Was der ETF-Deal Commerzbank und Société Générale bringt

Die Commerzbank schrumpft durch den ETF-Verkauf, die Société Générale stärkt ihre Position in Deutschland. Wie die beiden Parteien davon profitieren.


Während deutsche Großbanken noch umbauen und schrumpfen, setzen ihre Konkurrenten aus Frankreich schon wieder auf Expansion. Jüngstes Beispiel: Société Générale gab am Dienstag bekannt, das Commerzbank-Geschäft mit Aktienderivaten und ETFs zu übernehmen.

Die zweitgrößte deutsche Privatbank senkt durch den Verkauf der Sparte EMC ihre Kosten und entschlackt die Bilanz. Die Franzosen setzen nach der Übernahme der Autoleasinggesellschaft ALD und des Equipment-Finanzierers Gefa ihre Einkaufstour in Deutschland fort.

„Die Übernahme des EMC-Geschäfts ist für uns ein wichtiger Schritt beim Ausbau unseres Geschäfts in Deutschland“, sagte Société-Générale-Manager Guido Zoeller dem Handelsblatt. Er arbeitet seit 2010 für das Geldhaus und ist für das Geschäft in Deutschland und Österreich verantwortlich.


In den vergangenen Jahren habe sich die Bank viele Dinge in der Bundesrepublik angesehen, sagt Zoeller. „Direktbanken, Depotbanken und andere mögliche Übernahmeziele.“ Aber bisher habe nichts so gut gepasst wie die Commerzbank-Sparte. „Wir sind ein weltweit führendes Derivatehaus – und die Produkte von EMC ergänzen unser Angebot perfekt.“

Im Segment Equity Markets & Commodities (EMC) hat die Commerzbank das Geschäft mit Aktienderivaten, ETFs sowie das Market-Making gebündelt. Das Institut ist also nicht nur Emittent von Finanzprodukten, sondern es stellt auch Marktpreise und betreibt für sich und andere Anbieter Marktpflege.

Begehrte ETFs

„Die Infrastruktur und das Personal von EMC sind sehr gut“, lobt Zoeller. „Darauf basierend werden wir in Europa neben London und Paris nun in Frankfurt einen dritten vollwertigen Trading Hub für Investment- und Flow-Produkte wie Optionsscheine, Turbos und Hebelzertifikate aufbauen.“ Bislang ist Société Générale in der Mainmetropole eine reine Vertriebsorganisation.

Große Bedeutung für die Franzosen hat bei der Übernahme das ETF-Geschäft, das die Commerzbank unter der Marke Comstage betreibt. „Hier ziehen wir in Europa durch die Übernahme von Comstage an der Deutschen Bank vorbei und werden zweitgrößter Anbieter hinter Blackrock“, frohlockt Zoeller. Das sei im ETF-Bereich aufgrund von Skaleneffekten wichtig. „Je mehr Geschäft wir machen, desto profitabler sind wir.“


Société Générale kommt mit ihrer ETF-Sparte Lyxor laut Bloomberg in Europa auf ein verwaltetes Vermögen von 63,9 Milliarden Euro. Durch die Übernahme von Comstage wächst das Volumen des französischen Geldhauses um 8,5 Milliarden Euro auf 72,4 Milliarden Euro.

Die Deutsche Bank, die bei 70,5 Milliarden Euro liegt, rutscht damit auf den dritten Platz ab. Unangefochtener Marktführer ist der US-Vermögensverwalter Blackrock mit 298,7 Milliarden Euro.

Bis Société Générale von allen Behörden grünes Licht für den ECM-Deal hat, sollen Comstage und Lyxor separat weitergeführt werden. „Für die Inhaber von Comstage-ETFs ändert sich also erst mal nichts“, betont Zoeller. Ob der Name Comstage nach der Integration fortgeführt wird, ist noch offen. „Für das zukünftige Branding ist noch keine Entscheidung getroffen worden.“


Auch andere französische Geldhäuser befinden sich im Angriffsmodus und haben ihre Marktposition in Deutschland durch Übernahmen ausgebaut. BNP Paribas schluckte 2014 den Onlinebroker DAB, die Privatbank Oddo zwei Jahre später die BHF Bank.

Im Bieterwettkampf um EMC setzte sich Société Générale unter anderem gegen die US-Investmentbank Goldman Sachs durch. Das Handelsblatt hatte bereits im März exklusiv über den bevorstehenden Zuschlag für die Franzosen berichtet. Der Kaufpreis, zu dem sich beide Institute nicht äußerten, liegt Finanzkreisen zufolge im niedrigen dreistelligen Millionen-Euro-Bereich.

520 Mitarbeiter betroffen

Ab Jahresende sollen die Handelsbücher, das Kundengeschäft, Teile der IT-Infrastruktur und die Beschäftigten schrittweise von der Commerzbank zu Société Générale wandern. „Die Transaktion umfasst 520 Mitarbeiter und rund 350 Millionen Euro an Erlösen“, berichtet Zoeller. „Wir wollen das Geschäft als Ganzes fortführen und prinzipiell auch alle Mitarbeiter übernehmen.“

Zunächst müsse man jedoch die Genehmigungen diverser Behörden einholen, was vermutlich bis zum vierten Quartal dauern werde. „Vorher können wir nicht anfangen, zu integrieren und Leute zu verlagern.“ Die meisten EMC-Mitarbeiter arbeiten in Frankfurt, gefolgt von London.

Experten bewerten den EMC-Deal positiv – für beide Banken. Société Générale baue durch das Geschäft seine Stellung in Deutschland aus und sorge damit für zusätzliches Wachstum, erklärten die Analysten der US-Bank Citi.


Die Commerzbank reduziere ihre Komplexität und senke durch den Verkauf ihre Kosten um mindestens 200 Millionen Euro. Die Veräußerung sei ein beruhigendes Zeichen an die Märkte, dass die Bank ihre für 2020 ausgegebenen Kosten- und Renditeziele erreichen könne.

Vorstandschef Martin Zielke hatte EMC im Herbst 2016 bei der Verkündung der Strategie „Commerzbank 4.0“ ins Schaufenster gestellt. Der vereinbarte Verkauf ist aus seiner Sicht ein Meilenstein bei der Neuausrichtung des Instituts. „Wir vereinfachen unser Geschäft, zahlen auf unsere Kostenziele ein und setzen Kapital für unser Kerngeschäft mit Privat- und Firmenkunden frei.“