Energie, Schifffahrt, Bahn – So schadet die Hitzewelle deutschen Unternehmen

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Energie, Schifffahrt, Bahn – So schadet die Hitzewelle deutschen Unternehmen

Felder verdorren, Bahnen fallen aus, der Nachschub an Getränken stockt: Deutschland spürt die Folgen der hohen Temperaturen und langen Trockenheit.

Deutschland stöhnt: Temperaturen, die in anderen Ländern im Sommer normal sind, lassen das Land hierzulande fast in einen Ausnahmezustand fallen. Ein „Brennpunkt“ zur besten Sendezeit in der ARD war am Donnerstagabend mit 4,37 Millionen Zuschauern die meistgesehene Sendung im deutschen Fernsehen.

Doch was die Sendeanstalten freut, führt in anderen Branchen zu Problemen und hohen finanziellen Belastungen. Die Bauernverbände rechnen mit Ausfällen in Millionenhöhe, auch die Kommunen dürften auf massiven Zusatzausgaben sitzenbleiben. So hat beispielsweise die Stadt Bitterfeld schon vorgerechnet, dass sie mit Kosten von 10.000 Euro allein für die Bewässerung von Bäumen und Sträuchern rechnet. Für die Beseitigung von Folgeschäden könnten weitere 30.000 Euro anfallen, so die Schätzung der Kommunalverwaltung.

Exakt berechnen lassen sich die volkswirtschaftlichen Kosten der hohen Temperaturen kaum. Eine Ahnung hat der Jahrhundertsommer 2003 gegeben, wo Belastungen in Milliardenhöhe Euro in ganz Europa entstanden sind. Allein in Deutschland sind damals 7000 meist ältere Menschen an den Folgen der Hitze gestorben.


Die Münchener Rück bezifferte den Schaden für ganz Europa damals auf rund 13 Milliarden Euro. Im Gegensatz zu anderen Naturkatastrophen waren davon aber die Versicherer kaum betroffen, denn die meisten Schäden sind nicht gedeckt. So sind Wasser- und Stromknappheit selten Versicherungsfälle, und Ernteausfälle wegen lang anhaltender Trockenheit lassen sich in der Regel keinem singulären Ereignis zurechnen.

Versicherungsfälle dagegen sind die Folgen von Waldbränden, die sich aufgrund der Trockenheit rasend schnell ausbreiten können – wie man jetzt in Griechenland in furchtbarer Weise sehen konnte. Doch auch diese Gefahr ist in Deutschland geringer. „Das wird sich in Grenzen halten“, glaubt der Präsident des Deutschen Feuerwehrverbandes, Hartmut Ziebs. Der Grund dafür sei das flächendeckende Netz an freiwilligen Feuerwehren.

Viele Menschen haben Sorge, dass nach Ernteausfällen in der Landwirtschaft langfristig auch die Preise im Supermarkt steigen könnten. Doch das dürfte kaum zu spüren sein, zu gering ist der Kostenanteil vieler Rohstoffe in den Endprodukten. „Der Anteil des Getreidepreises am Produktpreis für Backwaren bewegt sich im einstelligen Prozentbereich“, sagt Herbert Funk von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen.

Dazu kommt: Der harte Wettbewerb im Lebensmittelhandel in Deutschland dürfte deutliche Preissteigerungen kaum zulassen. Damit könnten dann die Händler auf den gestiegenen Kosten sitzenbleiben.


Energie – Geringere Stromleistung

Deutschlands Kraftwerksbetreiber drosseln ihre Anlagen. Der Essener Kraftwerksbetreiber Steag hat die Leistung seines Steinkohlekraftwerks in Bergkamen im Ruhrgebiet heruntergefahren, auch der Karlsruher Konzern EnBW musste die Leistung in Philippsburg um zehn Prozent reduzieren, ein Dampfkraftwerk des baden-württembergischen Energieversorgers ist seit Mittwoch vollständig abgestellt.

Der Grund: Wegen des bereits stark aufgewärmten Flusswassers dürfen die Kraftwerke nicht mehr die üblichen Kühlwassermengen einleiten.


„Wir rechnen mit keinen weiteren Ausfällen“, sagte ein Sprecher des Energieversorgers Uniper. „Hält sich das Wetter die nächsten zwei bis drei Wochen, könnte es allerdings kritisch werden.“

Robin Girmes, Chef der Wetteragentur Energy Weather, sieht zusätzliche Probleme in den nächsten Tagen. „Durch den geringen Füllstand des Rheins ist die Wassertiefe insbesondere am Mittelrhein nahe Bingen derart zurückgegangen, dass Schiffe nur noch einen Bruchteil der Ladung transportieren können und voraussichtlich in wenigen Tagen den Transport auch einstellen müssen.“ Ein Ausweichen auf die Schiene könne die benötigten Kapazitäten nicht ausgleichen.

Am Spotmarkt verdoppelte sich der Preis für eine Megawattstunde seit Monatsbeginn nahezu und stieg auf fast 60 Euro.


Binnenschifffahrt – Ebbe auf der Elbe

Mindestens 20 Zentimeter Wasser unterm Kiel sollten es schon sein, raten Deutschlands Binnenschiffer. Ansonsten droht die Grundberührung – oder die Schiffsschraube könnte sich im Bodenschlamm festsetzen.

Doch fehlender Regen machen dieses Ziel derzeit zu einer schwierigen Rechenaufgabe. Am Mittelrhein bei Mannheim etwa fiel der Pegel von Montag bis Freitag um 35 Zentimeter auf 1,65 Meter. Rheinschiffer, die den Hafen passieren wollen, beladen ihre Kähne deshalb nur noch zur Hälfte.

Vom historischen Niedrigwasser auf dem Rhein, das Ende September 2003 gemessen wurde, ist man zwar immer noch gut 70 Zentimeter entfernt. Bis zum kommenden Dienstag aber sollen die Pegel, so die Prognosen der Generaldirektion Wasserstraßen und Schifffahrt in Bonn, weiter fallen – in Düsseldorf etwa um 17 Zentimeter.

„Eine extreme Kleinwassersituation besteht derzeit auf der Elbe“, berichtet Dirk Gemmer, Geschäftsführer der Rhenus PartnerShip. Auf der Mittel- und Oberelbe gebe es aktuell keine Transportmöglichkeit. Zudem seien vom niedrigen Pegel des Rheins die Nebenflüsse wie Mosel, Neckar und Main betroffen.

Anders als bei Hochwasser, bei dem bei einem festgelegten Pegel die Schifffahrt endet, gibt es für Niedrigwasser keine gesetzliche Regelung. Ob gefahren wird, liegt in der Verantwortung der Schiffsführer. So erklärte die Binnenschiffer-Genossenschaft DTG bereits: „Wir fahren bis zur nautischen und technischen Unmöglichkeit.“

Betroffen ist vor allem die Erzbelieferung für die Stahlöfen, Importkohle für die Stromerzeuger und der Transport von Baustoffen. Containeroperateure wichen derzeit teilweise auf die Schiene aus, berichtet Gemmer. Doch der Rhenus-Geschäftsführer beruhigt: „Bislang kam es zu keinerlei Engpässen bei den Kunden.“


Getränke – Flaschen werden knapp

Die Getränkeindustrie hat angesichts des heißen Sommers ein Luxusproblem: Leere Bierkästen werden zur Mangelware. Wegen der anhaltenden Sommerhitze läuft die Produktion in den deutschen Brauereien derzeit auf Hochtouren. Doch mittlerweile sind auf den Höfen vieler Brauereien die Leergut-Vorräte bedenklich geschrumpft. Die ungewöhnlich lange Hitzeperiode hätte die Berechnungen der Brauereien über den Haufen geworfen, berichtete etwa Niklas Other, Herausgeber des Branchenmagazins „Inside“.

Besonders Betriebe mit individuellen Flaschen leiden. In einer Facebook-Aktion hatte etwa die Privatbrauerei Moritz Fiege aus Bochum auf das Problem hingewiesen und die Kunden mit dem Slogan „Erst Pfand, dann (P)ferien“ zur Rückgabe aufgerufen. „Während Ihr in der Sonne liegt, machen wir die Flaschen wieder voll“, heißt es dort.

Das bedeutet aber zugleich, dass die Hitze der Getränkeindustrie einen deutlichen Absatzschub bringt. Mehrere große Brauereien hatten bereits im Mai von Rekord-Zahlen berichtet, seither blieben die Temperaturen hoch. Offizielle Zahlen gibt es jedoch noch nicht.

Von Januar bis Juni liege das Absatzplus gemessen am Vorjahreszeitraum bei gut zwei Prozent, schätzt Bier-Experte Other. „Wenn der August und September nicht verregnet werden, dürfte 2018 ein gutes Jahr für die Brauer werden“, prognostiziert er.


Fernverkehr – Störung im Betriebsablauf

Fahrgäste im ICE der Deutschen Bahn kennen die Situation schon aus den Vorjahren: Waggons, deren Sitzreihen vom Mittelgang mit roten Polizeibändern abgesperrt sind. Nach dem Grund brauchen Passagiere nicht zu fragen. Die Sauna-Temperaturen, eine Folge defekter Klimaanlagen, erklären die Absperrungen von selbst.

„Die Ausfälle liegen ein wenig über dem üblichen Wert“, bestätigt eine Sprecherin der Bahn. Man setze die Fahrgäste bei solchen Ausfällen dann einfach in andere Waggons um. Dass diese dann häufig überfüllt sind, erwähnt sie nicht.

Immerhin: In den neuen doppelstöckigen Intercitys und im ICE 4 seien die Klimaanlagen für Hitzeperioden nun besser gerüstet, versichert die Bahn.

Der Fahrgastverband Pro Bahn beobachtet derzeit allerdings eine Häufung von Verspätungen in den Abendstunden. „Offenbar wird es einigen Stellwerken zu heiß“, vermutet Verbandschef Karl-Peter Naumann. Zudem komme es nun häufiger zu Zugumleitungen, sagte er dem Handelsblatt. Schuld daran sind Böschungsbrände, hervorgerufen durch die die große Trockenheit.

Hinzu kamen am Wochenende Streckensperrungen nach Sturmschäden wegen umgestürzter Bäume. Ausfälle bei der Infrastruktur, sagt eine Bahnsprecherin, habe es wegen der Hitze bislang nicht gegeben.

Vom Flugverkehr ist dies nicht zu behaupten. Am Dienstag vergangener Woche musste der Flughafen Hannover schließen, weil sich Betonplatten auf der nördlichen Landbahn wölbten. 85 Start und Landungen fielen aus.


Landwirtschaft – Weniger Pommes, mehr Obst

Nach der anhaltenden Dürre könnten Pommes Frites wegen der schlechten Kartoffelernte teurer werden. Die kartoffelverarbeitende Industrie warnt vor Qualitätsproblemen und drohenden Engpässen. Mit der Trockenheit spitze sich die Lage „dramatisch“ zu, hieß es in einer Stellungnahme des Bundesverbands der obst-, gemüse- und kartoffelverarbeitenden Industrie (BOGK). Schon jetzt werde mit Ernteausfällen bei Kartoffeln von bis zu 40 Prozent gerechnet.

Auch anderswo drohen Ernteausfälle – im Schnitt von 20 Prozent, wie der Deutsche Bauernverband befürchtet. In einigen Regionen vor allem im Norden und Osten des Landes breche die Ernte um bis zu 70 Prozent ein. „Dort sind manche Betriebe in ihrer Existenz bedroht“, warnte Bauernverbandspräsident Joachim Ruckwied.


Der Bundesvorstand der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), in der sich ökologisch orientierte Betriebe zusammengeschlossen haben, forderte Agrarministerin Julia Klöckner deswegen auf, einen Agrargipfel der gesamten Agrar- und Ernährungsbranche einzuberufen, von den Bauern über die Verarbeiter bis zum Handel.

Stark betroffen sind diesmal auch die Tierhalter. So droht das Tierfutter etwa für Rinder knapp zu werden, weil auf den Wiesen nicht ausreichend Gras wächst. Einige Betriebe reagieren darauf mit vorgezogenen Schlachtungen. So teilte der Verband der Fleischwirtschaft mit, dass die Schlachtzahlen für Kühe seit Anfang Juni über den Vergleichswerten des Vorjahres liegen.

Es gibt aber auch landwirtschaftliche Betriebe, die von dem heißen Sommer profitieren. So berichten viele Obstbauern von frühen und guten Ernten. Auch einige Gemüsesorten sind von der Sonne begünstigt. Und die deutschen Winzer sehen Potenzial für einen sehr guten Jahrgang.