Wagner und Klopp - eine einzigartige Freundschaft

Martin Quast
David Wagner bestritt als Stürmer acht Länderspiele für die USA

Huddersfield, Region Kirklees, Grafschaft West Yorkshire: Es ist der Schauplatz eines Fußball-Wunders - und SPORT1 durfte ins Allerheiligste.

David Wagner, deutscher Trainer des englischen Sensations-Aufsteigers Huddersfield Town, lud an den Ort, wo sein Team vergangene Woche Jose Mourinhos Manchester United niederrang.

Dort zu erleben: Eine fußballverrückte 150.000-Einwohner-Stadt in Englands Norden. Sie ist verrückt nach dem Traditionsklub, der in den zwanziger Jahren dreimal Landesmeister war.

Und sie ist seit neuestem auch verrückt nach Michael Hefele, Chris Löwe und Christopher Schindler - ehemaligen deutschen Zweitliga-Spielern, die halfen, den "Terriers" unter Wagners Anleitung wieder wachzuküssen.

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SPORT1 traf in Huddersfield auf euphorisierte Fanshop-Besucher, die sich durch Michael-Hefele-Fanshirts wühlten ("The Heffing Reality"), die auch ein paar Brocken Deutsch gelernt haben ("Ick bin ein Terrier!").

In höchsten Tönen schwärmen sie vor allem vom Deutsch-Amerikaner Wagner, dem ehemaligen Mainzer Teamkollegen (1991-1995) und guten Freund von Jürgen Klopp, dem Architekten des Huddersfield-Wahnsinns.


Im SPORT1-Interview erklärt der 46-Jährige das Geheimnis seiner "Wagner Revolution" - und spricht über das lang erwartete, am Samstag nun anstehende Duell mit Klopps FC Liverpool (Sa., ab 16 Uhr im LIVETICKER).

SPORT1: David Wagner, was sagt Ihnen das Datum 5. Dezember 2005?

Wagner: Da war ich im Studium. Ist da Mainz 05 aufgestiegen? Nein, Moment: Dezember, das kann nicht sein.

SPORT1: Standesamt Mainz-Gonsenheim.

Wagner: Ah! Das hätte ich natürlich wissen müssen. Tut mir leid, Ulla und Jürgen.


SPORT1: Da haben Sie die Ehe ihres besten Buddys schriftlich bezeugt. Jetzt treffen Sie sich an der Seitenlinie an der Anfield Road.

Wagner: Für mich ist nicht dieser Zusammenhang gaga, sondern dass wir uns seit über 25 Jahren nicht nur kennen und befreundet sind. Das ist fast mehr wie Freundschaft, eher ein familiäres Verhältnis. Die Hochzeit war ein großer Punkt in unserem familiären Verhältnis, besonders in seinem, wo ich dabei sein durfte. Aber das einzigartige an unserem Verhältnis ist die ganze Geschichte über die langen Jahre, wo wir ganz unterschiedliche Welten und Abschnitte hatten. Und jetzt treffen wir uns nächste Woche, und dann auch noch an der Anfield Road. Das ist unheimlich cool, fast surreal. Ich freue mich wahnsinnig darauf.


SPORT1: Kann man diese emotionalen Momente beim Spiel überhaupt ausblenden?

Wagner: Bis jetzt geht es. Wie es dann beim Spiel ist weiß ich nicht. Ich glaube wir sind beide so im Tunnel mit unserem Team, dass das nicht sekündlich präsent ist. Vielleicht gibt er noch einen Kommentar ab, der total daneben ist (lacht).

SPORT1: Kann es auch sein, dass sie als emotionale Typen aneinander geraten?

Wagner: Das würde ich prinzipiell nicht ausschließen. Aber ich kann ausschließen, dass wir uns hinterher nicht wieder vertragen. Wir sind schon mehr als einmal aneinander gerasselt - als Spieler oder in welchen Gegebenheiten auch immer.


SPORT1: Ist Klopp Ihr Vorbild?

Wagner: Mein Leitbild ist er. Wir lieben die gleiche Art von Fußball. Wir lieben das Spiel. Wir haben die gleiche Herangehensweise. Aber ist er ein Vorbild? Mit dem Begriff tue ich mich schwer. Ist es ein Vorbild, dass er raucht? Nein. Ist es ein Vorbild, wie er manchmal an der Außenlinie aussieht? Nein. Ist es ein Vorbild, wie er eine Mannschaft führt? Ja. Seine Art des Fußballs gefällt mir herausragend gut. Das ist etwas, was meiner Idee schon sehr nahe kommt. Allerdings: In der Championship sind wir viel mehr über Ballbesitz gekommen, als Kloppo zu seiner besten Borussia-Dortmund-Zeit.

SPORT1: Am vergangenen Samstag ist Huddersfield der bislang größte Coup gelungen, ein 2:1-Sieg über Jose Mourinhos Manchester United. Wie hat Ihr Team das gemacht?

Wagner: Wir sind läuferisch ans absolute Limit gegangen, vor allem haben in diesem Spiel nicht einen vermeidbaren Fehler gemacht. Manchester ist erstmal gar nicht mit der Aggressivität, die wir an den Tag gelegt haben, zurechtgekommen. Als sie sich adaptiert hatten, war es schon zu spät und vorbei. Das Besondere an diesem Spiel war für mich, dass die Jungs diese Chance auch beim Schopf gepackt haben und darauf drei Punkte gemacht haben, die für uns elementar wichtig sind. Das ist etwas, was unserem ganzen Verein, der Umkleidekabine und den Jungs einen riesen Push gibt. Die Jungs haben gemerkt: "Ey sowas geht! Der Alte erzählt nicht nur, dass sowas funktionieren kann, sondern das geht auch." Das gibt uns einen Push, der uns unheimlich weiterhilft - nicht nur für eine Woche oder einen Monat, sondern für die ganze Saison.


SPORT1: Wenn Jose Mourinho der "Special One" ist und Jürgen Klopp der "Normal One" - was für einer sind Sie?

Wagner:  Ich gehöre in diese Kategorie gar nicht rein. Ich bin glücklich, den "Normal One" zu treffen.

SPORT1: Wie viele Lichtjahre trennen Huddersfield von einem Klub wie zum Beispiel Pep Guardiolas Manchester City? Ist das überhaupt eine Liga?

Wagner: Nein, das ist es sicher nicht. Wir haben eigentlich keine Berechtigung in dieser Liga mitzuspielen. Was letzte Saison passiert ist, ist weder planbar noch Zielsetzung gewesen, noch ist oder war dieser Verein dafür fertig. Wir spielen in einer Liga mit, in die wir eigentlich nicht hinein gehören. Ich habe überhaupt kein Problem damit das auszusprechen. Das ändert aber nichts daran, dass wir total ambitioniert sind und zeigen wollen, dass das geht. Das ist superspannend und macht riesig Spaß auch für mich als Teammanager.

SPORT1: Wer durch Huddersfield fährt, fährt an vielen Schildern mit ihrem Mannschaftsmotto #TerrierSpirit vorbei. Marketing oder Überzeugung?

Wagner: Das ist absolute Überzeugung. Das ist das, wofür wir stehen. Der Terrier ist nicht der Größte, aber aggressiv. Der Terrier ist vielleicht nicht der Stärkste, aber wendig, dynamisch und schnell. Wir können in der Premier League nicht das gleiche machen, was alle anderen machen, weil wir viel weniger finanzielle Möglichkeiten haben. Wir versuchen mit den Waffen des Terriers erfolgreich zu sein.

SPORT1: Sie haben sieben deutschsprachige Spieler im Kader: Christopher Schindler, Chris Löwe, Michael Hefele, Danny Williams, Collin Quaner, Abdelhamid Sabiri und Elias Kachunga. Wie kam es dazu?

Wagner: Der erste Grund ist Qualität. Der zweite Grund ist: Die Qualität ist bezahlbar. Der dritte Grund ist ihr Hunger und ihre Gier nach Premier-League-Fußball.


SPORT1: In Deutschland haben die Spieler den Durchbruch nicht geschafft.

Wagner: Das gibt es häufiger, dass Verein A für einen Spieler nicht funktioniert, Verein B aber doch funktioniert. Das ist einer der Wege, die wir anders gegangen sind. Wir mussten aufgrund unserer finanziellen Restriktionen sagen: Lass uns Spieler nehmen, die bei ihren Vereinen vielleicht keine so gute Saison hatten. Spieler, die keine Top-Bundesliga-Spieler sind, aber Top-Zweitliga-Spieler.

SPORT1: Wie sehr prägt das Motto "Made in Germany" den Klub?

Wagner: Dadurch, dass es Erfolg hat (lacht). Hätten wir nicht so gut gespielt, würden die die Deutschen schnell wieder zurückjagen.

SPORT1: Wird eigentlich nur Englisch in der Kabine gesprochen oder auch Deutsch?

Wagner: Unsere Amtssprache ist Englisch. Das ist ganz klar die Vorgabe. Wenn alle zusammen sind heißt das Englisch, wenn die Deutschen zusammen sind, dann quatschen die auch Deutsch. Die Engländer haben das als solches vollkommen akzeptiert. Das wird dann respektiert, wenn du auf dem Platz Vollgas gibst und das machen die Jungs. Die haben ganz viel voneinander aufgenommen. Die Deutschen von der englischen Mentalität und die Engländer von der deutschen Mentalität und Professionalität. Die haben sich unheimlich gegenseitig befruchtet und voneinander profitiert.


SPORT1: Der Huddersfield-Boom ist auch ein wirtschaftlicher, die Trikots im Fanshop sind ausverkauft. Wie entscheidend ist diese Begeisterung der Menschen hier?

Wagner: In dieser Stadt und in diesem Verein ist deshalb Euphorie und positive Vibes, wie man sie sich nur vorstellen kann. Dieser Zusammenhalt – der aber auch auf einer realistischen Erwartungshaltung beruht – war immer ein ganz großer Vorteil für uns, und wir halten ihn aufrecht. Wir essen zum Beispiel nicht immer in einem abgeriegelten Raum, wo wir unter uns sind, wir gehen auch in die Kantine, in die auch Hinz und Kunz gehen. Wir wissen: Wenn der Zusammenhalt schwindet, dann wird es schwierig für unseren Verein.

SPORT1: Was wünschen Sie sich für das Wochenende? Wie wird das Aufeinandertreffen mit Jürgen Klopp?

Wagner: Ich hätte gerne ein Resultat, aber ich kann kein Resultat erwarten. Was ich erwarten kann ist, dass wir alles raushauen und daran glauben, was machen zu können. Wir spielen einfach das Spiel und schauen, wie es läuft.