Silence Breakers im Ungleichland

Die Bedeutung der #MeToo-Bewegung bleibt ungebrochen (Bild: dpa)

Eine Kolumne von Carlos Corbelle

Ungleichland: Welch treffender Ausdruck zur Zustandsbeschreibung unserer gesellschaftlichen Schieflage. Vom WDR zum Hashtag erkoren, findet man unter #ungleichland derzeit diverse Clips, in denen sich weibliche Bundestagsabgeordnete zum Machtgefälle im politischen Alltag äußern. Die Frage, die sie alle zu beantworten versuchen: “Als Frau im Bundestag – spielt Ihr Geschlecht eine Rolle?”

Die Antworten sind ernüchternd und geben eine Ahnung davon, wie tief der alltägliche Sexismus auch im politischen Betrieb der Bundesrepublik verankert ist. Manche Politikerinnen berichten davon, wie sie mit grässlichen Kommentaren auf ihr Äußeres reduziert wurden. So etwa Ulla Schmidt (SPD): “So hässlich bist du doch gar nicht, dass du in die Politik gehen musstest.” Oder Kirsten Kappert-Gonther (Die Grünen): “Aus dieser attraktiven Politikerin hätte man doch deutlich mehr machen können.” Oder auch Margit Stumpp (Die Grünen): “Ich sei ja bemerkenswert kompetent und es klang schon so dieses Überraschen durch. Und außerdem hätte ich den schönsten Arsch im Gremium.”

Das Problem, das solch herabwürdigenden Aussagen zugrunde liegt, bringt Leni Breymaier (SPD) auf den Punkt: “Es geht bei all diesen Dingen, behaupte ich mal, nie um Sexualität. Es geht immer um Macht.”


So ist es. Es geht um Macht. Und nicht etwa darum, ob man heutzutage noch seine Kollegin umarmen oder ihr Komplimente machen dürfe, wie diverse Männer einem aktuellen Beitrag der Associated Press zufolge besorgt fragen. Begegnen sich zwei Menschen auf Augenhöhe, werden sie schon wissen, ob eine Umarmung angebracht ist oder nicht. Zumal die Frage dieser Männer vor dem Hintergrund des Weinstein-Skandals gestellt wird – und gerade beim Hollywood-Schwergewicht Weinstein das ungleiche Machtverhältnis zwischen ihm und seinen mutmaßlichen Opfern eklatant ist.


Und während die meisten befragten Politikerinnen unter #ungleichland den alltäglichen Sexismus beklagen, hat Ex-AfD-Chefin Frauke Petry eine etwas andere Sicht der Dinge. Angesprochen auf die im Zuge des Weinstein-Skandals entstandene #MeToo-Debatte um sexuelle Gewalt sagt sie: “Ich halte die Debatte über den angeblichen Sexismus, die #MeToo-Debatte, für völlig übertrieben. Meiner Ansicht nach wird sie von einer Minderheit instrumentalisiert und sie ist im Stande, viel vernünftiges und liebgewordenes an Gewohnheiten und Traditionen in unserem Land zu beseitigen. Ich habe nichts dagegen, dass Frauen weiterhin das schwache Geschlecht sind, weil wir objektiv anders sind als Männer.”


Angesichts der unzähligen Schilderungen sexueller Übergriffe, die unter #MeToo gepostet wurden, mutet Petrys Sehnsucht nach “liebgewordenen Gewohnheiten” ungeheuer zynisch an. Die Bedeutung der Debatte kann aber auch sie nicht klein reden. So kürte nun das renommierte Time-Magazin die Menschen hinter der #MeToo-Bewegung zur Person des Jahres. Die Ehrung verdeutlicht die gesellschaftliche Relevanz der “Silence Breakers” – und setzt ein starkes Zeichen gegen den allgegenwärtigen Sexismus in der Ungleichwelt!


Previously on “Grab them by the Balls”: Sexismus-Debatte: Ein Moderator, ein Anwalt und #MeToo

Im Video: Das sagt Carolin Kebekus zur öffentlichen Debatte über sexuellen Missbrauch