Gene Hackman wird 90: Der Spätzünder aus der Oscar-WG

Christopher Schmitt

Seit mittlerweile 16 Jahren ist Hollywood-Legende Gene Hackman nicht mehr auf der Kinoleinwand zu sehen. Am 30. Januar wird der Tausendsassa, der die hohe Kunst des würdevollen Abgangs beherrscht, 90 Jahre alt.

Aufhören, wenn es am schönsten ist. Eine Floskel, so viel leichter gesagt als getan. Unzählige Personen des öffentlichen Lebens haben diesen Schritt verpasst, egal, ob sie in der Politik, im Sport oder in der Unterhaltungsbranche tätig waren. Und gibt es den perfekten Zeitpunkt zum Aufhören überhaupt? Schließlich weiß man ja nie, was da noch kommt. Es erfordert also eine gewisse Zufriedenheit mit seinem Gesamtwerk, um abschließen zu können.

Gene Hackman, der am 30. Januar 90 Jahre alt wird, erklärte bereits vor über einem Jahrzehnt, dass er seine Karriere nicht überziehen wolle und rundum zufrieden mit dem Erreichten sei. Und die Zeit geht auch an jemandem wie Hackman nicht spurlos vorbei, wie der Schauspieler kurz vor der Film-Rente selbst feststellte: "Es nimmt mich emotional sehr mit, wenn ich mich auf der Leinwand sehe. Ich fühle mich noch ziemlich jung, und dann sehe ich diesen alten Mann mit hängenden Wangen, müden Augen und lichtem Haar." Eine solch ereignisreiche Karriere hinterlässt eben ihre Spuren.

Seine Vita alleine an der zweifellos beeindruckenden Sammlung von zwei Oscars, vier Golden Globes - unter anderem für sein Lebenswerk - sowie unzähliger weiterer Auszeichnungen festzumachen, würde Hackmans Schaffen nicht gerecht werden. Denn wenn sich jemand über fünf Jahrzehnte im Hollywood-Zirkus als gefragter und geschätzter Schauspieler hält sowie in Würde abtritt, ist das nicht hoch genug zu bewerten. Dabei war der Werdegang des 1930 geborenen und bei seiner Großmutter aufgewachsenen Scheidungskinds mit dem bürgerlichen Namen Eugene Allen Hackman durchaus beschwerlich.

Eine WG voller Hollywood-Prominenz

Spulen wir zurück in die 50er-Jahre. Gene Hackman, Schulabbrecher und ehemaliger Funker bei der Marine, hatte soeben seine Schauspielausbildung an der Playhouse Acting School von Los Angeles nach lediglich drei Monaten abgebrochen und war zurück nach New York gezogen. Es ist bereits seine zweite Station im "Big Apple", wo er zuvor Journalistik studiert hatte. Nach zahlreichen Jobs bei Rundfunkanstalten im ganzen Land war er also wieder in der Stadt und lebte zusammen mit zwei ehemaligen Kommilitonen in einer Einzimmerwohnung. Alle drei träumen davon, als Schauspieler groß herauszukommen - und alle drei schaffen es. Nicht nur das: Bei den Mitbewohnern handelte es sich um keine Geringeren als die Oscar-Gewinner Dustin Hoffman und Robert Duvall.

Dass alle Mitglieder dieser talentierten WG später einen Goldjungen als bester Hauptdarsteller entgegennehmen durften und obendrein auch weiterhin befreundet blieben, klingt mehr nach Hollywood als es sich ein Hollywood-Drehbuch selbst trauen würde. "Der Erfolg hat mich nicht als Schauspieler verändert. Vielleicht als Person. Mehr Geld zu haben, ändert vieles", stellte der gebürtige Kalifornier Hackman einst nüchtern fest. Der Weg aus bescheidenen Verhältnissen zur gut bezahlten Film-Ikone bringt nun einmal Veränderungen mit sich.

Ebenso wie seinen Mitbewohnern gelang Hackman der große internationale Durchbruch erst in den späten 60er-Jahren. Nach diversen Auftritten am Broadway sowie im Fernsehen war er 1961 in "Der Tollwütige" erstmals im Kino zu sehen. Als Karrieresprungbrett erwies sich das erfolgreiche Verbrecher-Drama "Bonnie und Clyde". Für die Darstellung des Gangsters Buck Barrow wurde er 1968 ebenso für den Oscar als bester Nebendarsteller nominiert, ebenso für seine Rolle im Familiendrama "Kein Lied für meinen Vater" drei Jahre später. Erhalten hat er die renommierteste Filmauszeichnung der Welt schließlich 1972 für seine Paraderolle als "Popeye" Doyle im New-Hollywood-Klassiker "French Connection - Brennpunkt Brooklyn". Der Thriller, der mit Hackman zwar einen Star hervorbrachte, jedoch ohne Stars und mit einem geringen Budget von gerade mal 1,8 Millionen US-Dollar an den Start ging, spielte über 50 Millionen Dollar ein. Dabei erhielt Hackman die Rolle lediglich, da sie von zahlreichen Kollegen abgelehnt wurde.

Rennfahrer, Autor und Supermans Gegenspieler

Allerdings bewies er nicht immer das richtige Näschen. So ließ er Ende der 80er-Jahre die Riesenchance verstreichen, "Das Schweigen der Lämmer" als Regisseur umzusetzen und zusätzlich selbst Hannibal Lector zu mimen. Damals war ihm der Stoff zu düster, später bereute er die Entscheidung. Ende der 80-er und Anfang der 90er-Jahre blieb Hackmans Rollenauswahl gemeinhin eher unglücklich, und die Filme, in denen er mitwirkte, sorgten sowohl bei Kritikern als auch beim Kinopublikum für vergleichsweise geringe Resonanz. Stellvertretend sei hier die Actionkomödie "Der Harte und der Zarte" genannt,

Möglicherweise ein kleiner Schönheitsfleck, doch angesichts der ansonsten so beeindruckenden Filmografie letztlich eine Bagatelle. Filme wie "Der Dialog" von Francis Ford Coppola oder "Erbarmungslos" von Clint Eastwood, für den er seinen zweiten Oscar erhielt, festigten Hackmans Ruf als Charakterdarsteller. Das Wesen seiner Figuren zeichnete oft eine gewisse Hitzköpfigkeit aus, auch hier darf "Popeye" Doyle als Blaupause gelten. In der Rolle des Schwerverbrechers Lex Luthor bekämpfte er in drei "Superman"-Filmen den von Christopher Reeve gespielten Helden mit allerlei bösartig-genialen Plänen. Vielseitigkeit sowie ein Talent für Komik zeigte er hingegen in Komödien wie "Schnappt Shorty" oder "Heartbreakers - Achtung: Scharfe Kurven".

Dass scharfe Kurven jemanden wie Hackman nicht ins Schwitzen bringen, stellte er bereits in seiner Zeit als Amateur-Rennfahrer bei Sportwagenrennen unter Beweis. Unter anderem ging er beim 24-Stunden-Rennen von Daytona an den Start und bretterte beim 12-Stunden-Rennen von Sebring über die Rennstrecke. Nicht das einzige Talent, welches abseits der Schauspielerei in ihm schlummerte. Bereits während seiner Schauspiel-Karriere widmete Hackman sich dem Schreiben. Gemeinsam mit seinem Co-Autor Daniel Lenihan veröffentlichte er mehrere Romane und blieb seiner Schriftstellertätigkeit bis heute treu. Seine Nebenbeschäftigung wirkte sich keineswegs auf den Erfolg seines Spätwerks aus.

"Das Business ist mir zu stressig geworden"

Wes Andersons gefeierte Tragikomödie "Die Royal Tenenbaums" und der starbesetzte Thriller "Das Urteil" beweisen, dass Hackman auch im hohen Alter noch zu starken Leistungen fähig war. Zum letzten Mal stand er in der Polit-Satire "Willkommen in Mooseport" im Jahr 2004 vor der Kamera. Seine letzte Rolle war die eines verschrobenen Ex-Präsidenten in der Provinz. Anschließend deutete er bei Talkmaster Larry King das Ende seiner Laufbahn an, dem er verriet, dass es keine weiteren Filmangebote gäbe. Die Bestätigung folgte 2008.

"Es gibt nichts anderes, bei dem ich mich so lebendig fühle", sagte Hackman einst über die Schauspielerei, die er vermutlich mindestens so sehr vermisst wie seine Fans ihn auf der Leinwand. "Aber das Business ist mir zu stressig geworden. Man muss zu viele Kompromisse machen, und da bin ich zur Überzeugung gekommen, dass ich das nicht mehr will." Was er jetzt will? Hauptsächlich seine Ruhe auf seinem Anwesen im idyllischen 800-Seelen-Dorf Tesuque bei Santa Fe. In New Mexico lebt der dreifache Vater zurückgezogen mit seiner zweiten Frau Betsy Arakawa und seinen zwei Schäferhunden. Den Lebensabend verbringt er ohne seine große Leidenschaft, der Schauspielerei, aber auch ohne Kompromisse.