Software-Probleme, Ärger mit Griechenland, lange Lieferzeiten: Wie schwierig es um die versprochenen schweren Waffen aus Deutschland steht

 Ein Raketenwerfer MARS II steht in der Alb-Kaserne. Er kann bis zu zwölf Raketen verschiedenen Typs in einer Minute abfeuern und hat eine Reichweite von 16 bis zu 85 Kilometern.
Ein Raketenwerfer MARS II steht in der Alb-Kaserne. Er kann bis zu zwölf Raketen verschiedenen Typs in einer Minute abfeuern und hat eine Reichweite von 16 bis zu 85 Kilometern.

Die Lieferung schwerer Waffen aus Deutschland verzögert sich offenbar weiter – und könnte so zum Fiasko werden: Nach Recherchen von Business Insider gibt es mit zwei Ausnahmen bei nahezu allen Waffensystemen, die in den letzten Wochen von der Bundesregierung versprochen worden sind, massive Probleme.

Luftabwehrsystem Iris-T: Nach wochenlangem Druck hatte Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) vorige Woche im Bundestag angekündigt, dass die Ukraine das Luftabwehrsystem Iris-T bekommen soll. Details nannte er nicht. Nach Informationen von Business Insider kam die Nachricht offenbar nicht nur für das Verteidigungsministerium überraschend, sondern auch für Ägypten. Denn die ägyptische Regierung hatte mehrere Systeme in Deutschland bestellt, von denen sie jetzt auf eines zugunsten der Ukraine verzichten soll. Doch aus Regierungskreisen heißt es, dass das Iris-T-System für die Ukraine erst im November oder gar Dezember einsatzbereit sein dürfte.

Schützenpanzer Marder: Vor einer Woche hatte Scholz auch einen sogenannten Ringtausch mit Griechenland angekündigt: Für sowjetische Panzer des Typs BPM, die Athen in die Ukraine schicken soll, erhält Griechenland im Gegenzug Marder-Schützenpanzer aus Deutschland. Von knapp 50 Panzern ist bei dem Deal die Rede.

Doch auch die Griechen sollen von der Ankündigung des Bundeskanzlers überrascht worden sein, sodass es hinter den Kulissen gerade mächtig Ärger gibt. Denn die BPM-Panzer sind vor allem auf den griechischen Inseln stationiert. Die Regierung in Athen befürchtet, dass die Türkei einen Austausch mit modernen Marder-Fahrzeugen außenpolitisch als Affront ansehen könnte – und damit der nächste Militär-Konflikt in Europa entsteht.

Aus deutschen Regierungskreisen heißt es, dass die Griechen daher ihre Sowjetpanzer erst dann hergeben wollen, wenn alle 50 deutschen Marder einsatzbereit geliefert werden. Doch das dürfte sich bis zum Herbst beziehungsweise Winter hinziehen. Zudem wurde Hersteller Rheinmetall selbst von dem Ringtausch überrascht, der die Marder eigentlich direkt an die Ukraine verkaufen wollte. Ob der Konzern also überhaupt mitzieht, ist offen. Auf Anfragen von uns dazu reagiert Rheinmetall nicht.

Mehrfachraketenwerfer Mars II: Scholz hatte in seiner Bundestagsrede auch Mehrfachraketenwerfer angekündigt. Sie können Ziele in 40 Kilometern Entfernung treffen.

Später hieß es, dass die Bundeswehr vier Systeme vom Typ Mars II abgibt – und das möglichst bis Ende Juni. Bestätigt wurde das aber nicht. Das Problem: Weniger als die Hälfte der fast 40 deutschen Fahrzeuge ist nach Informationen von Business Insider aktuell überhaupt einsatzfähig. Selbst vier abzugeben, soll hinter den Kulissen bei den deutschen Militärs für Kopfschütteln gesorgt haben. Zudem muss die Software der Raketenwerfer zunächst umprogrammiert werden, weil die deutschen Fahrzeuge bislang keine Munition aus den USA oder aus Großbritannien verschießen können. Aber genau diese Typen von Munition sind in größerer Stückzahl in der Ukraine vorhanden. Die Software-Probleme zu lösen soll schlimmstenfalls auch Monate dauern, heißt es, da das deutlich komplizierter sei als bei der Panzerhaubitze.

Aktuell sieht es nicht danach aus, dass doch kurzfristig schwere Waffen aus Deutschland in die Ukraine geliefert werden. Denn laut Informationen von Business Insider hat die Bundesregierung in den vergangenen zwei Wochen kein militärisches Material an die Ukraine geliefert. Ein entsprechender Stand wurde Anfang der Woche Außen- und Sicherheitspolitikern im Bundestag mitgeteilt. Bemerkenswert: Für die laufende Woche kündigte das Verteidigungsministerium sogar an, nicht wie sonst üblich eine aktualisierte Liste "Materialabgabe an die UKR" in der Geheimdienststelle des Bundestags zu hinterlegen – weil schlichtweg nichts geliefert wird. Erst nächste Woche Donnerstag soll eine neue Liste bereitgestellt werden.

Unter dem Strich rechnen Insider innerhalb der Bundesregierung nicht vor September oder Oktober mit konkreten Lieferungen von Iris-T, Mars II oder Mardern. Lediglich die Lieferung von 15 Gepard-Flugabwehrpanzern Mitte Juli und 15 weiteren bis Ende August scheint bisher im Plan zu sein. Allerdings gibt es nicht mehr als 59.000 Schuss Munition. Auch die versprochenen sieben deutschen Panzerhaubitzen sollen – Stand jetzt – Ende Juni lieferbereit sein. Zuvor mussten sie noch auf die Bedürfnisse der Ukraine aufwendig umprogrammiert werden. Zusätzlich mussten die fünf niederländischen Haubitzen erst noch instand gesetzt werden.

Doch gerade Iris-T und Mars II gelten als Systeme, die der Ukraine einen echten Vorteil bringen würden. Dass diese offenbar erst so spät im Herbst beziehungsweise Winter geliefert werden können, ist vor allem deshalb heikel, weil viele Experten inzwischen den August als entscheidenden Monat im Ukraine-Krieg ansehen. Spätestens dann könnte sich entscheiden, ob Russlands Offensive vor allem in der Ost-Ukraine erfolgreich ist. Dann kämen die von Scholz angekündigten modernen Waffen schlicht zu spät.

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