Die späte Rache der Geisteswissenschaftler

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Hollywood ist überall

Harvey Weinstein ist nur die extreme Ausprägung eines weitverbreiteten Phänomens. Der Sexismus in Wirtschaft und Politik ist noch lang nicht ausgestorben. Und selbst im progressiven Silicon Valley ist er ein Problem.


Wer von Euch, liebe Geisteswissenschaftler, erinnert sich nicht an seine Studienzeit zurück? Wir debattierten leidenschaftlich darüber, wie sich Hegel wohl bei seiner Philosophie des Geistes von Sophokles’ Antigone-Tragödie inspirieren ließ, ereiferten uns über den verschwurbelten Alm-Öhi-Ton von Heidegger inklusive der noch schwurbeligeren Weltsicht – oder auch ein anderes Thema, dessen Relevanz sich kaum einem außer uns erschloss. Permanent nagte die Sorge an uns, womit wir mal die Miete zahlen sollten.

Damals rieten uns alle zu etwas Vernünftigem, dem Berechenbaren, wie der Banklehre, dem Jura- oder Medizinstudium, der Laufbahn im öffentlichen Dienst. Und wie oft haben wir uns innerlich gekielholt, weil wir Dostojewski spannender fanden als BWL. Obwohl das unvernünftig war, unsicher und ziemlich prekär.

Inzwischen, da sich intelligente Maschinen allerorts an uns schmiegen, haben viele der so vernünftigen Jobs immer weniger Zukunft. Künstliche Intelligenz wird nicht nur besser darin, komplizierte Rechenoperationen durchzuführen, große Datenmengen auszuwerten, in starren, klar definierten Rastern. Sondern sie lernt in immer größerem Maße selbst und übertrumpft immer wieder ihre ausgebildeten Lehrer.


Der niederländische Soziologieprofessor Chris Snijders fand heraus, dass hochbezahlte Manager nicht immer die besten Resultate erzielen, sondern viele der Routinefragen wie Budgetberechnungen besser durch Computermodelle ersetzt werden können. Googles hoch finanziertes Künstliche-Intelligenz-Projekt „Alpha Go“, trainiert im chinesischen Brettspiel, schlug inzwischen alle menschlichen Champions. Und einer Studie im Auftrag der US-Regierung zufolge sinkt die Fehlerquote bei der Diagnose von Brustkrebs auf 0,5 Prozent, wenn Mediziner Maschinen zu Rate ziehen.

Für den Arbeitsmarkt heißt das, dass die alten Karrierewege prekärer werden oder sich doch zumindest sehr verändern, dass das einzig Sichere nur die Unsicherheit ist. Es gibt inzwischen viele Studien zu diesem Thema, doch kein Experte kann heute ganz sicher sagen, wie viele Jobs tatsächlich wegfallen oder ob nicht auch viele neue entstehen. Wer hätte vor dem iPhone gedacht, dass eine ganze Industrie mal auf App-Programmierung fußt.


Selbst Google stellt Philosophen ein

Die Zukunft sollte uns nicht ängstigen, sondern zu einem Strategiewechsel ermutigen. Sie wird uns ein hohes Maß an Flexibilität und fortdauernder Anpassungsfähigkeit abfordern. Alles wird immer unberechenbarer, experimenteller. Wenn Geisteswissenschaftler etwas lernen, dann ist es das: die Kunst, nicht auf einen klaren Beruf, eine klare Zukunft hinzustreben, sondern auf Sicht zu fahren und den Kurs immer wieder anzupassen.


Das ist eine Stärke, die man nur unterschätzen kann. Das Unfertige, das Artefakt, das wusste schon Novalis, besitzt eine eigene, unzerstörbare Magie. Wir werden mit den Computern in vielen Bereichen schon bald nicht konkurrieren können, wir sollten es nicht versuchen.

In der Debatte um künstliche Intelligenz geht es schon jetzt im Silicon Valley immer weniger darum, was die Maschinen können oder können werden (fast alles), sondern welche Haltung wir zu ihren Fähigkeiten einnehmen. Die Initiative „Partnership on AI“ von Apple, Google, Amazon, Facebook und vielen anderen Firmen ist dafür ebenso ein Beispiel wie „Open AI“ von Tesla-Chef Elon Musk. An der Diskussion darüber, wer die Rahmenbedingungen für künstliche Intelligenz schafft, beteiligen sich nicht nur Programmierer.

Google stellt inzwischen Philosophen ein – das ist so etwas wie die späte Rache der Geisteswissenschaften. Einige sehr erfolgreiche digitale Vordenker haben mal brotlose Kunst studiert, wie Youtube-Chefin Susan Wojcicki (Geschichte und Literatur), der Investor Peter Thiel und Stewart Butterfield von Slack (Philosophie) oder Alibaba-Chef Jack Ma (Englisch).

Selbstredend werden wir ohne Programmierer in Zukunft kaum auskommen. Doch die Beispiele zeigen, dass es weniger darauf ankommen wird, was wir wissen, sondern wie wir denken. Die Maschinen werden uns viele Antworten geben, wie schon heute die smarten Lautsprecher. Doch sie nehmen es uns nicht ab, die richtigen Fragen zu finden.


Immer dienstags schreiben Britta Weddeling und Axel Postinett, Korrespondenten des Handelsblatts im Silicon Valley, im Wechsel über neue Trends und den digitalen Zeitgeist im Tal der Nerds.