„Wir sitzen mit der Waffe auf dem Hochsitz“


Wenn die Bayer AG am Donnerstag ihre Zahlen fürs zweite Quartal vorlegt, ist Licht und Schatten gewiss. Wegen Problemen im Brasiliengeschäft der Agrarchemiesparte Crop Science musste der Konzern bereits die Gewinnprognose für 2017 senken. Da ist es für Bayer umso wichtiger, dass die anderen Geschäfte gut laufen – selbst wenn sie gar nicht mehr zum Kern gehören.

Dazu zählt vor allem die ausgegliederte Kunststofftochter Covestro. An der hält Bayer nach mehrmaligen Anteilsverkäufen zwar nur noch 41 Prozent, sie wird aber von dem Leverkusenern Dax-Konzern weiterhin voll konsolidiert. Und das macht sich bezahlt: Schon jetzt ist klar, dass Covestro auch im zweiten Quartal Stütze und Treiber des Bayer-Gewinns sein wird.


Die Kunststofftochter hat ein erfolgreiches Quartal hinter sich. Von April bis Ende Juni stieg der Betriebsgewinn (Ebitda) um 57 Prozent auf 848 Millionen Euro, der Umsatz legte um 17 Prozent auf 3,5 Milliarden Euro zu. Die Ergebnisse lagen deutlich über den Erwartungen der Analysten, dennoch gab die Aktie leicht nach. Die Investoren fragen sich, wie lange Covestro die nun seit der Ausgliederung im September 2015 andauende Erfolgsphase weiterführen kann.

Markus Steilemann gibt sich da optimistisch. „Wir spüren einen weiterhin starken Bedarf in all unseren Kundenindustrien“, sagt er im Gespräch mit dem Handelsblatt und verweist auf die gute Lage in der Automobil- , Elektronik- und Bauindustrie. Der 1970 geborene Chemiker ist im Covestro-Vorstand für Innovation, Marketing und Vertrieb zuständig. Seine Position ist herausgehoben: Steilemann ist als Nachfolger des langjährigen Vorstandschefs Patrick Thomas nominiert. Spätestens im Herbst 2018 rückt er auf den Spitzenposten. In der Branche wird spekuliert, dass dieser Schritt schon früher vollzogen wird.


Covestro hat zwei große Kunststoff-Kerngeschäfte, in denen der Konzern Weltmarkführer ist: Polyurethan, das etwa für Schäume in Matratzen, Autositzen und im Bau verwendet wird, sowie Polycarbonat, ein transparenter Kunststoff, der in der Medizin, Sportausrüstung oder für Autoscheinwerfer verwendet wird.

In beiden Segmenten sind die Produktions-Kapazitäten von Covestro derzeit annähernd voll ausgelastet – wie auch bei den Konkurrenten. Deswegen konnte der Hersteller die Preise kräftig erhöhen. In der Polyurethan-Sparte führte die Marktlage zu einem ungewöhnlichen Effekt: Die Absatzmengen sanken, weil Vorprodukte fehlten. Der Gewinn hingegen kletterte um 144 Prozent auf 556 Millionen Euro.


Portfolio soll weiter umgebaut werden


Die Produktionsengpässe will Covestro nun mit weiteren Investitionen lösen. Laut Steilemann geht es dabei nicht um die große, neue Anlagen, sondern um Erweiterungen. Dies sei zeitlich schneller umzusetzen. Zugleich hält sich Covestro damit flexibel. Denn es ist offen, wie lange die hohe Auslastung der Anlagen bestehen bleibt.

Wettbewerber wie BASF, Wanhua aus China oder Sabics am Persischen Golf kommen nach und nach mit neuen Kapazitäten an den Markt, was für Preisdruck sorgen könnte. Das macht Steilemann nicht bange. Man berechne die Marktentwicklung sehr konservativ, erläutert er, und fühle sich deshalb mit den Prognosen sehr wohl. Ziel ist es, das Ebitda in diesem Jahr deutlich zu steigern.


Die Zukunft von Covestro sieht Steilemann in einem weiteren Umbau des Portfolios. Der Konzern hat sein Geschäft in den vergangenen Jahren nach und nach auf Produkte umgestellt, die stabiler nachgefragt werden und eine höhere Marge abwerfen. So wurde Polycarbonat vor Jahren noch hauptsächlich für die Herstellung von CD-Hüllen verkauft, was heute nur noch ein Randgeschäft ist. Der transparente Kunststoff kommt dagegen heute verstärkt in der Medizintechnik zum Einsatz.

Auf solche lukrative und widerstandsfähige Anwendungen werde sich Covestro weiter umstellen, sagte Steilemann. Auch Übernahmen stünden weiterhin auf der Agenda des Vorstands, unterstrich er. In den beiden großen Segmenten kann Covestro wegen der starken Marktposition kaum zukaufen. Im dritten Segment hingegen schon, also in der so genannten CAS-Sparte, die Inhaltsstoffe für Lacke und Kleber herstellt. Steilemann umschreibt die derzeitige Suche nach Akquisitionsmöglichkeiten so: „Wir sitzen mit geladenem Gewehr auf dem Hochsitz. Aber es hat sich noch kein Wild gezeigt.“

Covestro suche nicht allein nach neuen Materialien, sondern halte nach innovativen Technologien und Patenten Ausschau, erläutert Steilemann. Übernahmen bis zu einer Größenordnung von einer Milliarde Euro seien für den Konzern durchaus machbar.

Wenn Steilemann im kommenden Jahr an die Covestro-Spitze rückt, könnte ihm dazu ein besonderes Geschenk gemacht werden. Der Kunststoffhersteller gilt als aussichtsreicher Kandidat für den Aufstieg in den Dax. Weil sich Bayer mittelfristig von seinen Anteilen an Covestro trennen wird, würde der Aktien-Streubesitz steigen – eine der wesentlichen Voraussetzung für die Aufnahme in Deutschlands höchster Börsenliga.

KONTEXT

Die größten Chemiekonzerne der Welt

Platz 10

PPG Industries (USA)Mit 15,33 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz landet das US-Unternehmen mit Firmensitz in Pittsburgh (Pennsylvania) auf dem zehnten Platz der umsatzstärksten Chemieunternehmen weltweit.Zu den Produktbereichen gehören Kunstglasprodukte, Kunstharze und Beschichtungswerkstoffe für Raumfahrt, Architektur und Industrie.

Quelle: Unternehmensangaben, Statista 2017 / Gesamtjahr 2016, jeweils letzte verfügbare Angaben

Platz 9

Linde (Deutschland)Der deutsche Technologiekonzern mit dem Kerngeschäft um Gase und Prozess-Anlagen hat im letzten Jahr 17,83 Milliarden US-Dollar Umsatz gemacht und erreicht so den neunten Platz im Unternehmensranking.

Platz 8

Air Liquide (Frankreich)Auf Platz acht des aktuellen Rankings landet das führende, französische Unternehmen bei Gasen für Industrie, Medizin und Umweltschutz. 19,08 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz in 2016 machen dies möglich. Mit Linde und Praxair zählt Air Liquide zu den drei größten Industriegasherstellern der Welt.

Platz 7

Henkel (Deutschland)Der Düsseldorfer Konzern gliedert sich in drei Unternehmensbereiche: Wasch-/Reinigungsmitte, Schönheitspflege und die Klebstoffe und fuhr 2016 einen Jahresumsatz von 19,69 Milliarden US-Dollar ein. In naher Zukunft möchte der Siebtplatzierte sowohl die US-Firma Darex Packaging Technologies für mehr als 1,05 Milliarden US-Dollar übernehmen als auch den mexikanischen Anbieter von Friseurprodukten Nattura Laboratorios aufkaufen. Der Düsseldorfer Konsumgüterkonzern will so vor allem das eigene Friseurgeschäft in Mexiko und den USA ausbauen.

Platz 6

DuPont (USA)24,6 Milliarden US-Dollar Umsatz und Platz sechs für den Konzern für Chemie, Materialien und Energie. Im Dezember 2015 gaben DuPont und der Konkurrent Dow Chemical bekannt, dass sie fusionieren wollen. Danach soll das Gemeinschaftsunternehmen in drei börsennotierte Unternehmen für Agrarchemikalien, Spezialchemikalien und Kunststoffe aufgespalten werden.

Platz 5

Lyondell Basell (USA)Im Mittelfeld des Rankings und mit 29,18 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz landet Lyondell Basell. Der weltweit größte Produzent von Polyolefinen und Katalysatoren betreibt zudem Erdölraffinerien und produziert Treibstoffzusätze wie MTBE.

Platz 4

Saudi Basic Industries (Saudi-Arabien)Unverändert auf dem vierten Platz befindet sich der saudi-arabischer Chemie- und Metall-Konzern Saudi Basic Industries. Mit 39,5 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz reichte es für Metallkonzern nicht für den Sprung unter die Top-3-Chemiekonzerne. Neben Grundchemikalien wie Methanol und Ethanol stellt das Unternehmen aus dem Nahen Osten auch Düngemittel her.

Platz 3

Dow Chemical (USA)Mit 48,16 Milliarden US-Dollar Umsatz fiel der zukünftige Fusionspartner von DuPont um einen Platz im Vergleich zum Vorjahr. Die Hauptgeschäftsbereiche des US-Unternehmens aus Midland (Michigan) erstrecken sich auf die Kunststoffherstellung, Vorprodukte für die Wasseraufbereitung, Klebstoffe, Insektiziden, Saatgut und die Herstellung von Grundstoffen wie Chlor und Natronlauge.

Platz 2

Bayer (Deutschland)Der zweitplatzierte deutsche Konzern (49,2 Milliarden US-Dollar Umsatz 2016) mit Schwerpunkt auf der chemischen und pharmazeutische Industrie plant eine Megafusion mit Monsanto. Damit möchte das Unternehmen seine Agrarchemie-Sparte um genverändertes Saatgut erweitern. Um diese umstrittene Fusion unter Dach und Fach zu bringen, sollen Bayer und Monsanto bereit sein, Firmenteile für 2,5 Milliarden Dollar zu verkaufen.

Platz 1

BASF (Deutschland)Unveränderter Spitzenreiter mit 60,54 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz: BASF. Der nach Umsatz und Marktkapitalisierung weltweit größte Konzern, mit Hauptsitz in Ludwigshafen am Rhein, wird sich angesichts der Megafusionen in der Branche künftig neu positionieren müssen. Dabei würde aber, laut Unternehmensführung, mehr Wert auf die Wettbewerbsfähigkeit der bestehenden Geschäftsfelder, als an Größe an sich gelegt werden.