Ski Alpin: Sexuelle Gewalt im Ski-Weltcup: Ex-Rennläuferin erhebt Vorwürfe

Bei Österreichs in Nordamerika weilenden Damen-Alpinteams hat man auf die in der Heimat erhobenen Missbrauchsvorwürfe reagiert. "Wir haben das natürlich intern thematisiert. Wenn so ein Thema von außen in unser Damenteam hereingetragen wird, ist das unbedingt erforderlich", erklärte Damen-Rennsportleiter Jürgen Kriechbaum der APA in Killington.

Nun erreicht die #metoo-Debatte auch den alpinen Ski-Weltcup. Die ehemalige Weltklasse-Läuferin Nicola Werdenigg (ehemals Spieß) erhebt im Standard schwere Vorwürfe gegen den Skisport der 1970er-Jahre.

"Es hat Übergriffe gegeben, sexualisierte Gewalt. Von Trainern, von Betreuern, von Kollegen, von Serviceleuten. Ich war ein Teenager, der unter Erwachsenen Dinge gesehen hat, die sonderbar waren", erzählt die Vierte der Olympia-Abfahrt von 1976 in Innsbruck.

Konkret spricht Werdenigg über eine Vergewaltigung, die ihr im Ski-Weltcup widerfahren ist. "Als ich 16 Jahre alt war, haben mich zwei Männer unter Alkohol gesetzt, einer der beiden hat mich vergewaltigt", so die heute 59-Jährige. Beim Täter handelte es sich um einen männlichen Teamkollegen. "Das hat mich jahrelang gedrückt. Ich habe mit niemandem darüber gesprochen, weil ich mich so geschämt habe. Weil das auch ein Mannschaftskollege war. Ich habe mir die Schuld gegeben, wie es junge Frauen oft machen, weil ich mich habe ansaufen lassen."

Pornografische Aufnahmen

Anderen Frauen sei es im Weltcup-Team nicht viel besser ergangen. So habe ein Teamkollege heimlich den Geschlechtsverkehr mit einer Skirennläuferin gefilmt. "Das Video wurde kurz darauf der Mannschaft vorgespielt. Das ging damals als Scherz durch. Ihm ist gar nichts passiert, sie hat sich zu Tode geschämt und den Sport geschmissen. Die Frau war ruiniert. Es war grausam, aber so war das damals eben."

Ein andere Gruppe von Skirennläuferinnen sei unter dem Vorwand von Werbeaufnahmen in ein Hotelzimmer gelockt worden, wo anschließend pornografisches Material erstellt wurden. Bulimie sei in diesem Umfeld eine weit verbreitete Krankheit gewesen. Auch Werdenigg selbst litt daran. "Ein älteres Mädchen hat damit begonnen, und wir im Damenteam haben es nachgemacht. Zehn Jahre lang habe ich durch ein wildes Nachfüllen und Ausleeren meinen jugendlichen Körper geschunden."

Vergewaltigungs-Versuch in der Schule

Zudem berichtet Werdenigg von einem schrecklichen Erlebnis in der Ski-Hauptschule, als sie ein Schulkollege zu vergewaltigen versuchte, während gleichzeitig der Heimleiter onanierend dabei zuschaute. "Der Vergewaltigung fehlte der Akt an sich, ich konnte mich damals mit kindlicher Überlebensstrategie wehren. Schreien half nicht, der Tritt in den Unterleib sehr wohl. Die Tatsache, dass der Mann, der diese Aktion aus Frauenverachtung inszenierte, dabei Befriedigung vor meiner Zimmertür erlebte, war der erste große Schock in meinem Leben", schildert die Tochter von Erika Mahringer (Österreichs Sportlerin des Jahres 1951).

Das berühmte Ski-Gymnasium in Stams nimmt Werdenigg ausdrücklich von diesen Anschuldigungen heraus. "Stams war ein Refugium. Ich habe dort nie etwas Verdächtiges erlebt. Mir kam dort nie ein Trainer oder Lehrer eigenartig vor. Diese Schule bot mir eine völlig neue Form der Sozialisierung."

Werdenigg sieht heutiges Frauenbild kritisch

Anna Veith betonte zuletzt bei Sport am Sonntag, dass sie in ihrer Karriere mit keinen Übergriffen konfrontiert war. Gut möglich, dass die scheußlichen Praktiken aus den 1970er-Jahren mittlerweile der Vergangenheit angehören. Das Frauenbild der heutigen Zeit sieht Werdenigg, die bei der Nationalratswahl für die Liste Pilz kandidierte, dennoch kritisch:

"Ich höre die Leute im Gasthaus reden. Die Anna Veith ist fesch, die Michaela Kirchgasser ist es auch und erst die Lindsey Vonn. Aber was ist denn das für ein Pferd? Und wie hässlich sieht denn die aus? Dieser Ton ist normal, und wer stößt sich schon daran? Nur Moralapostel. Aber ich habe Hoffnung, die nächste Generation wird es besser machen. Mein Sohn ist mehr Feminist, als ich es bin."

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