Die deutschsprachigen Länder haben in Europa die mit Abstand niedrigsten Impfquoten — dies sind laut dem Soziologen Oliver Nachtwey die Gründe

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Eine Querdenker-Demo in Leipzig am 06. November.
Eine Querdenker-Demo in Leipzig am 06. November.

Die vierte Corona-Welle trifft in Europa auch die deutschsprachigen Länder Deutschland, Österreich und die Schweiz hart. Die Sieben-Tage-Inzidenz ist in Deutschland so hoch wie nie. Viele Intensivstationen geraten wieder ihre Grenzen. Österreich führt einen Lockdown für Ungeimpfte ein. Eine Klinikgruppe in Salzburg muss bald per Triage entscheiden, welche Patienten noch behandelt werden können. Auch in der Schweiz steigen die Fallzahlen.

Auffallend ist dabei, dass die deutschsprachigen Länder in Europa die mit Abstand niedrigsten Impfquoten haben. Das ergab eine Auswertung der „Financial Times“. Danach sind in Österreich 24.8 Prozent der über 12-jährigen Bevölkerung nicht geimpft, in der Schweiz 24,4 Prozent und in Deutschland 22,1 Prozent. Mit großem Abstand folgt Schweden mit 16,1 Prozent. Bei den meisten europäischen Länder liegt die Quote der Ungeimpften zwischen sieben und 14 Prozent. Die mit Abstand höchsten Impfquoten haben Island und Portugal, wo nur noch weniger als zwei Prozent nicht geimpft sind.

Woran liegt das? Ist es nur Zufall, dass gerade in den deutschsprachigen Ländern die Zahl der Ungeimpften so hoch ist? Dem Soziologen Nachtwey zufolge nicht.

Deutschland, Österreich und die Schweiz seien stark vom Föderalismus geprägte Staaten, sagte Nachtwey im „Deutschlandfunk". Es gebe deshalb eine „gewisse Skepsis gegenüber dem Bund". Das Verhältnis zwischen den Bundesländern oder Kantonen und der Zentralregierung sei angespannt. Dieses Spannungsverhältnis werde durch die Pandemie "durchpolitisiert", so der Professor für Sozialstrukturanalyse an der Universität Basel.

Esoterik, Politisierung und fehlende Solidarität

Auch Eigenheiten im deutschsprachigen Kulturkreis spielten eine Rolle, sagte Nachtwey. Vor allem sei Esoterik relativ weit verbreitet. Viele Menschen verweigerten sich einer Impfung und wiesen stattdessen auf alternative Heilungs- und Pflegeansätze hin, die oft nicht medizinisch belegbar sind. Oft treffe Esoterik auf eine Politisierung der Corona-Pandemie. "Da kommen linke kulturelle Merkmale mit rechter Politisierung zusammen und das macht diese extrem toxische Mischung der Impfverweigerung aus", sagte Nachtwey dem „Deutschlandfunk“.

Einer Forsa-Umfrage zufolge wählt eine Hälfte aller Impfgegner die rechte AfD. In anderen europäischen Ländern sind rechte Parteien jedoch sogar noch stärker vertreten, etwa in Frankreich die Rassemblement National oder in Italien die Lega Nord. Warum gibt es dort nicht mehr Impfverweigerer? Nachtwey zufolge gibt es gerade in diesen Ländern einen stärkeren Solidaritätsgedanken. Familien lebten anders als in deutschsprachigen Gebieten über Generationen hinweg enger zusammen. Die Solidarität mit anderen Alters- und Bevölkerungsgruppen sei in Ländern wie Spanien, Italien und Portugal größer als in Deutschland, Österreich oder der Schweiz.

In Deutschland sei zudem der Anteil Ungeimpfter mit Migrationshintergrund vergleichsweise hoch. Dies liege auch an der Sprachbarriere, so Nachtwey. In dieser Bevölkerungsgruppe sei jedoch keine „prinzipielle Impfskepsis zu erkennen“. Stattdessen würde eine gute Aufklärungskampagne benötigt.

kh

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