Siemens streicht Tausende Stellen in Deutschland

Stunde der Wahrheit bei Siemens: Der Industriekonzern schließt in der Kraftwerkssparte drei Standorte, tausende Stellen fallen weg. Die IG Metall spricht von einem „breit angelegten Angriff auf die Arbeitnehmerseite“.


Wochenlang haben die Arbeitnehmer in den Siemens-Gasturbinenwerken in Leipzig, Görlitz und Offenbach gezittert. Nun haben sie Gewissheit: Der Konzern will die Produktionsstätten schließen. Das Werk in Erfurt soll verkauft werden. Insgesamt baut Siemens weltweit 6900 Stellen ab, die Hälfte davon in Deutschland. „Wir wollen diese Maßnahmen rasch und umsichtig umsetzen und zugleich in künftige Wachstumstechnologien investieren“, sagte die für die Power & Gas-Sparte zuständige Siemens-Vorständin Lisa Davis.

Damit steht Siemens vor den schwersten innerbetrieblichen Auseinandersetzungen seit Jahren. Die IG Metall wies die Pläne als „breit angelegten Angriff auf die Arbeitnehmerseite“ zurück. Ein Stellenabbau sei angesichts der guten Gesamtlage bei Siemens völlig unakzeptabel, sagte IG-Metall-Hauptkassierer und Siemens-Aufsichtsrat Jürgen Kerner. „Er kommt aus Sicht der IG Metall nicht einmal als ernsthafte Diskussionsgrundlage in Betracht.“

Siemens habe in den vergangenen Jahren nichts getan, um die Sparte auf die Veränderungen am Markt vorzubereiten. „Für ein Unternehmen wie Siemens grenzt diese Mischung aus Tatenlosigkeit und Einfallsarmut an einen Offenbarungseid des Managements.“ Die IG Metall werde entschiedenen Widerstand leisten.


Man werde „die ganze Palette der Widerstandsinstrumente“ nutzen, hieß es in Arbeitnehmerkreisen. Die Gewerkschaft beruft sich auf eine unbefristete Beschäftigungs- und Standortsicherung, die 2010 vereinbart worden war. Siemens verweist dagegen auf Ausnahmeregelungen.

Hintergrund des Kahlschlags: Der Markt für große Gasturbinen ist weltweit drastisch eingebrochen. In Zeiten der Energiewende sind erneuerbare Energien und kleine, dezentrale Lösungen gefragt. Zudem hat es den Wechsel von Kohle- zu saubereren Gaskraftwerken, auf den die Hersteller wie General Electric und Siemens hofften, in vielen Ländern nicht gegeben.

Daher haben die großen Anbieter heute Kapazitäten für den Bau von rund 400 großen Gasturbinen im Jahr. Der Weltmarkt ist aber nur noch etwa 110 Turbinen groß. Auch GE hatte daher über große Probleme in seiner Kraftwerkssparte berichtet.

Harald Smolak vom Strategieberater Atreus, der selbst früher im Siemens-Management gearbeitet hat, kann die radikalen Einschnitte nachvollziehen. „Eine Subventionierung defizitärer Geschäfte verschleppt nicht nur harte Entscheidungen, sie gefährdet vielmehr die weltweite Wettbewerbsfähigkeit erfolgreicher deutscher Firmen gegenüber Angreifern aus China und den USA“, sagte er dem Handelsblatt.

Siemens-Chef Joe Kaeser hatte vergangene Woche die Bilanz des Geschäftsjahres 2016/17 vorgelegt. Trotz der Probleme in der Kraftwerkssparte machte Siemens einen operativen Rekordgewinn von 9,5 Milliarden Euro. In der Division „Power & Gas“ brach der Auftragseingang aber um 30 Prozent ein, das Ergebnis sank von knapp 1,9 auf 1,6 Milliarden Euro. „Wenn dieses Geschäft eine Zukunft haben soll, dann müssen wir reagieren“, sagte Kaeser.


In den vergangenen Wochen hatte es auch aus der Politik viel Kritik gegeben. Schließlich sind vielfach strukturschwache Regionen wie zum Beispiel Görlitz betroffen. Siemens will betriebsbedingte Kündigungen vermeiden. Allerdings schließt der Konzern sie ausdrücklich nicht aus. Damit drohen bei Siemens in Deutschland die ersten Entlassungen seit mehr als fünf Jahren.

Betriebsrat und IG Metall machen deshalb seit Wochen Front gegen die Pläne. „Das, was wir momentan erleben bei Siemens – das ist für mich so ein Zeichen, wie man eigentlich in Deutschland oder auch in der Metall- und Elektroindustrie nicht miteinander umgehen sollte“, sagte Bayerns IG-Metall-Chef Jürgen Wechsler am Rande der aktuellen Tarifverhandlungen für die Metall- und Elektroindustrie in Schweinfurt. Bei Siemens müsse man sich „langsam, aber sicher die Frage stellen: Will das noch ein integrierter Technologiekonzern bleiben, oder geht es nur noch darum, die Aktionäre zu befriedigen?“

Siemens sei momentan eine Baustelle, die ihm sehr viel Sorgen mache. Die Beschäftigten müssten nun für ihre Interessen eintreten und dem Management sagen, dass das, was jetzt passiert, so nicht gehe. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) appellierte angesichts der drohenden Einschnitte an den Konzern, für Standorte in Ostdeutschland eine Perspektive zu schaffen. Standorte zu schließen „wäre natürlich ein erheblicher Einschnitt insgesamt in die Industrielandschaft Ostdeutschlands“, sagte Müller. Er sehe das Unternehmen in der Pflicht, sich des Problems bewusst zu sein.

Mit Material von dpa.