Simulation eines TV-Duells


Angela Merkel schont die Zuschauer im deutschen Fernsehen. Die Langzeit-Bundeskanzlerin hat von Anfang an klargemacht, dass es nur ein Fernsehduell zwischen ihr und ihrem Herausforderer Martin Schulz geben wird. Damit hat die Regierungschefin Millionen von Zuschauern einen Dienst erwiesen.

Denn das über viele Jahre einstudierte Ritual des Fernsehduells hat sich in seiner jetzigen Form überlebt. Statt einem argumentativen Schlagabtausch gab es nur das Abspulen von Statements, statt einem Gespräch nur zwei Monologe. Selten blitzten neue Positionen auf, ob die EU-Beitrittsgespräche mit der Türkei abgebrochen werden sollten. Am Sonntagabend gab es vor allem die Simulation eines Fernsehduells – mehr nicht.

Für die streckenweise Langeweile des medial hoch eingeflogenen TV-Duells ist die traditionelle Besetzung der Interviewer Schuld. Das Gleichgewicht zwischen ARD und ZDF auf der einen Seite sowie RTL und Pro Sieben Sat 1 auf der anderen Seite neutralisiert das Fernsehformat. Statt provokante, bürgernahe Fragen verbunden mit hartem Nachhaken gab es für die Amtsinhaberin und ihren Herausforderer nur ein vorhersehbares journalistisches Wellness-Programm. Die Fragen, aber auch die Antworten waren größtenteils vorhersehbar.


Pro Sieben hatte es vermutlich gleich geahnt und lockte zeitgleich die Jungwähler auf seinen Kanal. Der Privatsender präsentierte ausgerechnet den Hollywood-Streifen „Edge of Tomorrow“, in dem Aliens bereits große Teile Europas erobert haben und Tom Cruise als PR-Offizier unerbittlich gegen das Böse kämpft. Ein Streifen, der dem kriselnden Privatsender den überraschend guten Marktanteil von acht Prozent bescherte, in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen sogar 13 Prozent.

Der gestrige Sonntagabend hat eindrucksvoll demonstriert, das Fernsehduell mit einem Quartett von Moderatoren hat sich in seiner jetzigen Form schlichtweg überlebt. In dem vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk organisierten Hochamt des TV-Wahlkampfs schimmert eine zu große Staats- und Parteiennähe zu.

Schließlich nehmen die beiden Volksparteien über ihre Rundfunkräte einen institutionellen Einfluss auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Das gilt gerade für die Themen und Besetzung von Talkshows wie die von Sandra Maischberger (ARD) und Maybrit Illner (ZDF). Beispielsweise rügte der Rundfunkrat des WDR wiederholt Sandra Maischberger für die einseitige Auswahl ihrer Talkshowgäste und die reißerische Herangehensweise an Politikthemen.

Und noch aus einem anderen Grund macht ein schnelles Ende des Fernsehduells Sinn. Denn es beschert ARD und ZDF zu guten und ordentlichen Quoten. Die Privaten schauen aber in die Röhre. Der wirtschaftliche Nachteil für die beiden börsennotierten Unternehmen liegt auf der Hand.

RTL hat im Duell mit ARD und ZDF eindeutig das Nachsehen. Sat 1 kann sich angesichts der miesen Quoten bei der Live-Übertragung des TV-Duells aus dem Studio Berlin-Adlershof, das im Übrigen der ARD-Tochter Studio Hamburg gehört, nur ärgern. Die ARD kam auf einen Marktanteil von stolzen 26,5 Prozent, das ZDF immerhin auf ansehnliche 10,6 Prozent, RTL aber nur auf 6,1 Prozent, aber Sat 1 lediglich auf katastrophale 2,6 Prozent. Ohnehin sahen diesmal knapp 1,5 Millionen Zuschauer weniger zu als dem letzten Kanzlerduell vor vier Jahren. Ein deutlicher Hinweis auf die nachlassende Attraktivität.


Zum anachronistischen Ritual der gemeinsamen Fragerunde von Öffentlich-Rechtlichen und Privaten gibt es aber eine inhaltliche und wirtschaftlich sinnvolle Alternative. Nämlich zwei Kanzlerduelle – ein öffentlich-rechtliches und ein privates. ARD und ZDF können dann eine öffentlich-rechtlich ausgewogene Version des TV-Duells liefern.

RTL und Pro Sieben Sat 1 können hingegen für einen Hardtalk ohne falsche Rücksichten sorgen. Die beiden Moderatoren, der über Jahrzehnte erfahrene RTL-Anchorman Peter Kloeppel und Sat1-Moderator Claus Strunz, ehemals Chefredakteur der Bild am Sonntag, sind dazu in der Lage. Die Zuschauer und Wähler würden sich über das neue Duell der Sender mit dem TV-Duell nur freuen.

Immer montags schreibt Handelsblatt-Korrespondent und Buchautor Hans-Peter Siebenhaar seine Sicht auf die Kommunikationswelt auf.