So tickt der stille Milliardär

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So tickt der stille Milliardär

Torsten Toeller schuf mit Fressnapf aus dem Nichts eine erfolgreiche Tierfachmarktkette. Jetzt baut er ein neues Imperium – unter anderem mit dem umstrittenen Karstadt-Investor Benko. Eine Nahaufnahme.


Torsten Toeller steht in der prallen Mittagssonne auf der Dachterrasse des Global Gate, eines Bürogebäudes im Düsseldorfer Zentrum. Hier oben ist der Firmensitz des Onlinehandtaschenhändlers Fashionette, an dem der Gründer und Inhaber der Tierfachmarktkette Fressnapf beteiligt ist. Eigentlich soll Toeller die Fashionette-Leute an diesem Tag coachen. Doch zunächst flüchtet der 51-Jährige unter einen Sonnenschirm, nimmt einen Schluck Mineralwasser aus der Flasche und sinniert über seinen bevorstehenden Urlaub. „Weißt du, dieser Urlaub war der Wunsch meiner Eltern, den ich natürlich sehr gerne erfülle.“ Toeller duzt. Konsequent.

Zu Sneakern trägt Toeller schwarze Designerjeans, die Ärmel des schwarzen Hemds sind hochgekrempelt, die beiden obersten Knöpfe offen. An einer Halskette baumelt der versteinerte schwarze Zahn eines weißen Hai. „Ein Mitbringsel aus Südafrika“, sagt Toeller. Zum ersten Mal seit der Gründung von Fressnapf vor knapp 30 Jahren nimmt sich Toeller eine längere Auszeit. Rund fünf Wochen wird er mit seiner zweiten Frau Manuela, den drei Kindern und seinen Eltern in zwei Wohnmobilen Kanada durchqueren. „Wir werden als Familie viel Zeit miteinander verbringen können, viel sehen, viel fahren, viel grillen, und die Kinder können mal bei uns und mal bei Oma und Opa schlafen“, schwärmt er.

Der Toeller-Style mag nicht jedermanns Sache sein. Doch der Selfmade-Milliardär pfeift auf Konventionen, kümmert sich wenig darum, was andere über ihn sagen und denken. So wurde der gebürtige Kölner, der in Duisburg lebt, zu einem der erfolgreichsten deutschen Unternehmer. Aus dem Nichts hat er mit Fressnapf einen Konzern geformt, der in der Haustierbranche so bedeutend ist wie Aldi im Lebensmittelhandel oder dm bei den Drogeriemärkten.


Längst geht Toellers Tatendrang über das Geschäft mit dem Tierzubehör hinaus. Im Herbst vergangenen Jahres hat Toeller die operative Führung von Europas größtem Discounter für alles rund ums Tier mit fast zwei Milliarden Euro Umsatz, mehr als 10 000 Mitarbeitern und knapp 1500 Läden in elf Ländern an seinen bisherigen Einkaufschef Alfred Glander abgegeben. Als Vorsitzender des Verwaltungsrats will Toeller weniger im, sondern vielmehr am Unternehmen und der strategischen Ausrichtung all seiner Aktivitäten arbeiten.

Sein Vermögen, das laut „Forbes“ bei rund 1,8 Milliarden Euro liegt, ist breit angelegt. Über sein Family Office im steuerbegünstigten Monheim bei Düsseldorf hat Toeller in den vergangenen Jahren ein Beteiligungsimperium aufgebaut, das den Vergleich mit den Aktivitäten großer deutscher Industriellenclans nicht scheuen muss: Unternehmensbeteiligungen, Immobilien und Fondsinvestments im In- und Ausland. Und vor allem: eine florierende Geschäftsbeziehung mit dem ebenso erfolgreichen wie umstrittenen Tiroler Immobilientycoon René Benko.




Der 40-jährige Benko gilt als größter privater Immobilienbesitzer in Wien. Insgesamt soll der Immobilienbestand der Signa nach Firmenangaben bei rund 7,5 Milliarden Euro liegen, das Entwicklungsvolumen bei rund fünf Milliarden Euro. In Deutschland gehören Benko Edelkaufhäuser wie das Kadewe in Berlin oder das Alsterhaus in Hamburg, aber auch Karstadt und Karstadt Sports.

Seine Benko-Connection will Toeller, Kanada-Urlaub hin oder her, nach Informationen der WirtschaftsWoche noch im August neu aufstellen und so gewichten, dass er künftig nicht nur von den Immobilienaktivitäten des Österreichers profitiert, sondern auch von dessen milliardenschweren Handelsgeschäften. Toeller wird damit nicht nur zum Beispiel einer ungewöhnlichen Unternehmergeschichte. Toeller steht auch dafür, wie sich durch immer neue, behutsame Diversifizierung fast ohne öffentliche Aufmerksamkeit ein beachtliches Vermögen bilden und mehren lässt.


Die Benko-Connection

Zwei Stunden lang hat Toeller an diesem Vormittag im Juli mit Fashionette-Chef Fabio Labriola die Details der bevorstehenden Ladeneröffnung besprochen. Der bisher reine Onlineversender mit 70 Millionen Euro Umsatz wird in Kürze an der Düsseldorfer Kö seinen ersten Shop eröffnen; testweise, zunächst für sechs Monate. „Wir stellen dort die 600 beliebtesten Modelle unserer insgesamt knapp 5000 Handtaschen aus, und dann schauen wir mal, ob und wie sich dieses Konzept etabliert.“

Toeller ist bei Fashionette nicht nur beteiligt, er ist auch im Beirat und coacht die Geschäftsführung. „Fabio und sein Team machen einen geilen Job“, lobt Toeller und sich gleich mit. „Nichts macht erfolgreicher, als andere erfolgreich zu machen.“

Dieses Motto gilt nicht nur für Toellers Geschäfte. Er wendet es auch bei seinen Investments an. Ein großer Teil von Toellers Privatvermögen steckt seit Herbst 2013 in der Immobiliengesellschaft Signa Prime des Jungunternehmers Benko. Toeller gibt Benko Geld, damit der daraus Erfolge in der Immobilienbranche formt. So sieht Toeller das.

Beim Aufbau seines Firmenimperiums war Benko stets auf Unterstützung von Investoren wie Toeller angewiesen. So trifft Toeller im Kreis der Benko-Investoren auf den Tiroler Strabag-Baulöwen Peter Haselsteiner, Berater-Legende Roland Berger, Ex-Formel-1-Weltmeister Niki Lauda oder den Schweizer Kaffeemaschinenkönig Arthur Eugster.


Am 26. Mai vor drei Jahren lernen sich Toeller und Benko beim Formel-1-Rennen in Monaco kennen. Rennstallboss und Brausemilliardär Dietrich Mateschitz hat in die Red-Bull-VIP-Lounge geladen. Zwei gemeinsame Bekannte bringen die Milliardäre im Promigewusel um David Hasselhoff, George Lucas und Michael Douglas zusammen. „René interessiert sich eigentlich kaum für Sport“, sagt einer, der beide sehr gut kennt. „Er hat wahrscheinlich ununterbrochen mit Torsten übers Geschäft gesprochen.“

Und Toeller hört aufmerksam zu. Denn er hat seinerzeit Geld, das er nicht direkt wieder in Fressnapf stecken will. Seine erste Ehe mit Alexandra Täubrich, der Tochter des Inhabers der Trinkgut-Getränkemärkte, hatte ihm nach dem Tod des Schwiegervaters 2004 eine Beteiligung an Trinkgut beschert. Er übernimmt später die Mehrheit und verkauft die Kette an Edeka. „Ich wollte die Erlöse nicht wieder in den Einzelhandel stecken, sondern diesmal in Immobilien investieren“, sagt Toeller.

Überraschend schnell, nur wenige Monate nach ihrer ersten Begegnung, sind sich Toeller und Benko handelseinig. „René ist ein akribischer Arbeiter, unheimlich fleißig und schnell in der Birne“, sagt Toeller.

Ihn schockt auch nicht, dass Benko nach zahlreichen Skandalen und einer Verurteilung wegen Korruption nicht den besten Leumund besitzt. „Es kann sein, dass René gegenüber der Öffentlichkeit die volle Transparenz an bestimmten Stellen nicht herstellen will“, sagt er. „Aber für mich als Aktionär gab es bisher nirgendwo eine Blackbox.“ Also steigt Toeller nach dem Trinkgut-Verkauf mit zehn Prozent in Benkos Immobilienfirma Signa Prime ein.

Seit seinem Einstieg sei „die Signa-Gruppe stark und schnell gewachsen und habe eine gute Erfolgsgeschichte beim Kauf, aber auch beim Verkauf von Immobilien hingelegt“, lobt Toeller. Jüngstes Beispiel: Vor wenigen Wochen stielte Benko einen der größten Immobiliendeals der vergangenen Jahre ein, als er den noch im Bau befindlichen Bürokomplex Icon Vienna am Wiener Hauptbahnhof für mehr als 500 Millionen Euro an die Allianz verkaufte.


Vom Regaleinräumer zum McLaren-Fahrer

Durch Benkos Deal versilbert sich auch Toellers Einsatz. Jetzt will er ihn nach Informationen der WirtschaftsWoche vergolden. Toeller wird seine Aktien an der Signa Prime zurückgeben und stattdessen einen fünfprozentigen Anteil an der Signa-Holding, der Dachgesellschaft des Konzerns, erhalten. Die Höhe der Investition dürfte zwischen 80 und 90 Millionen Euro liegen. Es seien nur noch wenige Punkte in den Verträgen zu klären, bestätigen die beteiligten Parteien. Die Verträge sollen Ende August unterschrieben werden. „Ich wollte als Mitgesellschafter in die Holding, um damit zentral in allen Signa-Beteiligungen investiert zu sein“, begründet Toeller. „Die gesamte Gruppe ist sehr professionell aufgestellt. Viele der Manager dort kenne ich schon seit Jahren.“

Toeller wäre damit der erste Deutsche, der in Benkos Machtzentrale aufrückt. Neben Toeller und Benkos Familienstiftung, die 85 Prozent der Anteile hält, ist nur der Schweizer Benko-Intimus und ehemalige Lindt & Sprüngli-Chef Ernst Tanner an der Holding beteiligt.

In der Düsseldorfer Fashionette-Zentrale diskutiert Toeller mit Grafikern und Designern derweil Details des Internetauftritts. Problemlos schaltet Toeller von Multifit Erbsenflocken für Zwergkaninchen und Katzenklos auf Umhängetaschen von Michael Kors und Portemonnaies von Yves Saint Laurent. Er ist eben Händler.

Plötzlich klopft es an der Tür zum Konferenzraum. Eine Mitarbeiterin steckt den Kopf herein, „Torsten, die schleppen dein Auto ab“, und verschwindet wieder. Das ist echt Mist hier, keine Chance einen Parkplatz zu finden, meckert Toeller vor sich hin. Gleichzeitig schrillen die Gitarrenriffs von AC/DCs „Highway to hell“ – Toellers aktuellem Klingelton. „Ja, ich weiß“, sagt er. „Ich bin schon unterwegs.“ Weg ist er.


„Torsten hat Feuer im Hintern“, sagt ein befreundeter Unternehmer, „und ein Näschen für gute Geschäfte.“ Das kaufmännische Geschick hat Toeller vom Vater geerbt. Der leitete zwei Rewe-Märkte, zeigte dem Sohn, wie man Kunden und Mitarbeiter behandelt und Regale richtig einräumt. Er riet ihm auch nach dem Abitur zu einer Ausbildung als Einzelhandelskaufmann bei Allkauf in Grevenbroich.

Anschließend hängte Toeller ein Jahr an der Bundesfachschule des Lebensmittelhandels in Neuwied dran, schloss dort den Handelsfachwirt als Jahrgangsbester ab. Sein erster Job: Berater bei der Handels- und Einkaufskooperation Markant. Die schickte den seinerzeit 23-Jährigen 1989 für zweieinhalb Monate in die USA. Er sollte nach vielversprechenden, neuen Geschäftsmodellen suchen, die auch in Deutschland funktionieren könnten. In Arizona wurde Toeller fündig: Petsmart, einen Supermarkt für Tierbedarf mit großem Angebot und kleinen Preisen. Noch auf dem Rückflug skribbelte er ein Konzept für Deutschland, inklusive Name: Fressnapf. Doch sein Chef ließ ihn abblitzen. Der Markt für Tierbedarf sei zu klein, die Macht des Lebensmittelhandels, der damals 70 Prozent des Umsatzes in dem Bereich machte, viel zu groß.

Toellers Reaktion: Er kündigte. Mit 150.000 Mark von der Bank und 50.000 Mark von den Eltern machte er sich selbstständig und eröffnete 1990 den ersten Fressnapf in Erkelenz bei Mönchengladbach. Nach sechs Monaten war das Geld aufgebraucht. Das Sortiment war zu klein, die Preise waren zu hoch. Der Jungunternehmer verkaufte seinen 3er-BMW, investierte sein letztes Geld in den Laden und korrigierte den Kurs. „Ab da ging es ab“, sagt Toeller. Fünf Jahre später eröffnete er die 50. Filiale, ein Jahr darauf die 100. Seitdem lebt Toeller auf der Überholspur, getreu seinem Motto: „Das Gaspedal ist vorne rechts.“


Keine Zufälle in Toellers Karriere

Er ist ständig unterwegs, kaum daheim. Darunter leiden Freundschaften, seine Kinder und seine Ehe. Seine zweite Ehefrau lernt Toeller kennen, als er vorübergehend in einer 45-Quadratmeter-Wohnung in einem Apartmenthaus in Düsseldorf wohnt. Nebenan zieht eine Architektin ein, die für den TÜV Rheinland als Bausachverständige arbeitet: seine spätere Frau Manuela. Gefunkt hat es dann an einem Samstagmorgen, von Balkon zu Balkon.

Ansonsten spielen Zufälle in Toellers Karriere kaum eine Rolle. Alles ist geplant, hart erarbeitet. In der deutschen Handelslandschaft ist er bestens vernetzt, ist mit allen möglichen Branchenpreisen prämiert. Er bekommt mittlerweile die besten Mitarbeiter. Wie etwa Folkert Schultz, einen ehemaligen Metro-Manager, der ihm als Stratege im Family Office beim Aufbau seiner vielfältigen Beteiligungen berät.

So ist Toeller über die Hamburger Investorengruppe Genui Partners nicht nur bei Fashionette, sondern auch bei Mymuesli, beim Profi-Köche-Dienstleister GastroHero oder beim Jeans-Label Closed beteiligt. Zu den Genui-Geldgebern gehören Andreas Jacobs, Erbe aus der milliardenschweren Kaffeedynastie, sowie Detlev Meyer, der Millionen mit den Textilläden Street One und Cecil machte und dem heute der Weinhändler Hawesko und Jacques’ Wein-Depot gehören.

Um Technologie- oder Medizintechnikunternehmen schon in der Gründungsphase zu begleiten, investierte Toeller in Fonds wie Capnamic oder SHS Medtech. .„Wir investieren seltener direkt in Unternehmen, zunehmend in Immobilien, Private-Equity- und Venture-Capital-Fonds“, erklärt Schultz. „Jetzt wurde es Zeit, auch geografisch breiter zu streuen.“ Und so fließt ein Teil von Toellers Erspartem nun auch in die Fonds der Silicon Valley Bank in Santa Clara in Kalifornien oder von Private Advisors aus Richmond in Virginia.


Mit seiner Firma Headquarter hat Toeller fünf Studentenwohnheime gebaut. Eigentlich wollte er die Immobilien in Frankfurt, Münster, Dresden und Darmstadt als „Tafelsilber im Bestand halten“. Aber er musste einsehen, dass die Studi-Buden zwar lukrativ sind, aber eben auch schwieriger und anders zu verwalten sind als normale Wohnungen. „Mal ehrlich: Viele Studenten heutzutage, die rocken dir die Bude leider schon gehörig runter“, lacht Toeller. Mitte vergangenen Jahres verkaufte er die 1000 Wohnungen an die britische Global Student Accommodation. „Bei dem Angebot konnten wir einfach nicht Nein sagen.“

Doch Toeller fand flugs ein neues Betätigungsfeld. Als Investor erhielt er im Frühjahr den Zuschlag für den Bau des Mercator One am Duisburger Hauptbahnhof. Knapp 30 Millionen wird Toeller in das Gebäude mit über 7000 Quadratmeter Bürofläche und Gastronomie investieren. Loslegen will er jetzt möglichst schnell, eine hohe Vorvermietung hält er nicht für erforderlich: „Wir bauen das Ding jetzt einfach.“ Typisch Toeller. Der ehemalige Segler lehnt nun entspannt über der Brüstung der Düsseldorfer Dachterrasse. Sein Coaching bei Fashionette ist beendet, am Abend trifft er sich noch mit Freunden in Köln, dann geht die Urlaubsplanung in die heiße Phase. „Dahinten kommt er“, sagt Toeller plötzlich und zeigt auf einen knallorangen McLaren, der 100 Meter entfernt an einer Ampel röhrt. Ein Mitarbeiter hat das 500-PS-Geschoss auf dem Gelände des Abschleppdienstes ausgelöst und sucht einen Parkplatz.

Aber orange? Warum so auffällig? „Also ich mag ja Orange, das schon. Aber ich hätte mir diese Farbe nicht bestellt“, erklärt Toeller. Der Wagen sei halt so von jemand anderem bestellt und dann nicht bezahlt worden. „Dadurch habe ich den Wagen deutlich billiger bekommen“, lächelt Toeller verschmitzt. Und egal, ob bei seinem McLaren, dem Porsche Turbo oder der BMW-Familienkutsche x5: Er habe einfach kein gutes Gefühl dabei, wenn er sich in ein neu gekauftes Auto setze, den Schlüssel einmal rumdrehe und dann schon einen Wertverlust von Zigtausenden Euro habe. „Da kommt mein Händlergen durch – ich weiß, wie hart ich für mein Geld arbeiten muss.“

KONTEXT

Filialen im Zoofachhandel in Deutschland

Fressnapf

870 Filialen.

Stand: 01.Januar 2016

Quelle: Information Resources GmbH // Handelsdaten

Futterhaus

285 Filialen

Petstores

375 Geschäfte und Filialen.

Zu den Petstores zählen Filialisten, d.h. Zoofachgeschäfte mit mindestens 4 Filialen, sowie selbstständige Zoofachgeschäfte mit Verkaufsräumen, die über 300 m² groß sind. Stand ist der 01. Januar des Jahres 2016.

Insgesamt

1530 Filialen von Fressnapf und Futterhaus, Zoofachgeschäfte mit mindestens 4 Filialen, sowie selbstständige Zoofachgeschäfte mit Verkaufsräumen, die über 300 m² groß sind.