Arzt warnt Neureuther - so gefährlich sind die Olympia-Pläne

Tobias Wiltschek
Felix Neureuther hat sich beim Training in Beaver Creek einen Kreuzbandriss zugezogen

Die Enttäuschung wich bei Felix Neureuther schnell dem Trotz - und der Hoffnung.

Schon bei seiner Rückkehr aus den USA, wo er bei einem Trainingssturz einen Kreuzbandriss erlitten hatte, sagte Deutschlands Skistar: "So lange noch ein kleines Fünkchen Hoffnung besteht, dass vielleicht sogar tatsächlich auch Olympia möglich sein sollte, werde ich jedes kleine Fünkchen Hoffnung probieren zu ergreifen."

Wenn es irgendwie geht, will er am 22. Februar 2018 doch noch den Slalom bei den Olympischen Spielen in Pyeonchang bestreiten.


Knie-Spezialist warnt Neureuther

Doch ist dieses Ziel überhaupt realistisch? Knie-Spezialist Dr. Ulrich Boenisch hat da erhebliche Zweifel.

"Von der Emotionslage ist der Teilnahmewunsch nachvollziehbar. Er ist sehr gut in die Weltcup-Saison gestartet und hatte hohe Erwartungen. Dazu ist Olympia ein spezielles Highlight", sagte der Orthopäde der Hessingpark Clinic in Augsburg bei SPORT1.

Boenisch, der schon zahlreiche Fußball-Profis wie Toni Kroos, Sami Khedira oder Arjen Robben behandelt hat, gibt aber auch zu bedenken: "Er muss wissen, dass er damit Risiken eingeht. Bei einem gerissenen Kreuzband werden die falschen Teile im Kniegelenk belastet. Das heißt, es kann durch die veränderte Mechanik zu Folgeschäden im Sinne von Meniskus- oder Knorpelschäden kommen."

Der Mediziner, der nicht in Neureuthers Behandlung involviert ist, empfiehlt verletzten Breitensportlern, sich je nach Risikosportart individuell ärztlich beraten zu lassen, ob mit Operation oder ohne Operation vorgegangen werden kann. Die Sondersituation "Neureuther" unkritisch nachzuahmen wäre das falsche Signal.


Höfl-Riesch macht Neureuther Mut für Olympia

Sollte Neureuther das Gefühl haben, dass er auch ohne vorderes Kreuzband Höchstleistung bringen kann, könnte medizinisch nach Boenischs Worten auch erst zwei Wochen vor den Olympischen Spielen entschieden werden, ob er den Slalom in Angriff nehmen kann oder nicht. 

Die dreimalige Olympiasiegerin Maria Höfl-Riesch hält einen Start Neureuthers bei Olympia für möglich.

"Es wäre nicht das erste Mal, dass jemand mit einem gerissenen Kreuzband fährt", sagte sie bei Servus TV.

Vonn als warnendes Beispiel

Viele vergleichbare Fälle hat es bislang jedoch nicht gegeben. Zuletzt hatte US-Star Lindsey Vonn trotz eines Kreuzbandrisses bei den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi antreten wollen.

Das Vorhaben scheiterte. Neun Monate nach ihrem ersten Kreuzbandriss zog sie sich beim Training die gleiche Verletzung zu. Sie startete wenig später beim Weltcup im Dezember 2013 in Val d'Isere dennoch, und schied nach eineinhalb Minuten aus.

Ihr lädiertes Knie war den Herausforderungen nicht gewachsen, sie musste den Traum von Olympia begraben.

Gerg startet trotz Kreuzbandriss

Mehr Hoffnung dürfte Neureuther die Geschichte von Hilde Gerg machen. Auch die Slalom-Olympiasiegerin von 1998 startete mit einem gerissenen vorderen Kreuzband bei einer Großveranstaltung.

2003 bei der WM in St. Moritz konnte sie aber nicht an die ihre Leistungen bei den vorangegangenen Titelkämpfen anknüpfen. Im Super-G wurde sie 14., in der Abfahrt musste sie sich mit Platz 20 begnügen.

Für diese Platzierungen würde sich Neureuther dieses Wagnis allerdings nicht antun. "Ich gehe nur an den Start, wenn ich eine Medaillenchance habe", hatte er bei seiner Ankunft am Montag in München gesagt.