"Sonderangebote sind wie eine Droge"


Sale, Sale, Sale: In Deutschlands Innenstädten hat wieder die große Zeit der Sonderangebote begonnen. Kurz vor Beginn der Sommerferien in den meisten Bundesländern setzen immer mehr Modehändler den Rotstift an und locken mit hohen Preisabschlägen.

„Es gibt mehr Rabattaktionen als in der Vergangenheit und sie fangen immer früher an“, beobachtet Joachim Stumpf von der Münchner Handelsberatung BBE. Kein Wunder, findet der Handelsexperte, denn die Boutiquen und Modegeschäfte in den Einkaufsstraßen stünden massiv unter Druck - einerseits durch den Online-Handel, andererseits durch Billiganbieter wie Primark oder TK-Maxx.

Getrieben wird die Flut der Sonderangebote in diesem Jahr noch durch den schlechten Geschäftsverlauf seit Weihnachten. Laut einer Marktstudie des Branchenfachblatts „Textilwirtschaft“ lagen die Umsätze im stationären Textilhandel im Januar, Februar, April und Mai deutlich unter dem Vorjahresniveau - zum Teil um bis zu neun Prozent. Lediglich im März sorgten ein paar unerwartet frühe, sommerliche Tage für eine stärkere Kauflust. Doch Hoffnungen des Handels, damit beginne eine längere Markterholung, erfüllten sich nicht. Es blieb ein Strohfeuer.



Und so beherrschen in diesem Jahr schon mehr als einen Monat vor dem „offiziellen“ Sommerschlussverkauf knallrote Ausverkauf-Schilder die Schaufenster. In edleren Läden verweist manchmal nur ein kleines Metallschild auf die preisreduzierte Sommerware, die im Inneren wartet. Doch überall herrscht das gleiche, eigentlich absurde Prinzip: Gerade zu der Zeit, zu dem es in Deutschland wirklich Sinn macht, luftige Sommerkleider oder neue T-Shirts zu kaufen, muss dafür niemand mehr den vollen Preis zahlen. Es gibt sie ja massenhaft im Sonderangebot.



Verlierer sind vor allem kleine Modehändler


Was für den Handel ärgerlich ist, freut die Verbraucher. Und viele von ihnen haben sich längst darauf eingestellt. Für den Handel wird das zur Gefahr. „Sonderangebote im Modehandel sind wie eine Droge. Die Leute sind immer weniger bereit, den normalen Preis zu zahlen. Selbst Leute, die Geld haben, warten heute darauf, dass der Rotstift angesetzt wird“, sagt der Marketing-Experte Martin Fassnacht von der Wirtschaftshochschule WHU.

Den meisten Verbrauchern falle das Warten angesichts ihrer gut gefüllten Kleiderschränke auch nicht schwer. „Extrem modeinteressiert sind maximal zehn Prozent der Bevölkerung. Die wollen die neueste Ware haben“, meint der Fachmann. „Aber den meisten ist es egal, ob es sich um die aktuelle Kollektion oder um die davor handelt. Ihnen ist es wichtiger, ein Schnäppchen zu machen.“

Verlierer sind vor allem die kleinen Modehändler. „Wir werden noch viele Geschäfte verschwinden sehen“, prognostiziert Fassnacht.



Ein Ende der Rabattwelle ist nach Ansicht von Branchenkennern nicht in Sicht. Nach wie vor erzielen in Deutschlands Einkaufsstraßen aggressive Anbieter wie Primark mit niedrigen Preisen die größten Umsatzzuwächse und setzen die ganze Branche unter Druck. Mit dem amerikanischen Edel-Outlet Saks off 5th, das in den nächsten Jahren bis zu 40 Filialen in hiesigen Innenstädten eröffnen will, ist zudem noch ein neuer Wettbewerber auf den Plan getreten.

Für den Branchenkenner Stumpf ist daher ziemlich sicher, dass die Zahl der Rabatt-Aktionen auch künftig hoch bleiben wird. Das sie allerdings noch wesentlich zunimmt, glaubt er auch nicht. „Die Rabattschlachten nähern sich dem Höhepunkt. Das ist kaum noch zu steigern.“

KONTEXT

Die beliebtesten Einkaufsstraßen Deutschlands 2017

Methodik

An einem Wochentag und einem Samstag im März und April wurden händisch an mehr als 100 Zählpunkten in 36 deutschen Städten die Zahl der Passanten erfasst. Von Papenburg mit 35.000 Einwohnern bis Berlin mit 3,5 Millionen Einwohnern.Berücksichtigt wurde dabei auch das Wetter. Quelle: Engel & Völkers Commercial, Passantenfrequenzzählung 2017, 01.04.2017

Platz 10

Hamburg

Einkaufsstraße: Spitalerstraße

Durchschnittliche Passantenfrequenz pro Strunde

2017: 9248

2016: 7564

Differenz (2017/2016): +22%

Wetter: sonnig/bewölkt

Platz 09

Freiburg

Einkaufsstraße: Kaiser-Joseph-Straße

Durchschnittliche Passantenfrequenz pro Strunde

2017: 9594

2016: 1623

Differenz (2017/2016): +491%

Wetter: sonnig

Platz 08

Köln

Einkaufsstraße: Hohe Straße

Durchschnittliche Passantenfrequenz pro Strunde

2017: 9717

2016: 8800

Differenz (2017/2016): +10%

Wetter: sonnig/bewölkt

Platz 07

Dortmund

Einkaufsstraße: Westenhellweg

Durchschnittliche Passantenfrequenz pro Strunde

2017: 10.946

2016: 9113

Differenz (2017/2016): +20%

Wetter: bewölkt/Regenschauer

Platz 06

Frankfurt

Einkaufsstraße: Zeil

Durchschnittliche Passantenfrequenz pro Strunde

2017: 11.354

2016: 10.145

Differenz (2017/2016): +12%

Wetter: sonnig/bewölkt

Platz 05

Hannover

Einkaufsstraße: Georgstraße

Durchschnittliche Passantenfrequenz pro Strunde

2017: 14.189

2016: 8583

Differenz (2017/2016): +65%

Wetter: sonnig

Platz 04

München

Einkaufsstraße: Kaufingerstraße

Durchschnittliche Passantenfrequenz pro Strunde

2017: 14.816

2016: 17.653

Differenz (2017/2016): -16%

Wetter: sonnig/bewölkt

Platz 03

Köln

Einkaufsstraße: Schildergasse

Durchschnittliche Passantenfrequenz pro Strunde

2017: 15.089

2016: 11.201

Differenz (2017/2016): +35%

Wetter: sonnig/bewölkt

Platz 02

München

Einkaufsstraße: Neuhauser Straße

Durchschnittliche Passantenfrequenz pro Strunde

2017: 15.248

2016: 17.010

Differenz (2017/2016): -10%

Wetter: sonnig/bewölkt

Platz 01

Stuttgart

Einkaufsstraße: Königstraße

Durchschnittliche Passantenfrequenz pro Strunde

2017: 17.018

2016: 7.430

Differenz (2017/2016): +129%

Wetter: sonnig/bewölkt