So treiben Hedgefonds auf dem europäischen Markt die Kurse nach oben

Aktivistische Aktionäre bringen Vorstände auf Trab – und den Aktienkurs nach oben. Kleinanleger profitieren von der Risikofreude.


Wer am 8. Februar 2016 Aktien des Pharmaherstellers Stada bei einem Kurs von damals 28,60 Euro gekauft hat, der bewies ein goldenes Händchen. Denn die Kursentwicklung in den kommenden Monaten kannte nur eine Richtung: nach oben. Fast genau zwei Jahre später notierte der MDax-Wert im Januar dieses Jahres bei fast 90 Euro – ein Gewinn von rund 200 Prozent. Wie konnte es zu einer solchen Kursexplosion kommen?

Auslöser war ein Aktivist, der bis dahin unbekannte Kapitalmarktspieler Active Ownership Capital (AOC) mit den Investoren Florian Schuhbauer und Klaus Röhrig. Sie sicherten sich im Frühjahr 2016 mehr als fünf Prozent der Stada-Aktien – und drängten in den Folgemonaten den langjährigen Vorstandschef Hartmut Retzlaff aus dem Amt.

AOC drückte außerdem einen eigenen Kandidaten für den Aufsichtsrat durch und machte mit der Abschaffung der vinkulierten Aktien – die einen Kauf des Unternehmens bis dahin erschwerten – den Weg frei für die spätere Übernahme durch die Finanzinvestoren Bain Capital und Cinven.

Mittlerweile haben auch andere Vorstände Bekanntschaft gemacht mit den gefürchteten Aktivisten, etwa beim Anlagenbauer Gea oder dem Kfz-Zulieferer Grammer. Selbst die großen Konzerne in Europa können nicht mehr sicher sein, dass sie nicht ins Visier der Veränderer geraten.

Das mussten beispielsweise der Autobauer VW, der Stahlproduzent Thyssen-Krupp, der Chemiekonzern Akzo Nobel und der Nahrungsmittelriese Nestlé erfahren. „Auch beliebig große Unternehmen können angegangen werden“, sagt AOC-Gründungspartner Schuhbauer.

Weil die Aktivisten den Markt in den USA weitgehend abgegrast haben, schauen sie sich inzwischen verstärkt in Europa um. Zahlen belegen das: Vergangenes Jahr wurden insgesamt 161 Kampagnen gezählt, 2011 waren es lediglich 44. Mögen solche Vorstöße die Vorstände auch nerven, für Privatanleger bedeutet schon die Ankündigung eines Einstiegs durch Aktivisten meist ein Kursplus.


Die Aufschläge bei einem Engagement durch aktivistische Hedgefonds wie Elliott, Third Point oder Pershing Square sind zwar nicht immer so dramatisch wie im Fall Stada. Unter dem Strich bringen sie dem Aktionär in der Regel jedoch Gewinn. Fachdienste wie Shark Repellent beziffern die kurzfristigen Marktreaktionen global auf plus zwei bis drei Prozent Überrendite gegenüber dem breiteren Markt.

Der Informationsdienst Activist Insight hat für das Handelsblatt eine kurz- und mittelfristige Berechnung angestellt. Danach notieren die Aktien in Europa eine Woche nach dem Einstieg eines Aktivisten im Schnitt mit 2,17 Prozent im Plus, nach einem Jahr betrug der Zuwachs 12,94 Prozent – was jeweils über den Steigerungen des amerikanischen Vergleichsindexes S & P 500 lag. Allerdings fällt der kurzfristige Kursgewinn deutlich stärker aus als der auf Jahressicht.


Ob ein Anleger nach den ersten Kursgewinnen – etwa nach einer Woche – sofort Kasse machen sollte, hängt von der Anlagestrategie ab. „Ist der Anleger von einem Unternehmen überzeugt und als Langfristinvestor dabei, ist es nur wenig sinnvoll, diese Strategie wegen des Einstiegs eines Aktivisten über Bord zu werfen“, meint Jürgen Kurz, Sprecher der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW).

Auch die Ziele, die der Aktivist verfolgt, sollten in die Entscheidungsfindung einbezogen werden. „Hier ist ja oft recht früh erkennbar, ob es dabei um schnelle Gewinnmaximierung geht – in solchen Fällen wird gerne die sofortige Filetierung des Unternehmens gefordert – oder doch um eine langfristige Investition“, ergänzt Kurz.

Mischkonzerne werden abgestraft

Weil die Kurse üblicherweise schon vor einer offiziellen Ankündigung der Hedgefonds steigen, kann man als aktiver Kleinanleger auch selbst versuchen, für Aktivisten anfällige Kandidaten ausfindig zu machen.

Normalerweise sind Konglomerate besonders gefährdet, weil Investoren heute „pure plays“ wollen, also Unternehmen mit nur einem Produkt oder einer Dienstleistung. Konzerne mit mehreren Geschäftsbereichen werden aufgefordert, sich zu fokussieren.

Außerdem sind eine geringere Marktkapitalisierung und niedrigere Bewertungen als bei Wettbewerbern Angriffspunkte für Aktivisten. Schwach besetzte Aufsichtsräte locken die Veränderer auch an. „Aktivisten treten auf, wenn sie bei Unternehmen Möglichkeiten für wertschöpfende Veränderungen sehen.


Die Zielrichtung kann dabei sehr unterschiedlich sein: vom Verkauf von Divisionen, der Kombination mit Wettbewerbern bis hin zu operativen Themen“, sagt Ken Oliver Fritz, Co-Chef Lazard Deutschland.

Fälle wie Stada, da sind sich die Experten einig, wird man noch viele sehen in Deutschland. Es gebe schon jetzt eine Hand voll Hedgefonds, die alle Szenarien im deutschen Markt durchspielten, in den Dax- und MDax-Unternehmen, glaubt Dirk Albersmeier, Co-Europachef für Fusionen und Übernahmen bei JP Morgan.