kassenärzten und dem Gesundheitsministerium.

Obwohl die Liefermengen der verschiedenen Hersteller für Mai offenbar noch unklar sind, will das Gesundheitsministerium den Ländern vorerst weiterhin wöchentlich 2,25 Millionen Dosen für die Impfzentren liefern. Der überwiegende Teil soll von Biontech kommen, der Rest von anderen Herstellern.

Sollte sich die Gesamtmenge von Biontech im Mai nicht gravierend erhöhen, werden die Praxen vor allem mit AstraZeneca beliefert. Aus Sicht der Kassenärzte wäre das ein Problem: In den Praxen sind die meisten Patienten älter als 60, haben vielfach schon eine Erst- oder auch Zweitimpfung erhalten.

Zwar können Hausärzte gemäß der Empfehlung der Ständigen Impfkommission das Mittel von AstraZeneca auch an unter 60-Jährige geben – aber nur in Ausnahmefällen. Und dann ist nicht klar, wer haftet. Wegen möglicher Haftungsrisiken hatte das Verteidigungsministerium jüngeren Bundeswehrsoldaten im Ausland verboten, sich mit AstraZeneca zu impfen. Wenn also selbst die Bundesregierung Haftungsrisiken nicht eingehen will, warum sollten das dann Ärzte tun, so die Kritik.

Der Verdacht der Ärzte ist, dass die Länder für ihre Impfzentren lieber Biontech und Moderna wollen, und das weniger beliebte AstraZeneca an die Hausärzte weiterreichen. Sollte eine große Zahl der niedergelassenen Ärzte AstraZeneca aufgrund von Haftungsfragen nicht impfen wollen, droht die Impfkampagne in Deutschland erneut ins Stottern zu kommen. Ärzte-Vertreter dringen daher auf eine offizielle Freigabe von AstraZeneca für alle Impfwilligen auf eigenes Risiko.