Sika beendet eine der längsten Übernahmeschlachten aller Zeiten


Es war die vielleicht längste Übernahmeschlacht aller Zeiten: Im Dezember 2014 wollte der französische Baustoffkonzern Saint-Gobain die schweizerische Sika übernehmen, doch das Unternehmen wehrte sich dagegen mit fast allen Mitteln. Sika wollte eigenständig bleiben und zog vor Gericht.

In der schweizerischen Version der „unendlichen Geschichte“ gab es zwar keine Glücksdrachen wie bei Michael Ende, aber dafür ansonsten alles, was einen Fantasy-Roman ausmacht: große Schlachten, eine Familienfehde und reichlich böses Blut.

Nun haben sich die Parteien überraschend geeinigt: Die Franzosen verzichten auf die Übernahme des kleineren Konkurrenzen aus der Schweiz. Saint-Gobain, Sika und deren Großaktionär, die Familie Burkard, unterzeichneten Verträge zum Ende der Streitigkeiten.


Die Lösung ist komplex. Saint-Gobain wird zwar der größte Aktionär bei den Schweizern, verzichtet aber auf die Kontrolle über Sika. Die Unabhängigkeit hat ihren Preis: Sowohl Saint-Gobain als auch die Familie Burkhard können einen Gewinn einstreichen.

Sika aus Baar im Kanton Zug stellt Spezialchemikalien zum Kleben und Dichten her, die etwa in der Bau- und Autoindustrie verwendet werden. Bekannt wurde der Konzern mit dem Dichtmittel namens Sika-1, mit dem der Gotthard-Tunnel gegen Wasser abgedichtet wurde.

Obwohl sich das Management seit dem Übernahmeversuch in einer Dauer-Defensive befindet, läuft das Geschäft erfreulich: Im ersten Quartal konnte der Konzern den Nettoerlös um rund 12 Prozent auf 1,55 Milliarden Franken steigern. Im laufenden Jahr will Firmenchef Paul Schuler einen Umsatz von rund sieben Milliarden Franken erreichen. 

Der Konzern sah sich in seinem Erfolg bedroht, seit die Gründerfamilie Burkard im Dezember 2014 entschieden hatte, ihren Anteil an Saint-Gobain zu verkaufen – hinter dem Rücken des Managements. Die Burkards hielten über ihre Holding zwar nur rund 17 Prozent des Kapitals, doch weil es verschiedene Aktienkategorien gibt, fielen ihnen 53 Prozent der Stimmrechte zu.

Zwischen dem Verwaltungsrat und den Burkards klaffte ein Riss, der sich auch mit dem wohl besten Superkleber der Welt nicht mehr kitten ließ.


In Zürich gab es kaum eine große Anwaltskanzlei, die nicht in irgendeiner Form in die Fehde eingebunden war. Die Kosten lassen das Ausmaß der Schlacht erahnen: 20,9 Millionen Franken hat sich Sika den Streit mittlerweile kosten lassen, „davon überwiegender Teil als Gerichts- und Verwaltungsverfahren“, rechnete Verwaltungsratschef Paul Hälg auf der vergangenen Hauptversammlung vor. Er wollte den Streit bis zum Ende ausfechten, notfalls bis zum obersten Gericht.

Auch für den Fall, dass das Gericht die Übernahme erlaubt, hatte Hälg mit der Bildung eines „Sachverständigenausschusses“ bereits vorgesorgt – die unendliche Geschichte wäre wohl weitergegangen. Mit der gefundenen Lösung ist das Thema endlich vom Tisch. Dabei half den Streithähnen, dass der Aktienkurs von Sika in den vergangenen Jahren kräftig zugelegt hat.

Saint-Gobain kauft die Anteile der Burkard-Familie für 3,2 Milliarden Franken. Sieben Prozent der Aktien verkauften die Franzosen wiederum für rund zwei Milliarden Franken an Sika selbst – mit einer satten Prämie. Saint-Gobain bekommt zwar nicht die erhoffte Kontrolle über Sika, macht aber unterm Strich mehr als 700 Millionen Franken Gewinn. Die Franzosen bleiben auf absehbare Zeit Sika-Großaktionär: Die restlichen 10,75 Prozent der Aktien dürfen sie frühestens nach zwei Jahren verkaufen.

Auch die Burkard-Familie macht einen besseren Schnitt: Weil der Sika-Kurs seit 2014 kräftig zugelegt hat, erhält sie von Saint-Gobain für ihr Aktienpaket rund eine halbe Milliarde Franken mehr als ursprünglich vereinbart. Damals hatte die Familie eine Prämie von fast 80 Prozent zum damaligen Aktienkurs ausgehandelt. Doch wegen der guten Aktienkursentwicklung war aus dem Aufschlag ein Abschlag geworden.

Nun soll die Aktienstruktur bei Sika verändert werden. Die besondere Aktienklasse, mit der die Familie trotz ihrer Minderheitsbeteiligung die Firma kontrollieren konnte, soll es in Zukunft nicht mehr geben. Die Maxime lautet: „Eine Aktie, eine Stimme“. Sika könnte zwar wieder zum Übernahmeziel werden, die Attacke der Franzosen haben die Schweizer aber erst einmal abgewehrt. Die Lösung ist ziemlich schweizerisch. Alle Seiten wahren ihr Gesicht – und machen dabei ein gutes Geschäft.