Problem Trainersuche: Schmadtkes böses Erwachen

Reinhard Franke

Eine Trainersuche zieht sich schon mal wie Kaugummi. Die Verantwortlichen beim 1. FC Köln konnten zuletzt ein Lied davon singen, als erst Bruno Labbadia absagte, dann auch Pal Dardai, ehe Markus Gisdol als neuer Cheftrainer präsentiert wurde.  

Es kann aber auch mal sehr schnell gehen, bis ein Verein nach der Beurlaubung eines Fußballlehrers dessen Nachfolger bekannt gibt. So geschehen bei Hertha BSC. Die Berliner stellten in der Vorwoche zeitgleich mit der Entlassung von Ante Covic dessen Nachfolger Jürgen Klinsmann samt XXL-Trainerstab vor.


Wolfsburgs Geschäftsführer Jörg Schmadtke, einer der erfahrensten Manager der Branche, erklärt im Gespräch mit SPORT1 sein Vorgehen, wenn er einen Trainerwechsel für nötig hält.

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Schmadtke erklärt Problem

"Ich beobachte den Markt sehr genau. Das Problem bei einer Trainer-Verpflichtung ist manchmal, dass der Kandidat, für den man sich inhaltlich entscheidet, nicht frei ist", sagt der 55-Jährige. "Man muss als Sportvorstand zum einen schauen, wer in das Profil und zum Klub passt, zum anderen muss man überprüfen, wer überhaupt auf dem Markt ist."

Schmunzelnd ergänzt er: "Bei mir lief eine Trainersuche eigentlich immer nach Plan, sonst wäre es mit den jeweiligen Kandidaten ja nicht zu einem Abschluss gekommen."

Das Allerwichtigste bei einem Trainertausch sei eine genaue Analyse, warum der Vorgänger gescheitert ist und warum es mit ihm "in dem Konstrukt nicht funktioniert hat".

Daraus ergäben sich Schlussfolgerungen hinsichtlich dessen, was die Mannschaft konkret braucht und welcher Trainer zu ihr und zur Situation passen könnte. "Also auch zur Spielphilosophie, wie man immer so schön sagt." Wichtig sei hierbei auch, ob es eine langfristige Planung gebe. "Diese Punkte müssen geklärt sein", betont Schmadtke, für den vor allem eine Sache gegeben sein muss.


Vertrauen in handelnde Personen

Der Aufsichtsrat habe eine Kontrollfunktion und sollte seinen "handelnden Personen im Vorfeld einer Trainerverpflichtung vertrauen".

Hierbei gehe es gar nicht so sehr um ein Konzept, sondern vielmehr darum, "wie der Kandidat mit bestimmten Situationen umgeht, welche Spielidee er hat, wie er versucht, diese der Mannschaft näher zu bringen und wo er Baustellen sieht".

Im Prinzip, führt Schmadtke weiter aus, spreche man mit dem möglichen Kandidaten über das große Ganze und versuche dabei abzugleichen, "ob die Informationen, die man bekommen hat, und die Dinge, die man gesehen hat, mit dem persönlichen Eindruck übereinstimmen".

Einen bevorzugten Ort für Verhandlungen nennt der ehemalige Torhüter nicht. "Das war immer unterschiedlich. Mal habe ich mich mit einem Kandidaten zu Hause bei ihm getroffen, mal in einem Hotel."

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Unruhige Trainersuche beim 1. FC Köln

Die Trainersuche bei Schmadtkes Ex-Klub 1.FC Köln wurde öffentlich als suboptimal gebrandmarkt, Gisdol schien nach den Absagen von Labbadia und Pal Dardai nur die C-Lösung. 

"Vor einer unruhigen Trainersuche ist man nie gefeit", weiß Schmadtke. "Auch, weil die Medien im Vorfeld gewisse Namen spielen. Es gibt natürlich auch Kandidaten, die sich dessen bedienen und sich auf dem Markt noch mal interessant machen."

Er selbst habe nie eine Rangliste mit nur drei Kandidaten, sondern immer einige Trainer im Kopf, die auf das Profil passen könnten.


Schmadtke setzt auf Glasner

Es könne passieren, "dass derjenige, mit dem man sich als erstes unterhalten hat, plötzlich nicht mehr der Favorit ist. Weil man an ein Gespräch ganz andere Erwartungen hatte und dann zu der Erkenntnis kommt, dass beide Seiten einfach nicht zusammenpassen".

Dann sei es für ihn schlauer zu sagen: "Nein, das mache ich nicht", erläutert Schmadtke. 

Vor dieser Saison war Schmadtke in der Situation, einen passenden Trainer finden zu müssen. Schließlich entschied er sich für Oliver Glasner, der zuvor vier Jahre beim österreichischen Erstligisten Linzer ASK gearbeitet hatte. 

Glasner überzeugt VfL-Duo in vier Stunden

"Ich hatte relativ viele Informationen über ihn, hatte ihn auch schon zwei Jahre immer wieder mal beobachtet und mich umgehört, wie er gearbeitet hat", schildert Wolfsburgs Sportvorstand.

Es sei aber kein Geheimnis gewesen, dass sich der VfL auch mit anderen Kandidaten befasst hat.

"Am Tag zuvor hatten wir noch ein sehr gutes Gespräch mit einem anderen Kandidaten", erinnert sich Schmadtke. "Und dann sind wir in das Gespräch mit Oliver. Und ich dachte, es könnte schwierig werden für ihn, weil das andere Gespräch noch nachgewirkt hat." 

Doch nach einer halben Stunde waren bei Marcel Schäfer (VfL-Sportdirektor, Anm. d. Red.) und Schmadtke alle Bedenken wie weggewischt: "Wir haben vier Stunden zusammengesessen und es zeigte sich, dass er uns überzeugt hat."

Labbadia wollte nicht verhandeln

Es gebe ganz selten den Fall, "wie wir ihn im Sommer hatten, dass der Trainer (Bruno Labbadia, Anm. d. Red.) seinen Vertrag nicht verlängern will und wir die Stelle neu besetzen müssen." Generell sei es schade, "dass keine Trainerverträge mehr zum Auslaufen kommen. In der Regel trennt man sich während einer Saison von einem Trainer und präsentiert zeitnah einen Nachfolger."

Doch dies sei "eher unangenehm, weil die sportliche Situation meist nicht gut ist - und die Stimmung im Umfeld und im Klub auch nicht." Unter diesen Gesichtspunkten muss Schmadtke dann einen Trainer suchen und in einem Gespräch auch "ein Stück weit Aufbruchstimmung vermitteln. Das ist anstrengend und nicht immer leicht", räumt er ein.

Das Thema Labbadia beschäftigte wochenlang die Medien und den VfL.

"Es ist im Sommer mit Bruno Labbadia so gekommen, wie es gekommen ist. Da gehörten sicherlich zwei Seiten dazu", gesteht Schmadtke. "Jeder hatte seinen Anteil daran, im Ergebnis war es dann aber für beide Seiten gut so. Dass das Trainergespann gar nicht zu Vertragsverhandlungen bereit war, habe ich in der internen Kommunikation anders vernommen und hätte es anders erwartet."


Böses Erwachen für Schmadtke

Aktuell sei Wolfsburg mit Glasner "happy, wie es gerade läuft, weil wir die Dinge, die wir vorher besprochen haben, in seiner Arbeit wiederfinden".

Doch Schmadtke erinnert sich auch an ein böses Erwachen, nachdem er einen Trainer eingestellt hatte, der sich in den Gesprächen ganz anders gegeben hatte als später in der täglichen Arbeit: "Ich hatte einmal den Fall, dass es schwierig war. Persönliche Enttäuschungen haben da aber keinen Platz. Es ist natürlich ärgerlich, wenn dir ein Kandidat etwas vorgaukelt, was er nicht ist. Aber irgendwie vielleicht auch verständlich, weil er den Job will."

Es gebe nun mal nicht so viele Möglichkeiten in der Branche. "Da muss ich dann auch selbstkritisch genug sein und sagen: 'Da habe ich meinen Job nicht gut gemacht.'"