Dieser Boss nimmt es mit jedem auf

Lukas von Hoyer

Der neuerliche Skandal, den Christian Constantin losgetreten hat, dürfte selbst für die Verhältnisse des exzentrischen Schweizers ungewohnt hohe Wellen schlagen.

Der Präsident des FC Sion war am Donnerstag weit über die Landesgrenzen hinaus in die Schlagzeilen geraten. Der Grund: Einigen Stars des Schweizer Erstligisten schickte er eine fristlose Kündigung, da sie nicht innerhalb weniger Stunden ein Einverständnis für Kurzarbeit erteilt hatten, bei der sie ein Lohnmaximum von rund 11.700 Euro erwartet hätte.


Mitten in der Coronakrise setzte Constantin damit ein Signal, das den Gegensatz zur Solidarität darstellt, die weltweit gepredigt wird. Wirklich überraschen dürfte dieser Schritt allerdings nur die Menschen, die noch nie etwas von dem 63-Jährigen gehört haben, der in einem Schreiben am Freitag von "Krieg" sprach.


Wer ist der Mann, der wohl einer der umstrittensten Funktionäre im Schweizer Fußball ist?

Sportchef, Präsident und Hauptaktionär des FC Sion

Der Sohn eines Bauunternehmers wuchs im Kanton Wallis auf, seine Mutter starb, als er 13 Jahre alt war. "Die Konsequenz daraus? Willst du sie wissen? Jeder muss sich selber durchschlagen, jeder hat es in sich drin", sagte Constantin vor einigen Jahren der Zeit. Ein Lebensmotto war geboren.

Er nahm sein Leben in die Hand, mit 22 Jahren gründete CC, wie er sich selbst nennt, ein Architektenbüro. Das Geschäft brummte und immer mehr Angestellte bevölkerten das Büro, trotzdem galt und gilt Constantin laut Handelszeitung als Frühaufsteher und Langarbeiter.

Schon bald ging er auch unter die Unternehmer, verdiente mit dem An- und Verkauf sowie dem Umbau von Immobilien ein Vermögen. Als junger Erwachsener war CC Fußballtorwart bei Neuchatel Xamax und dem FC Lugano. 1992 wurde er dann Präsident des FC Sion.

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1997 holte er mit dem mit dem Klub aus dem Wallis die Meisterschaft und den Schweizer Cup. Trotzdem war im gleichen Jahr Schluss. 2003 kehrte Constantin zurück. Seitdem ist er Sportchef, Präsident und Hauptaktionär des Vereins. Alles in einem.

"Dank dem Fußball bin ich eine Macht", sagte er einmal der Zeit. Viele Bauprojekte habe er erst durch sein Engagement im Fußball bekommen.

Constantin verscherzt es sich mit vielen

In den letzten 17 Jahren hat Constantin das Kunststück vollbracht, es sich mit sehr vielen zu verscherzen. Mit der FIFA, der UEFA, dem Schweizer Fußballverband, den Präsidenten der Schweizer Klubs und den meisten Fans des eigenen Vereins.

Ihm wird ein fast diktatorischer Führungsstil attestiert, dem vor allem viele Trainer zum Opfer fallen. Seit dem zweiten Amtsantritt Constantins hat Sion unfassbare 47 verschlissen, die meisten gingen nicht als Freunde des Präsidenten. Immerhin steht der Klub für diese Statistik im Guinness-Buch der Rekorde.

Er duzt jeden und hat keine Angst vor großen Namen. Einmal schickte er Joseph Blatter laut Handelszeitung einen Zahlungsbefehl über 8,5 Millionen Euro. Zu einer Klage greift er sowieso so schnell, wie manch ein geschäftiger Präsident zu seinem Handy.


2004 war CC erstmals auffällig geworden. Das Amtsgericht von Luzern hatte ihn wegen Körperverletzung zu einer Geldstrafe verurteilt, nachdem er einem Linienrichter in den Unterleib getreten hatte. Seitdem häufen sich die Eklats.

2011 kaufte Constantin trotz Transferverbot munter ein und ließ sechs Neuzugänge spielen. Der Schweizer Verband zog Sion daraufhin satte 36 Punkte ab. Trotzdem hielt der Klub die Klasse.

Constantin schlägt Fringer

In der Saison 2015/16 vermutete er nach einer – zugegeben haarsträubenden – Fehlentscheidung des Unparteiischen, dass sein Klub einer bewussten Manipulation zum Opfer gefallen war.

Er stellte Strafanzeige und setzte rund 23.000 Euro Belohnung für Hinweise aus, die den Schiedsrichter der Spielmanipulation überführen würden.

Ende 2017 folgte dann der nächste Aussetzer. Constantin schlug Rolf Fringer, früherer Schweizer Nationaltrainer und Trainer des VfB Stuttgart, der mittlerweile als TV-Experte arbeitete, und trat diesen, nachdem Fringer ausgerutscht war.

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Es folgte eine Strafanzeige, aber auch eine Versöhnung mit Fringer. Bereuen tut Christian Constantin nichts. "Ich habe Rolf immer wieder gesagt: Hör auf. Ich lasse mir nicht auf die Füße treten", sagte er nach dem Vorfall der Aargauer Zeitung.

Außerdem führte er bei dem Interview noch ein weiteres Lebensmotto aus, das wohl auch für den neuerlichen Skandal rund um die fristlosen Entlassungen gilt: "Die Leute dürfen denken, was sie wollen. Das verändert mich nicht."