Wenn es eine Sommer-Rally gibt, dann jetzt

Versöhnliche Töne im Handelsstreit aus den USA und die Aussicht auf eine verlässliche Zinspolitik stützen die Kurse. Hilfe von der Währungsseite kommt dazu: Der Euro neigt zur Schwäche.

Die jüngste Hoffnung auf eine verträgliche Lösung im Zollstreit kommt für die Börsen zum richtigen Zeitpunkt. Im Dax läuft gerade der Kampf um die 200-Tage-Linie, aktuell liegt der Index gut 50 Punkte darüber. Das ist noch keine positive Entscheidung, sieht aber gut aus. Der Dow Jones hat diesen Test schon bestanden, sogar der seit Frühjahr bestehende Abwärtstrend dürfte in New York bald genommen werden. In einem solchen Umfeld ist auch für den Dax noch mehr drin.

Dass es nun mit den USA plötzlich Einvernehmen in Zoll-Angelegenheiten gibt, ist wenig wahrscheinlich. Dennoch ist es ein Vorteil für die Börse, dass Trump sowohl gegenüber der EU als auch gegenüber den Nafta-Staaten versöhnliche Töne anschlägt. Im November finden in den USA Zwischenwahlen statt. Trump spürt offensichtlich, dass sein bisheriger Konfrontationskurs auch bei seinen Wählern nicht immer gut ankommt. Für die Börsen besteht damit ein Zeitfenster von einigen Monaten, in denen es weniger Querschüsse via Twitter geben dürfte.

Auch von der Zinsseite sieht es nicht schlecht aus. EZB-Chef Mario Draghi bestätigt seinen Kurs: Anleihekäufe dürften dieses Jahr auslaufen, Zinserhöhungen wird es wahrscheinlich nicht vor Herbst 2019 geben. Und wenn, dann werden sie aller Voraussicht nach vorerst überschaubar ausfallen. Draghi dürfte dabei auch die Fed mit ihren kleinen Zinsschritten vor Augen haben.


Stürzt der Euro gegen internationale Währungen ab?

So unspektakulär sich die Zinspolitik in Europa darstellt, so brisant ist derzeit die Entwicklung an den Währungsmärkten. Von April bis Mai hat der Euro innerhalb weniger Wochen zehn Cent gegenüber dem Dollar verloren. Damit beendete er nicht nur den steilen, seit Anfang 2017 bestehenden Aufwärtstrend; er kam auch gefährlich nahe wieder an die alte Ausbruchszone um 1,15 Dollar, die zweieinhalb Jahre lang die Obergrenze seiner Schwankungen darstellte. Eigentlich hätte der Euro mit seinem veritablen Anstieg über die 1,15er-Grenze ein neues, starkes Zeitalter einleiten können. Ist diese Neubewertung des Euro nun passé, droht der Rückfall in den alten Schwäche-Modus?

Der Euro hängt derzeit nicht nur gegenüber dem Dollar durch. Das Britische Pfund Sterling, das eigentlich wegen der wenig überzeugenden Brexit-Performance leiden müsste, legt seit April gegenüber dem Euro zu. Der Schweizer Franken, lange von den eidgenössischen Notenbankern gedämpft, schiebt sich immer näher an die wichtige Zone um 0,87 Euro. Der Yen legt seit Jahresanfang gegenüber dem Euro zu, zahlreiche kleinere Währungen (Rand, Mexikanischer Peso, Rupie) können sich stabilisieren. Auffallend schwach ist derzeit eigentlich nur der Chinesische Renminbi – eine Folge des Zollstreits mit den USA.

Die Rendite für zehnjährige Bundesanleihen, die wichtigsten Bonds im Euroraum, liegt derzeit bei 0,4 Prozent. Das amerikanische Gegenstück, die US-Treasuries, bringen fast genau 3,0 Prozent. Mit 2,6 Prozentpunkten ist der Abstand zwischen diesen beiden zentralen Zinskurven nicht nur außergewöhnlich hoch, er hat sich in den vergangenen Monaten sogar noch ausgeweitet. Für den Euro, der wegen der Divergenz-Bewegungen in Europa ohnehin von Investoren nicht geliebt wird, ist das ein weiterer Standortnachteil.


Nur sechs Wochen hat es gedauert, bis der Euro gegenüber dem Dollar von 1,24 auf 1,15 absackte. Die Kursreaktion auf diese Schwäche-Phase fiel mau aus: Seit zwei Monaten pendelt der Euro nun zwischen 1,15 und 1,18 Dollar, zuletzt sogar wieder mit Tendenz zur Unterseite. Diese schwache Vorstellung erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die nächste dynamische Phase abermals nach unten zeigt. Damit aber würde der Euro die 1,15er-Grenze reißen – und das wiederum könnte eine Verkaufswelle nach sich ziehen, die den Euro schnell auf 1,10 Dollar oder tiefer drückt.


Kaufsignale europäischer Aktienindizes stützen den Dax

Entspannung im Handelsstreit, absehbare Zinspolitik und dazu noch ein günstiges Währungsumfeld – für europäische und deutsche Aktien wäre das ein idealer Mix für einen deutlichen Kursanstieg.

Das Bild an den Euro-Börsen hellt sich auf. Der breiteste europäische Index, der Stoxx 600, hat seine von Mai bis Juni dauernde Korrekturphase beendet und gute Chancen, nun zumindest das Jahreshoch vom Januar wieder zu erreichen. Im Dax sollte im Gleichlauf ein Anstieg auf rund 13.000 Punkte möglich sein.

Die Entwicklung der einzelnen Dax-Aktien gibt das her. Selbst die Autowerte können sich derzeit erholen. Zum einen helfen Hoffnungen im US-Zollstreit. Zum anderen sind Einzelwerte wie Daimler schon so tief gefallen, dass es trotz eingetrübter Prognosen zu Kurserholungen kommt. Daimler hat um 55 Euro ein erstes Tief gebildet und könnte kurzfristig bis 62 oder 63 Euro vordringen. Angesichts des schwierigen dritten Quartals dürfte danach aber noch ein zweiter Tiefentest bevorstehen.


Die Deutsche Bank, die bei neun Euro ihre bisherigen Tiefpunkte gebildet hat, könnte nach dem Bruch des Zehner-Widerstands erst einmal bis zwölf Euro klettern. Dass viele Kommentatoren bei der Deutschen Bank vorsichtig bleiben, ist nach den zahlreichen Enttäuschungen der vergangenen Jahre verständlich. Für den Verlauf des Turnarounds aber ist es ein Vorteil, wenn die Skepsis nur langsam aus dem Markt weicht – dann gibt es immer wieder genug potenzielle Käufer.

Blaupause für die Wende der Deutschen Bank könnten die Energiekonzerne werden. Bei E.On ist der Turnaround seit Herbst 2015 in Arbeit. Das große Kaufsignal gäbe es bei einem Anstieg über 10,50 Euro. Kurzfristig war der erfolgreiche Test bei 9,50 Euro eine wichtige Stabilisierung. Die Umstrukturierung des Konzerns und die operativen Ergebnisse passen gut zum Bild des großen Turnarounds.

Auffallend stabil ist derzeit Siemens. Die Konsolidierung zwischen 110 und 120 Euro ist zwar noch nicht abgeschlossen; die jüngste Dynamik aber spricht eher für einen nachfolgenden Anstieg als für einen Abschwung. Siemens ist noch immer die wichtigste Industrieaktie Deutschlands, eine starke Performance ist eine zentrale Stütze im Dax. Im Aufwind ist derzeit auch wieder Fresenius, angeschoben durch die weltweite Wiederentdeckung der Pharma- und Gesundheitswerte.


Fazit zum Dax: Seit Anfang Juli läuft die Erholung, zunächst wacklig, dann mit klaren Hoffnungssignalen. Die 200er-Linie wurde planmäßig angegangen, danach folgte ein überschaubarer Rückschlag bis zu 12.500 Punkte – und danach der zweite, erfolgreiche Anlauf. Setzt sich die im Juli begonnene Marktphase nach klassischem Muster fort, sollten in den nächsten Wochen 13.000 bis 13.200 Punkte möglich sein. Zu viel Zeit sollte sich der Markt allerdings nicht lassen. Vier Wochen ist der Dax schon gestiegen, viel länger als sechs bis acht Wochen halten mittelfristige, dynamische Phasen im Dax selten an. So gesehen könnte es dann ab Mitte August wieder enger werden.