„Soziale Gerechtigkeit“ auf den Unterarm tätowiert?

Der SPD-Kanzlerkandidat steht im Youtube-Interview Rede und Antwort. Der Wähler erfährt dabei viel Persönliches von Martin Schulz – allerdings nur den „zweitgrößten Mist“, den er als Jugendlicher gebaut hat.


Was denn der „größte Mist“ sei, den er als Jugendlicher gebaut habe, will Internetstar Nihan von Martin Schulz wissen. Der SPD-Kanzlerkandidat windet sich: „Da schäme ich mich ein bisschen. Das kann ich nicht öffentlich machen.“ Dann gibt er den „zweitgrößten Mist“ zum Besten: In einer durchzechten Nacht habe er ein Paket Waschpulver ins Freibad geschüttet. Es sei sogar die Polizei gekommen. „Ich war aber schnell genug“, erklärt Schulz. Hinter ihm blinkt die Studiokulisse. Fotos von Nagellackfläschchen, einem Caféhaustisch, einer Katze. 

Eine gute Stunde lang stellt sich der SPD-Kanzlerkandidat an diesem Dienstagmittag auf Youtube den Fragen von Internetstars. Gleich vier junge Youtuber löchern Schulz.


Da ist „ItsColeslaw“, die blonde Psychologiestudentin Lisa Sophie, die normalerweise auf Youtube über Alltagsprobleme und Tabuthemen spricht. Außerdem die 26-jährige Nihan, die via Internet Kosmetiktipps gibt und aus ihrem Alltag berichtet („Türkisch Kochen mit den Omis“). Dazu kommt „MrWissen2go“, der gerne die Welt erklärt. „Ihr seid schlecht in Geschichte, von Politik habt ihr keine Ahnung, und was in der Zeitung steht, habt ihr noch nie verstanden? Macht nichts, dafür habt ihr jetzt ja mich“, wirbt der 31-Jährige für seine Sendungen. Hinter „MarcelScorpion“ steckt Marcel Althaus, der vor fünf Jahren als 18-Jähriger als Selbstdarsteller bei Youtube begann. Bei ihm geht es sonst um Lifestyle und Entertainment. Zusammen erreichen die Kanäle der Internetstars mehr als 2,5 Millionen Follower.

Für Schulz ist es zunächst ein Glück, dass ihn die mit Goldkettchen geschmückte Nihan zum Thema Integration befragt. „Viele aus Ihrer Community zählen zu meinem Freundeskreis“, kann der Mann aus Würselen, der ehemaligen Bergbaustadt, berichten. Nihan kichert angetan, will dann aber doch wissen, wie sich die Integration verbessern lasse, denn bislang sei ja vieles schief gelaufen. Ihre Oma etwa spreche noch immer kein Deutsch, obwohl die Familie seit drei Generationen in Deutschland lebe. Die Beschleunigung der Asylverfahren, Arbeit für jene, die bleiben dürfen, und Sprachunterricht, rattert Schulz das SPD-Wahlprogramm runter.


Bereits vor drei Wochen hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sich den Fragen von Youtubern gestellt. Dabei verriet sie, dass ihr „Lieblingsemoji“ der Smiley ist und dass sie Hass im Internet für Unfähigkeit hält, Argumente vorzubringen. Sie äußerte sich aber auch zur Lage in Nordkorea und in der Türkei, zu US-Präsident Donald Trump oder zur Pleite der Fluggesellschaft Air Berlin. Bis heute wurde das Video rund 1,8 Millionen Mal abgerufen.

Forscher halten es für eine kluge Strategie, sich den Fragen auf Youtube zu stellen. Denn es werde eine junge Zielgruppe erreicht, die sich nicht besonders für Politik interessiere und mit den traditionellen Wahlkampfmitteln nur schwer erreichbar sei, meint Kommunikationsforscher Patrick Donges von der Universität Leipzig.


Erklärung mit persönlichen Anekdoten


Auch mit Schulz werden rund zweieinhalb Wochen vor der Bundestagswahl viele Themen angerissen: US-Präsident Donald Trump, den Schulz verspricht härter anzugehen, als Merkel dies tue. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan, der laut Schulz eine „sehr harte Sprache“ spreche und deswegen selbst auch mit „Klartext“ angesprochen werden müsse. Nordkorea, für das sich Schulz eine diplomatische Lösung erhofft, für die „der Schlüssel in Peking“ liege.

Der SPD-Kanzlerkandidat will die Politik möglichst anschaulich machen. Seine Strategie: Er verbindet sie mit persönlichen Anekdoten. So erfährt der Zuschauer beim Thema Digitalisierung, dass ein Freund von Schulz einen schweren Unfall hatte, aber gerettet werden konnte, weil Röntgenbilder über das Internet vorab in die Klinik übertragen werden konnten. Beim Thema Bildung berichtet Schulz, seine Mutter sei „außer sich“ gewesen, als er von der Schule geflogen sein. „Einen ungewöhnlichen Lebensweg gehen ist doch super, aber werft Euer Leben nicht weg“, erklärt er der blonden „ItsColeslaw“. Er sei gegen eine Legalisierung von Cannabis, beteuert Schulz zudem und berichtet: „Mit 24 war ich alkoholabhängig. Ich bitte darum um Verständnis, dass ich nicht für Rauschmittel bin.“ Dennoch würde Schulz sich als Kanzler dafür einsetzen, dass nach der Wahl die Abgeordneten im neuen Bundestag ohne Rücksicht auf ihre Parteilinie abstimmen könnten, ob das Cannabis-Verbot bleibt oder gestrichen wird. „Ja, das wäre vernünftig“, sagt der SPD-Kanzlerkandidat.


„MrWissen2go“, der mittlerweile gegenüber von Schulz im weißen Ledersessel Platz genommen hat, lässt das so stehen. Zuvor hatte er sich vom SPD-Kanzlerkandidaten schon erklären lassen müssen, dass in Deutschland nicht der Staat die Löhne festlege, sondern die Tarifpartner diese aushandelten. Also werden schnell die schlechten Umfragewerte der SPD angesprochen. „Ich blende das auf gar keinen Fall aus“, versichert Schulz. Aber die Hälfte der Wähler sei noch unentschlossen. „Ich will Kanzler werden. Da kämpfe ich bis zum letzten Meter.“

Die „Community“ im Internet darf ebenfalls mitmachen und per Twitter Fragen einreichen, die dann während des Livestreams an Schulz weitergereicht werden. Es geht um Massentierhaltung, Internetkriminalität, das Jobcenter. Schulz gibt bereitwillig Auskunft. Seine Antwort auf vieles: Investitionen. In den Breitbandausbau, in Bildung, sogar den E-Sport der Zukunft will Schulz fördern. Auf die Frage, wo er denn das Geld für die Bildung wegnehmen wolle, antwortet er: „Das nehmen wir nirgendwo anders weg. Wir haben Steuerüberschüsse. Das Geld ist da.“


Außerdem menschelt der SPD-Kanzlerkandidat, wann immer möglich. „Da habe ich richtig mitgelitten“, sagt er über das Gefühl der Heimatlosigkeit eines türkischstämmigen Freundes. „Das ist mir ans Herz gegangen“, beteuert er, als er vom Kampf der Milchbauern gegen die milchpreisdrückenden Lebensmitteldiscounter in seiner Zeit als EU-Parlamentarier berichtet. „Das berührt mich sehr“, kommentiert der gelernte Buchhändler die Tatsache, dass Ausbildungsberufe kaum noch Anerkennung erfahren. Auch über Schulz‘ Frau erfährt der Zuschauer etwas. Sie sei eine große Tierschützerin, eine „Nachhaltigkeitspedantin“ mit Jutebeutel.

So oft wie er von „sozialer Gerechtigkeit“ spreche, habe er sich das ja sicher auf den Unterarm tätowiert, flachst da „MrWissen2go“. Aber die Sozialdemokraten hätten doch in den vergangenen Jahren mitregiert. „Hat die SPD es verbockt?“, will der Internetstar wissen. „Seit zwölf Jahren stellen wir nicht den Kanzler, der die Richtlinienkompetenz hat“, rechtfertigt sich Schulz. Als Juniorpartner habe die SPD nicht alles durchsetzen können. „Das ist der Grund, warum ich Kanzler werden will.“