So will Klinsmann der Alten Dame neues Leben einhauchen

Maximilian Schwoch

Ein solches Auftaktprogramm wünscht sich wahrlich kein Bundesliga-Trainer.

Wenn Jürgen Klinsmann mit Hertha BSC am Samstag Borussia Dortmund empfängt, schaut die ganze Liga in das Olympiastadion. Gegen den kriselnden Vizemeister, bei dem Trainer Lucien Favre seine wohl letzte Chance erhält, soll das Projekt Klinsmann die erste Stufe zünden und die Alte Dame nach zuletzt vier Niederlagen in Folge wieder zurück in die Erfolgsspur führen. (Bundesliga: Hertha BSC - Borussia Dortmund, Samstag 15.30 Uhr im LIVETICKER)


Es mag sicherlich schlechtere Zeitpunkte geben, um die Dortmunder im eigenen Stadion zu empfangen, zumal diese in der aktuellen Saison erst einen Sieg in der Fremde verbuchen konnten. (Service: Tabelle der Bundesliga)

Klinsmann mit Hammer-Programm zum Auftakt

Doch das Duell der Herthaner gegen ihren Ex-Trainer Favre ist nur der Start eines Programms, das es in sich hat. In den kommenden acht Bundesliga-Spieltagen tritt Hertha ausnahmslos gegen Teams an, die aktuell zu den Top Ten der Liga gehören. (Service: Ergebnisse und Spielplan)

Klinsmann ist also direkt gefordert. Das Wichtigste: Die Ergebnisse müssen stimmen. Aktuell trennen die Berliner nur zwei mehr geschossene Tore in Vergleich zu Fortuna Düsseldorf vom Relegationsplatz.


"In dieser Situation ist es wichtig, Wege zu finden, um die Mannschaft so zu analysieren, dass wir Punkte holen. Es geht weniger darum, den attraktivsten Fußball zu spielen", erklärte der ehemalige Bundestrainer auf seiner Antritts-Pressekonferenz.  

Durch Attraktivität fiel der Hertha-Fußball auch unter Vorgänger Ante Covic wahrlich nicht auf. Fans, die gegen den BVB ein Offensivfeuerwerk erwarten, dürften also vermutlich enttäuscht werden.

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Für das Spiel gegen Dortmund erwarte er Aufopferungsbereitschaft und Leidenschaft. "Es liegt an uns, was morgen passiert", erklärte er auf der Pressekonferenz vor dem Spiel.

Mit Klinsmann kehrt der Glamour zurück

Die Hertha erhofft sich vom Klinsmann-Engagement mehr als die Verhinderung des Totalabsturzes und den damit verbundenen Abstieg in die 2. Liga. Das verdeutlichen auch die Worte von Geschäftsführer Michael Preetz. "Wir haben einen erfolgreichen, charismatischen Trainer verpflichtet. Einen mit enormer Strahlkraft. Einen Fußball-Fachmann."

An Strahlkraft mangelte es dem Klub, der nach kurzem Zwischenhoch zuletzt ein bisschen zur grauen Maus der Liga mutierte. Mit Klinsmann kehrt auch der Glamour zurück in die Hauptstadt. Die Inthronisierung des "Sommermärchen"-Machers war eines der Hauptgesprächsthemen unter den Bundesliga-Fans.


Klinsmann, dessen Posten im Aufsichtsrat vorerst ruht, soll die Alte Dame wachküssen, ihr neues Leben einhauchen. Investor Lars Windhorst sprach gegenüber der dpa von einem tollen "Signal mit Aufbruchstimmung.“

Der Schwabe gilt als emotionaler Trainer, der eine Mannschaft fesseln kann. Unvergessen ist seine Kabinenansprache bei der WM 2006 vor dem Viertelfinalspiel der Deutschen gegen Argentinien.

Klinsmann soll den Hertha-Stil prägen

Klinsmann soll der Hertha nicht mehr und nicht weniger als eine neue DNA verpassen. "Hinter den Türen werden wir Diskussionen führen, welchen Stil die Berliner sich wünschen", erklärte der 55-Jährige, dessen Credo der Offensivfußball ist.

Ob er gegen Dortmund personell viel ändern wird, ließ er nicht durchblicken. Eine Startelf habe er schon im Kopf, sagte er, betonte aber auch: "Der Kader und die Aufstellung sind aktuell eine Momentaufnahme und Teil des Kennenlernprozesses. Wir können nicht alles sofort über den Haufen werfen, sondern werden gemeinsam analysieren und gegebenenfalls anpassen." 

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In der Struktur dürfte sich mit dem Antritt von Klinsmann dennoch einiges ändern. Der Weltmeister von 1990 ist bekannt dafür, bei seinen Trainerstationen alles auf Links drehen zu wollen.


Klinsmann gilt als Querdenker. Beim DFB führte er damals die Rolle des Teammanagers ein, die Oliver Bierhoff bekleidete. Die neu geschaffene Position des Performance Managers, die Ex-Profi Arne Friedrich bekleiden wird, dürfte in eine ähnliche Richtung gehen.

Auch in Sachen Trainingssteuerung dürfte Klinsmann neue Reize setzen. Er hat mit seinen Co-Trainern Alexander Nouri, den er in den USA kennengelernt hat, und Markus Feldhoff Leute im Team, die seine Philosophie der Mannschaft vermitteln sollen.

Ein Hauch von Sommermärchen

Vor allem auf das Fitnesstraining legt der Schwabe besonderen Wert, dort hat er sich vor allem aus den USA viel abgeschaut. Unvergessen, als er während seiner Zeit bei der Nationalmannschaft die Gummibänder auspackte. Sein Fitness-Trainer bei den Berlinern ist mit Werner Leuthard ein früherer Oberleutnant der Bundeswehr, der auch schon mit Felix Magath zusammenarbeitete.

Bei der WM 2006 war es Co-Trainer Joachim Löw, der die Mannschaft taktisch auf den Gegner einstellte, während Klinsmann unter anderem dafür sorgte, dass die Mannschaft mit der Nötigen Leidenschaft und Einstellung ins Spiel geht. Eine ähnliche Rollenverteilung in Bezug auf Nouri ist auch in Berlin denkbar.

"Ich stelle mir ein gemeinsames Arbeiten vor", erklärte Klinsmann. Jedes Augenpaar auf der Bank sei gefragt und dürfe Anmerkungen geben. Klinsmann gehe es um einen ständigen Austausch und einen gemeinsamen Arbeitsfluss.

Mit Torwarttrainer Andreas Köpke holt sich Klinsmann zumindest bis zum Jahresende auch ein Hauch des "Sommermärchen"-Spirits ins Boot. "Den Jogi zu direkt zu fragen, habe ich mich nicht getraut", erklärte er schmunzelnd.

Hertha und Klinsmann, das ist sicherlich eines der spannendsten Projekte in der Bundesliga. Der ehemalige Bayern-Trainer wird versuchen, den Hauptstadtklub aus der Lethargie zu reißen. Damit will er schon am Samstag anfangen. Denn viel einfacher wird es auch in den nächsten Wochen nicht.