So prägt euch die Beziehung zu euren Geschwistern noch im Berufsleben

·Lesedauer: 8 Min.

Über Geschwister lässt sich vieles sagen. Sie können uns beschützen, nerven, beistehen. Wir können sie lieben, verachten, bewundern, manchmal alles gleichzeitig. Sie lehren uns, wie man teilt, sowohl einen Kuchen als auch die Aufmerksamkeit der Eltern. Sie lehren uns auch, wie es sich anfühlt, wütend auf jemanden zu sein. Geschwister können viele Gefühle in uns auslösen, so intensiv, wie kaum jemand anderes. Nur eines kommt unter Geschwistern fast nie vor: dass sie einander egal sind.

Es gibt sogar Thesen, die besagen: Geschwister, oder vielmehr unser Platz in der Geschwisterreihenfolge, sind so bedeutsam, dass sie sogar beeinflussen, welche Art von Beruf wir ergreifen. Einer der berühmtesten Verfechter ist der US-Wissenschaftshistoriker und Psychologe Frank J. Sulloway. Für sein Buch „Der Rebell der Familie“, das 1997 erschien, hat er über zwanzig Jahren Biografien von mehr als 6.000 Menschen untersucht, darunter die von Berühmtheiten wie Charles Darwin (fünftes von sechs Kindern) oder Nikolaus Kopernikus (drittes von vier Kindern).

Erstgeborene konservativ, Jüngere kreativ?

Ein Ergebnis, zu dem Sulloway kam: Historisch betrachtet identifizierten sich die meisten Erstgeborenen eher mit den Eltern, wollten ihnen gefallen, passten sich an. Sie waren eher konservativ und orientierten sich am Status Quo. Die jüngeren oder jüngsten Geschwister dagegen neigten eher dazu, sich gegen die Eltern und damit das erstgeborene Geschwisterkind aufzulehnen. Sie waren eher die Rebellischen, Innovativen, Kreativen, die, die alte Werte, Glaubenssätze und Regeln infrage stellten.

Eines von vielen Beispielen sind die Humboldt-Brüder. Während Wilhelm, geboren 1767, die nach ihm benannte Universität in Berlin begründete und wie sein Vater zum preußischen Staatsmann aufstieg, wurde sein jüngerer Bruder Alexander zu einem der bedeutendsten Forschungsreisenden seiner Zeit. Überträgt man das Schema des konservativen Älteren und des innovativen Jüngeren auf die Jetztzeit, könnte man sich Wilhelm als Chef einer großen Behörde vorstellen — und Alexander, wie er an neuen Technologien für Solarpanels forscht.

Frank Sulloway würde dieses Gedankenexperiment wohl mitgehen. Einige seiner Kolleginnen und Kollegen allerdings würden mit dem Kopf schütteln. Denn nach der Veröffentlichung seines Buchs musste Sulloway auch viel Kritik einstecken. Ein Vorwurf lautet, dass er pauschalisiere oder außer Acht lasse, dass Menschen in erster Linie Individuen seien und sich nicht einfach über ihren Platz in der Geschwisterreihenfolge definieren ließen.

Die Verantwortung der Erstgeborenen

Der Schweizer Psychologe Jürg Frick beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Geschwisterbeziehungen und -persönlichkeiten. Seine Erfahrung: Ganz so einfach und schematisch, wie Frank Sulloway sie darstellt, sind sie nicht. Nur weil jemand der oder die Jüngste ist, wird er oder sie nicht automatisch einen kreativen Beruf ergreifen. Aber: „Natürlich befindet sich kein Geschwisterkind bei der Berufswahl im luftleeren Raum. Wir sind alle von unseren Geschwistern beeinflusst“, sagt Frick. Wie sich ein Geschwisterkind später entwickelt, hänge aber nicht einfach nur von seinem Platz in der Geburtenfolge ab — sondern davon, wie es diese Position erlebt hat.

„Es gibt Erstgeborene, die bekommen von den Eltern schon früh die Verantwortung fürs kleinere Geschwisterkind aufgedrückt“, sagt Frick. „Und es gibt Erstgeborene, die es genießen, die Verantwortung für jüngere Geschwister zu übernehmen. Die darauf stolz sind und damit vielleicht sogar kokettieren.“

Welches der Szenarien eintritt, hänge maßgeblich von den Eltern ab. Ihr hattet als ältestes Kind oft das Gefühl, dass ihr gezwungen wart , auf eure kleine Schwester oder euren kleinen Bruder aufzupassen? Dann ist es wahrscheinlicher, dass ihr euch für einen Job entschieden habt, in dem ihr nicht die Verantwortung für andere tragt. Wart ihr hingegen eine stolze große Schwester oder ein stolzer großer Bruder und habt es genossen, eure Geschwister zu versorgen und ihnen die Welt zu erklären, dann erhöht das die Chance, dass ihr euch für einen Job mit Personalverantwortung entschieden habt.

„Geschwister sind Rivalen“

Auch der Hamburger Kinderpsychiater Michael Schulte-Markwort beobachtet solche Muster. Nicht nur bei der Wahl des Berufs, sondern auch, wenn wir schon in einem Job angekommen sind, spielen Geschwisterkonstellationen eine große Rolle. „Wie ich im Beruf mit anderen rivalisiere, das ist zum Beispiel etwas, das ich als Kind durch Geschwisterbeziehungen lerne“, sagt Schulte-Markwort. Besonders stark präge sich Konkurrenzdenken oft bei Kindern aus, die mit einem oder mehreren gleichgeschlechtlichen Geschwistern aufwachsen, sagt er. „Unter Brüdern ist die Konkurrenz meist härter als unter Bruder und Schwester.“

Auch der Altersunterschied spiele eine Rolle. Aus kinderpsychiatrischer Sicht ist es nicht ratsam, wenn der Abstand zwischen erst- und zweitgeborenem Kind weniger als 18 Monate beträgt, sagt Schulte-Markwort. Denn: „Geschwister sind erst einmal Rivalen. Um die elterliche Zuneigung, um Versorgung, um Aufmerksamkeit.“ Mit Brüdern und Schwestern lernen wir zum ersten Mal, wie es ist, teilen zu müssen. Kinder, die jünger als eineinhalb Jahre sind, kann diese plötzliche Konkurrenz überfordern.

Geschwister-Abgrenzung: Die „Nischen-Theorie“

Wenn unsere Geschwister unsere ersten Rivalen sind — wie lernen wir dann, uns gegen sie durchzusetzen? Die Antwort des Psychologen Jürg Frick lautet: dadurch, dass wir Unterschiedlichkeit kultivieren. „Sehr viele Kinder versuchen, sich durch Verschiedenheit gegen ihre Geschwister zu behaupten“, sagt er. „Sie suchen sich unbewusst eine Nische, die ihr Bruder oder ihre Schwester noch nicht besetzt.“

Diese Strategie führe oft zu zickzack-ähnlichen Strukturen in Familien mit mehr als zwei Geschwistern. Ist die Älteste zum Beispiel eine tolle Klavierspielerin, wird sich der Zweitgeborene eher nicht an dem Instrument versuchen, sondern zum Beispiel lieber Handball spielen oder zeichnen lernen. Beim dritten Kind wiederum ist es gut möglich, dass es sich vom nächst älteren Geschwisterkind abheben will — und sich eher, wie Kind Nummer eins, ans Klavier traut.

Gleiches gilt für die Persönlichkeit, bestätigt Kinderpsychiater Michael Schulte-Markwort. „Wenn das erste Kind zum Beispiel einen sehr fordernden, aktiven Charakter hat, sehe ich häufig, dass das zweite Kind eher zurückhaltend wird“, sagt er. Kinder achteten darauf, welche Nischen in der Familie bereits besetzt seien und wo sie noch einzigartig sind. Und das sei schlau. „Solche Muster dienen dazu, sich einen eigenen Platz bei den Eltern zu sichern.“ Die Abgrenzung unter Geschwistern gehe teilweise so weit, dass Menschen bestimmte Talente, die sie haben, nie ausleben — oder erst viel später, als Erwachsene. „Es gibt Kinder, die total musikalisch sind, aber nie ein Instrument erlernen, nur, weil der große Bruder es schon macht“, sagt Schulte-Markwort.

Abgrenzung, Rivalität, auch Neid, all das kommt unter Geschwisterkindern vor. Man könnte sagen: Wir üben diese Gefühle und Verhaltensmuster mit unseren Brüdern und Schwestern fürs spätere Leben ein. Für Eltern allerdings ist diese Wahrheit oft schmerzlich, weiß Kinderpsychiater Schulte-Markwort aus Erfahrung. „Geschwisterrivalität, Neid und auch Unterschiede werden von Eltern oft verleugnet“, sagt er.

„Es ist für sie häufig nicht auszuhalten, wenn ihre Kinder — die sie ja, wie sie sagen, gleichermaßen lieben — nicht miteinander klarzukommen scheinen.“ Komme ein zweites Kind zur Welt, höre man Mütter und Väter oft den Satz sagen: „Ach, er ist so süß mit der Kleinen“. Das, sagt Michael Schulte-Markwort, sei oft Ausdruck von Verleugnung. Viele Eltern redeten sich die Geschwisterbeziehung ihrer Kinder schön. „Wenn der Große sich unbeobachtet fühlt, kneift er die kleine Schwester dann zum Beispiel doch gern mal.“

Keine zwei Kinder sind gleich

Besser wäre es, den Unterschied zwischen den Kindern zu akzeptieren — auch die verschiedenen Gefühle, die Elternteile für jedes Kind empfinden. „Liebe ist unterschiedlich“, sagt Schulte-Markwort. „Unterschiedliche Beziehungen bedeuten aber nicht automatisch mehr oder weniger. Wir mögen einfach nicht alle Menschen gleich.“ Auch Eltern liebten jedes ihrer Kinder anders und das sei in Ordnung. Wichtig sei es, nicht so zu tun, als seien beide Kinder gleich — sondern ihnen stattdessen unterschiedliche Räume zu geben.

Wenn das erste Kind gut Geige spielt und das zweite Kind auch Talent zu haben scheint — dann kann es einen anderen Geigenlehrer bekommen als das ältere Geschwisterkind. Es muss deswegen nicht gleich etwas anderes machen. Und wenn ihr noch als Erwachsene die innere Weigerung spürt, es euren Geschwistern „nachzumachen“, dann lasst deswegen eure Talente nicht ungenutzt. Ihr könnt den gleichen Karriereweg einschlagen wie sie — und ihn anders gestalten. Bei einem anderen Arbeitgeber, in eurer eigenen Firma oder durch eine andere Position.

Geschwister lehren uns fürs Leben

Aber bei aller Konkurrenz und Abgrenzung: Oft lernen wir Menschen Positives von unseren Geschwistern. „Haben Geschwister sich als Kinder beispielsweise unterstützt, wenn es Probleme mit den Eltern gab, dann haben sie dadurch Muster von Kooperation und Zusammenhalt trainiert“, sagt Psychologe Frick. Kommen wir dann später im Beruf mit Personen zusammen, die uns an unsere Geschwister erinnern, ist es wahrscheinlich, dass diese Muster wieder aktiviert werden — dass wir also der jeweiligen Kollegin oder der Vorgesetzten offen und freundlich gegenübertreten, so wie früher unserem Geschwisterkind. „Solche Reaktionen entstehen in Sekundenbruchteilen“, sagt Frick, „ganz unbewusst.“

Auch Jürg Frick hat eine Schwester, sie ist drei Jahre älter als er. Zu ihr hat er, wie er sagt, ein sehr gutes Verhältnis. Als Kind beobachtete Frick ihr Verhalten und lernte daraus. „Meine Schwester hat als Kind dazu geneigt, unseren Eltern gegenüber auch mal lauter zu werden, wenn sie etwas unbedingt wollte“, erzählt er. Zum Erfolg habe das selten geführt. Er selbst habe sich dann raffinierter angestellt, diplomatischer. „Und manches habe ich auch einfach heimlich gemacht, ohne unseren Eltern überhaupt etwas zu sagen.“ Verpetzt, sagt er, hat seine Schwester ihn nie.

Wir möchten einen sicheren und ansprechenden Ort für Nutzer schaffen, an dem sie sich über ihre Interessen und Hobbys austauschen können. Zur Verbesserung der Community-Erfahrung deaktivieren wir vorübergehend das Kommentieren von Artikeln.