Mit SNB-Schritt könnte Negativzins-Ära in Europa zu Ende gehen

(Bloomberg) -- Die Schweizerische Nationalbank wird am Donnerstag wahrscheinlich das jahrzehntelange Experiment der Negativzinspolitik in Europa beenden, indem sie den Leitzins mit Nachdruck über Null anhebt.

Die Hälfte der von Bloomberg befragten Ökonomen rechnet mit einer Erhöhung um 75 Basispunkte auf 0,5%, was dem Vorgehen der Europäischen Zentralbank in diesem Monat entsprechen würde. Der Rest der Volkswirte erwartet entweder einen Viertelpunkt weniger oder mehr.

Eine Zinsentscheidung steht am Donnerstag auch in Tokio an. Die Bank von Japan dürfte an ihrer Negativzinspolitik festhalten. Hebt die Schweiz die Zinsen über null, wäre Japan weltweit das einzige verbleibende Strafzins-Land.

“Die SNB wird jetzt mit einer stärkeren Zinserhöhung aufwarten, damit sie sich im Dezember einen kleineren Schritt leisten kann”, sagt Maxim Botteron, Ökonom bei der Credit Suisse Group AG in Zürich. “Wir erwarten eine Verlangsamung oder sogar eine Rezession in der Eurozone, so dass sich das Zeitfenster für große Zinserhöhungen schließt.”

Botterons Vorhersage einer Anhebung um 75 Basispunkte geht davon aus, dass die SNB-Entscheider an ihrem vierteljährlichen Zeitplan festhalten werden und die Anleger nicht mit geldpolitischen Änderungen zwischen den Sitzungen überraschen.

Drei Ökonomen prognostizieren in der Schweiz einen Zinsschritt um 100 Basispunkte, wie sie die schwedische Riksbank am Dienstag vorgenommen hat. Alexander Koch von Raiffeisen Schweiz in Zürich gehört zu den acht Ökonomen, die eine Zinsanhebung um einen halben Prozentpunkt vorhersagen. Dass der Zinsschritt auch größer ausfallen könnte, will er indessen nicht ausschließen.

Die Schweiz hat lange versucht, ihre Wirtschaft von der Politik ihrer Nachbarn, mit denen sie den größten Teil ihres Handels abwickelt, abzuschirmen. Um die Exporteure vor den Kursgewinnen des Frankens gegenüber dem Euro zu schützen, hatte die SNB 2015 die Zinsen unter null gesenkt.

Im Moment ist die Stärke des Franken indessen ein Segen, da sie den Preisdruck durch Importe in Schach hält. Selbst bei einer Teuerungsrate von über 3% sind die Preise deutlich stabiler als in der Eurozone. Derweil wird der Wirtschaft nach wie vor Wachstum vorausgesagt, wenn auch der Ausblick schwächer geworden ist.

Nach der EZB-Zinsanhebung im Juli und dem dänischen Zinsschritt in diesem Monat wären die Schweizer die letzten in Europa, die ihre negativen Zinsen aufgeben. Die schwedische Riksbank war bereits 2019 wieder über null gegangen, da sie die Nebenwirkungen dieser Politik als zu schädlich für das Finanzsystem erachtete.

Die SNB war zwar nicht die erste Zentralbank, die in diesem Jahrhundert in den negativen Bereich ging - diese Ehre gebührt Dänemark -, aber sie tat dies am aggressivsten. Bis Juni war ihr Leitzins mit -0,75 der weltweit niedrigste. Inzwischen liegt er bei -0,25%.

Überschrift des Artikels im Original:

Europe’s Subzero Rate Era Poised to End as SNB Plays Catchup

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