Wo ist Sigmar Gabriel?

Noch in der vergangenen Woche hatte sich Ex-SPD-Chef Sigmar Gabriel in den Wahlkampf eingemischt. Jetzt ist er verschwunden. Bei vielen Genossen ist er damit unten durch.


Das Gartenfest des Seeheimer Kreises gehört für viele Sozialdemokraten zu den Pflichtterminen. Auch an diesem kühlen Montagabend, einen Tag nach der krachenden Wahlniederlage, sind die Granden der SPD in den Garten der Parlamentarischen Gesellschaft gekommen: Parteichef Martin Schulz wendet sich mit ein paar Worten an die Gäste, auch Noch-Fraktionschef Thomas Oppermann ist da, außerdem dessen designierte Nachfolgerin Andrea Nahles. Aber wo ist Sigmar Gabriel?

Der Bundesaußenminister ist mit dem Wahlsonntag von der Bildfläche verschwunden. Keine Statements, keine Vorschläge. Und vor allen Dingen: keine Verantwortung. Die Partei ist erzürnt über Gabriels Verhalten. Auch die Seeheimer, die sich dem konservativen Flügel der SPD-Bundestagsfraktion zuordnen, sind sauer. In den vergangenen Jahren war Gabriel gern gesehener Gast bei den Seeheimern. Jetzt werfen sie ihm Verantwortungslosigkeit vor.


Gabriel habe der Partei massiv geschadet, sagt ein verbitterter Genosse, der zu den Seeheimern zählt. Dreimal in Folge habe er nicht zugegriffen, als es um die Kanzlerkandidatur gegangen sei. Der Reihe nach mussten sich Frank-Walter Steinmeier, Peer Steinbrück und Martin Schulz „vor die Kanonenkugel binden lassen“, wie ein Genosse es ausdrückt. Sie seien allesamt gescheitert. Gabriel habe einen Riesenfehler gemacht, indem er zunächst bis Ende Januar gezögert habe, sich zu erklären. Dann habe er Schulz vorgeschickt.

Wahlkampfexperten hatten schon damals moniert, Schulz habe zu wenig Zeit, um einen vernünftigen Wahlkampf zu führen. Eine Kampagne brauche anderthalb Jahre Vorlauf. Zugleich, so kritisieren Genossen heute, habe Gabriel gerade in den vergangenen Wochen Schulz immer wieder die Schau gestohlen.


Sigmar Gabriel selbst hatte das Unheil kommen sehen – schon Ende der vergangenen Woche, als er als Vizekanzler zum Uno-Gipfel nach New York gereist war. Zwar bemühte er sich, ganz der Profi, in Gesprächen mit Journalisten zuversichtlich zu klingen. Doch abseits der Kameras, Mikrofone und Notizbücher umgab ihn eine bleierne Schwermut. Seinen Mitarbeitern vertraute Gabriel seine schlimmen Befürchtungen an: ein verheerendes Wahlergebnis für die SPD und ein triumphales, zweistelliges Resultat für die AfD. Genauso ist es gekommen.

Interviewanfragen lässt Gabriel von seinen Leuten abwimmeln. Völlig abtauchen kann der Außenminister allerdings nicht. Die vielen Krisenherde auf der Welt schwelen weiter. Noch heute muss das Auswärtige Amt zum Unabhängigkeitsvotum der Kurden im Irak Stellung nehmen, der Minister das Statement abstimmen. Am Abend soll  Gabriel die Laudatio bei der Verleihung des Theodor-Wanner-Preises an Königin Silvia von Schweden halten. Vorher wird er zur Fraktionssitzung der SPD erwartet – sie dürfte turbulent werden.