So wenige Kunden wie seit den 80er-Jahren nicht mehr! Ist das der Crash der Jungfraubahn?

Henning Lindhoff, Motley Fool beitragender Investmentanalyst
·Lesedauer: 3 Min.

Nach den Rekordzahlen in den Vorjahren hat die Jungfraubahn Holding (WKN: A0CACJ) im Geschäftsjahr 2020 zum ersten Mal in ihrer langen Historie einen Verlust hinnehmen müssen. Seit Bekanntgabe der Zahlen verlor die Aktie rund 5 % und notiert heute bei 138,80 Schweizer Franken.

Das Management um CEO Urs Kessler hatte die roten Zahlen bereits erwartet, nachdem infolge der Pandemie rund zwei Drittel weniger Besucher den Weg aufs Jungfraujoch gefunden hatten.

Nachdem 2019 noch ein neuer Rekordgewinn in Höhe von 53,3 Mio. Schweizer Franken vermeldet werden konnte, verloren die Eidgenossen im letzten Jahr 9,7 Mio. Schweizer Franken. Auf eine Dividende wird vorsichtshalber erneut verzichtet.

Der Jungfraubahn fehlten die wichtigen Kunden aus Asien

Insgesamt fuhren nur rund 263.000 Menschen auf das Jungfraujoch, nachdem es in den Vorjahren über eine Million waren. Letztmals kamen in den 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts weniger Touristen auf den Verbindungsgrat zwischen dem Mönch und der Jungfrau in den Berner Alpen.

Mit der Ausbreitung des Coronavirus musste die Jungfraubahn vor allem auf die asiatischen Touristen verzichten. Die höhere Nachfrage heimischer Gäste konnte den Wegfall keineswegs kompensieren. Zudem können sich die Besucher aus der Schweiz, im Gegensatz zu den lange im Voraus buchenden ausländischen Gästen, die schönsten Ausflugstage herauspicken. Dadurch wird das Geschäft der Jungfraubahn deutlich wetterabhängiger.

Die V-Bahn wurde teurer als geplant

Am 5. Dezember 2020 wurde trotz aller Widrigkeiten der Eiger Express eröffnet – eine neue, hochmoderne Gondelbahn und das Herzstück eines kostspieligen Investitionsprojekts. Die neue Seilbahn des Eiger Express bringt die Gäste vom neuen Terminal direkt zur Station Eigergletscher. Wer auf das Jungfraujoch will, steigt dort in die Zahnradbahn um.

Anstelle der budgetierten 320 Mio. hat die Holding bereits 340 Mio. Schweizer Franken investiert, 91 Mio. davon allein im vergangenen Jahr.

Die Jungfraubahn bleibt finanziell solide aufgestellt

CEO Urs Kessler ist ein Mann mit Erfahrung. Das Management hat die herben Auswirkungen rasch vorausgesehen und entsprechende Maßnahmen ergriffen. Beispielsweise konnten die Betriebskosten dank der Kurzarbeitsregelung um 14,1 % auf 103 Mio. Schweizer Franken reduziert werden.

Die Konzernbilanz weist aktuell ein Eigenkapital von 597 Mio. Schweizer Franken aus. Die Eigenkapitalquote liegt bei 73 %. Und die Verbindlichkeiten entsprechen lediglich 11 % des Eigenkapitals. Damit steht die Holding weiterhin auf solidem Fundament.

Corona ist auch 2021 ein einschneidendes Thema

Gleichzeitig ist die Jungfraubahn noch nicht aus dem Tal heraus. Die Pandemie wird sich auch in diesem Jahr auf die Ertragsentwicklung auswirken. Die größten Risiken für das Management bleiben die Reisebeschränkungen, die fehlende Planungssicherheit und die weltweit unterschiedlichen Impfstrategien.

Jungfraubahn wird nach Covid-19 zur alten Stärke zurückfinden

Der Burggraben der Holding ist tief und auf natürliche Art und Weise entstanden. Wer wird schließlich mutig genug sein, eine zweite Bergbahn zum Schweizer Jungfraujoch zu errichten? Die dortige Zahnradbahnstation auf 3.454 Metern Höhe ist die am höchsten gelegene Station Europas.

Mein seit Jahren schon guter Eindruck vom Management hat sich auch während der schwersten Krise seit vielen Jahrzehnten bestätigt. Das Tal ist noch lang. Doch die Jungfraubahn besitzt alle Voraussetzungen, um nach dem Tief wieder rasant den Berg zu erklimmen.

Eine schlechte Nachricht für Anleger

Die roten Geschäftszahlen für 2020 haben „Mr. Market“ leider nicht verschreckt. Die Aktie notiert aktuell bei 138,80 Schweizer Franken und einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 37,5.

Insbesondere vor dem Hintergrund der noch nicht in Gänze absehbaren Corona-Entwicklungen der kommenden Monate ist dies meines Erachtens kein guter Einstiegskurs. Doch langfristig bleibt das Papier aus meiner Sicht eine interessante Tourismus-Beimischung für jedes Depot.

Der Artikel So wenige Kunden wie seit den 80er-Jahren nicht mehr! Ist das der Crash der Jungfraubahn? ist zuerst erschienen auf The Motley Fool Deutschland.

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Henning Lindhoff besitzt keine der erwähnten Aktien. The Motley Fool besitzt keine der erwähnten Aktien.

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