So hat der Anschlag den BVB verändert

Christoph Küppers
Der Anschlag ist bei den Beteiligten in unterschiedlichem Maß noch immer präsent

Es sind emotionale Tage in Dortmund. Nur vier Tage vor dem wohl wichtigsten und prestigeträchtigsten Spiel für die schwarzgelbe Seele, dem Derby gegen den FC Schalke 04, wird der BVB an diesem Mittwoch mit dem zweifelsfrei schlimmsten Ereignis der jüngeren Vereinsgeschichte konfrontiert: Zum ersten Mal jährt sich der Anschlag auf die Dortmunder Spieler.

Drei Splitterbomben zertrümmerten am 11. April 2017 die Scheiben des BVB-Mannschaftsbusses, mit dem die Profis auf dem Weg ins Dortmunder Westfalenstadion waren. Dort sollten sie eigentlich im Champions-League-Viertelfinale gegen AS Monaco spielen. Die Partie wurde abgesagt, einen Tag später nachgeholt. Der BVB schied aus.

Ein turbulentes Jahr später steht fest: Der Anschlag, bei dem mit Verteidiger Marc Bartra glücklicherweise nur ein schwarzgelber Akteur sowie ein Polizist verletzt wurden, hat die Dortmunder nachhaltig geprägt – und das auf allen sportlich relevanten Ebenen.


Die Mannschaft

Bis heute sind viele BVB-Akteure intensiv mit der Aufarbeitung der Geschehnisse vom 11. April 2017 beschäftigt. Mitte März bestätigte Ersatztorwart Roman Weidenfeller vor Gericht, weiterhin in psychologischer Behandlung zu sein. "Das ist immer noch Thema in der Mannschaft", so Weidenfeller.

Wie tief das Trauma tatsächlich sitzt, zeigt die Reaktion von Nuri Sahin, der ein TV-Interview am vergangenen Sonntag nach dem 3:0-Sieg gegen den VfB Stuttgart abbrach, als er auf die Geschehnisse von vor einem Jahr angesprochen wurde.


Kapitän Marcel Schmelzer gab vor einigen Wochen ebenfalls vor Gericht Einblicke in sein Inneres: "Ich zucke immer noch zusammen, wenn irgendwo ein Teller runterfällt oder wenn Fahrzeuge langsam an uns vorbeifahren. Kein Spieler schlief in der Nacht nach dem Anschlag." Bis heute - auch das ergaben die Gerichtsaussagen - leiden viele BVB-Spieler unter ernsthaften Schlafstörungen.

Am offensichtlichsten beschäftigte das Attentat Marc Bartra. Der Spanier fand nach einer bärenstarken Hinrunde 2016/17 nicht mehr zu seiner Form zurück, wechselte vergangenen Winter zurück in die spanische Heimat. Sein Credo: neuer Ort, frische Umgebung, Distanz zum Anschlagsort.

Ähnliche Gedanken spielten beim Transfer von Sven Bender zu Bayer Leverkusen eine Rolle. "Das war auch eine Überlegung für den Wechsel", sagte der Mittelfeldspieler. Alle diese Reaktionen zeigen: In den Köpfen vieler Spieler ist der Anschlag weiter ein Thema, speziell in der persönlichen Trauma-Bewältigung jedes einzelnen Akteurs.

Der Trainer

Die Geschehnisse aus dem April 2017 betreffen auch den Kopf der Mannschaft, den Trainer. Mit Peter Stöger sitzt mittlerweile der zweite Coach nach dem Anschlag auf der Bank, im Sommer folgt höchstwahrscheinlich der nächste.

Unter der Ägide von Thomas Tuchel hatte sich der BVB sportlich vortrefflich entwickelt. Anfang 2017 plante BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke sogar eine Verlängerung mit dem für ihn unangenehmen, aber erfolgreichen Trainer. 

Doch der Anschlag verstärkte die schwelenden Spannungen zwischen dem BVB-Boss und Tuchel enorm. Die beiden Machtmenschen waren schon im Vorfeld über Ausrichtung und Mitspracherecht im Verein aneinandergeraten. Rund um das Attentat riss die Beziehung endgültig. 


"Der große Dissens bestand darin, dass ich im Bus saß und Aki nicht. Deshalb gab es auch eine andere Herangehensweise mit dem Umgang", erklärte Tuchel im März vor Gericht. Es ging vor allem um die Frage, ob der BVB nur einen Tag später gegen Monaco hätte spielen sollen.

Der 44-Jährige sagte auch, dass er vermutlich noch Trainer beim BVB wäre, hätte es den Anschlag nicht gegeben. Im Zwist mit Watzke musste er aber gehen, dem BVB ging gleichzeitig das glückliche Trainer-Händchen verloren.

Weder Peter Bosz noch Stöger konnten die Mannschaft zu derart nachhaltigen fußballerischen Glanzpunkten treiben.

Die Bosse

Auch deshalb zeigt der Anschlag in der Dortmunder Führungsetage Nachwirkungen. Vor allem Geschäftsführer Watzke setzten die Folgen zu. Im Zuge des Streits mit Tuchel beschäftigte Watzke auch, dass sich viele BVB-Fans eher auf die Seite des Trainers schlugen.

Dem Spiegel sagte der Geschäftsführer: "Es war, als hätte Mike Tyson dir aus dem Nichts eine vor den Kopf geballert. Auf einmal war ich der seelenlose Technokrat. Ich!" Dabei sehe er im Nachgang keine gravierenden Fehler bei sich: "Ich bin da in etwas reingeraten und wusste irgendwann nicht mehr, wie ich da rauskomme."


Kurzzeitig dachte Watzke rund ums DFB-Pokalfinale 2017 sogar an Rücktritt. Nachdem die wichtigen Vereinsgremien ihm aber ihr volles Vertrauen aussprachen, musste stattdessen Tuchel gehen.

Schenkt man Vereinsinsidern Glauben, hat sich Watzkes Sicht auf die Dinge durch den Anschlag dennoch verändert. So seien die Nachwirkungen des Attentats Gründe dafür, dass der BVB-Boss den Verein neu aufstellt – beispielsweise durch den frischen Input von Sebastian Kehl und Matthias Sammer.

Fazit

Auch wenn man dies in Dortmund am liebsten verdrängen würde: Ein Jahr nach dem Anschlag ist beim BVB keine Normalität eingekehrt. Mannschaft und Führungsetage stehen weiter unter den erschütternden Eindrücken aus dem April 2017.

Die sportliche Misere in diesem Jahr damit zu erklären, wäre zwar zu einfach. Das Attentat ist aber ein Mosaikstein im komplizierten Bild, das der BVB gerade abgibt. Vielleicht ist der von Watzke für den Sommer angekündigte personelle Umbruch ein weiterer Schritt in Richtung Neuanfang.