Skandal bei IndyCar-Sim-Race: Pagenaud crasht absichtlich in Norris

Heiko Stritzke

Ein sportlich fragwürdiges Schauspiel erlebten die Zuschauer beim Finale der IndyCar-E-Sport-Serie auf dem Indianapolis Motor Speedway. Das 70-Runden-Rennen im "Brickyard" endete mit einem Sieg für Supercars-Pilot Scott McLaughlin (Penske-Chevrolet), doch darüber sprach kaum jemand.

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Im Fokus stehen stattdessen zwei Vorfälle, die das Ansehen der IndyCar-Szene beschädigt haben dürften. IndyCar hat nun seinen eigenen "Schieb ihn raus"-Moment. Außerdem fiel Santino Ferrucci wieder einmal negativ auf, nachdem er sich schon in Europa seine Reputation mit dem Formel-2-Wochenende in Silverstone 2018 zerstört hatte.

Den Skandal des Abends lieferte jedoch Simon Pagenaud (Penske-Chevrolet), der mit einem Revanchefoul Formel-1-Pilot Lando Norris (McLaren-SP-Chevrolet) aus dem Rennen beförderte. Die Absprache des Plans zwischen dem Franzosen und seinem Renningenieur Ben Bretzman war in seinem Twitch-Stream deutlich zu hören.

Absprache in laufendem Livestream

Schlussphase im Rennen: Pagenaud befindet sich im Titelkampf in der virtuellen IndyCar-Serie, deren Finale das 175-Meilen-Rennen darstellt. Norris mischt als Gaststarter wie üblich ganz vorne mit. Bei einem Restart acht Runden vor Schluss kämpfen Pagenaud, Norris und Graham Rahal (RLL-Honda) in einem Three-Wide um die Führung.

Norris versucht ein unkonventionelles Überholmanöver in Kurve 2, wo in der Realität eigentlich nicht attackiert wird. Ein Fehler im Netcode von iRacing kreiert fälschlicherweise eine Berührung mit Rahal, der in der Mitte fährt. Dieser boxt dadurch den außen fahrenden Pagenaud in die Mauer, für den das Rennen gelaufen ist - und damit der Traum vom Sim-Racing-Titel.

Dieser fasst anschließend den Plan zur Selbstjustiz. In iRacing ist es möglich, mittels ESC-Knopf zurück an die Box gebeamt zu werden und mit einem reparierten Auto wieder auf die Strecke zu gehen, natürlich unter Rundenabzug.

Norris: "So ein Loser"

Und so geht er wieder auf die Strecke. Er findet Spitzenreiter Norris, nachdem ihm Betzman zuverlässig die Abstände durchgegeben hat. Mitten in Kurve 4 steigt er auf die Bremse, um einen Unfall zu provozieren, der Norris aus dem Rennen reißt.

Zu dem Zeitpunkt scheint ihm auch wieder eingefallen zu sein, dass er live auf Sendung ist. Allerdings widerspricht er sich selbst. Zum Zeitpunkt der Kollision sagt er: "Ich habe mich gedreht, das wollte ich nicht." Kurze Zeit später behauptet er, dass er in die Box fahren wollte.

Norris analysiert die Szene auf seinem Youtube-Kanal und überspielt dabei seinen Frust mit Gelächter: "Er ist so ein Lügner. Ja, man, du wolltest das, Kumpel. Unglaublich. Was für ein Loser. Wisst ihr, wie viel Zeit ich investiert habe, um das links herum Fahren zu perfektionieren? Da sind locker 24 Stunden zusammengekommen!"

Ferrucci rammt Askew weg

Damit nicht genug: Das Ende des Rennens artet in ein Schlachtfest aus. Eingangs der letzten Runde kämpfen die beiden McLaren-SP-Hondas von Patricio O'Ward und Oliver Askew mit Marcus Ericsson (Ganassi-Honda) um die Spitze. In Kurve 4 versucht O'Ward einen hoffnungslosen Angriff auf den ehemaligen Formel-1-Piloten. Beide kreiseln ins Aus.

Askew wird dadurch verlangsamt und von hinten attackiert Santino Ferruci (Coyne-Vasser-Sullivan-Honda) auf der Zielgeraden. Doch der US-Amerikaner bringt es nicht fertig, geradeaus zu fahren und das Rennen zu gewinnen. Stattdessen zieht er volles Programm in Askkew rein, beide Fahrzeuge überschlagen sich mitten auf der Geraden.

So holte sich völlig unverhofft Scott McLaughlin den Sieg vor Conor Daly (Carlin-Chevrolet). Ferrucci und Askew wurden - noch im Überschlag befindlich - auf den Plätzen drei und vier gewertet.

Ferrucci erklärt sein auf den ersten Blick irrationales Verhalten so: "Ich habe im NASCAR-Stil versucht, so nahe wie möglich an ihn heranzufahren. Dabei bin ich ein bisschen zu dicht herangekommen und ein wenig zu aggressiv gewesen. Das war definitiv mein Fehler." Im NASCAR-Sport nutzen Fahrer gerne den sogenannten "Side-Draft", um den Gegner zu verlangsamen.

Es ging in diesem Rennen um keinerlei Preisgeld, sondern lediglich um Ruhm und Ehre. Doch das Event wurde live im US-amerikanischen Fernsehen und auf den offiziellen Youtube-Kanälen von IndyCar und iRacing übertragen. Tausende von Menschen sahen zu.

Mit Bildmaterial von IndyCar.