Siemens ist reif für eine Hochstufung der Kreditwürdigkeit

Ralf Anders, Motley Fool beitragender Investmentanalyst
www.siemens.com/presse

In Zeiten von erhöhter Unsicherheit sind Unternehmen mit besonders hoher Kreditwürdigkeit vorzuziehen. Für Siemens (WKN:723610) stehen die Chancen gut, schon bald hochgestuft zu werden.
Darum ist das Rating jetzt so wichtig
Solange die Zentralbanken Anleihen im großen Stil aufgekauft haben, war es auch für weniger kreditwürdige Unternehmen (also ohne Investment-Grade, wie die Profis sagen) relativ leicht, an günstiges Geld zu kommen. Im November 2017 erreichten liquide spekulative Bonds in Europa ein historisches Tief von 2,71 % jährlicher Rendite (laut Markit iBoxx Daten). Seither geht es langsam aber sich nach oben.
Gleichzeitig vergrößert sich der zuletzt bedenklich klein gewordene Abstand zu den Top-Schuldnern wieder. Hält der Trend an – und davon ist auszugehen – dann bekommen hochverschuldete Unternehmen mit wenig robustem Geschäftsmodell auf absehbare Zeit Probleme. Wem es hingegen gelingt, auf der Skala der Kreditwürdigkeit (dem so genannten Rating) eine Stufe nach oben zu klettern, der kann weiterhin mit günstigen Konditionen rechnen.
Die Anleihen und Schuldverschreibungen von Siemens summierten sich zum Ende des im September abgelaufenen Geschäftsjahrs auf 28,8 Mrd. Euro. Ein großer Teil davon entfällt auf den Ausrüstungs- und Projektfinanzierer Siemens Financial Service (SFS), dessen Bilanzsumme zum Stichtag 26,4 Mrd. Euro betrug. Dieser profitiert besonders von der ausgezeichneten Refinanzierungsfähigkeit des Konzerns und ist mit einer Eigenkapitalrendite nach Steuern in Höhe von rund 20 % sehr profitabel.
Je besser SFS sich im Verhältnis zu seinen Kunden finanzieren kann, desto größer die Geschäftschancen. Ein verbessertes Rating wäre ein wichtiger Beitrag dazu. Gleichzeitig könnte der Zinsaufwand in Höhe von gut 1 Mrd. Euro zumindest stabil gehalten werden, selbst wenn das allgemeine Zinsniveau weiter anzieht.
Was für eine Hochstufung spricht
Gleich mehrere Aspekte bringen mich zur Annahme, dass die Kreditwürdigkeit von Siemens reif für eine Hochstufung ist. Aktuell liegt sie bei A1 in der Version von Moody´s (WKN:915246) und A+ bei Standard & Poors (WKN:A2AHZ7). Das ist zwar schon ziemlich gut, aber immerhin vier Stufen hinter Top-Schuldnern wie der KfW Bankengruppe. Das heißt, dass immer noch eine gewisse Anfälligkeit gegenüber einer drohenden Wirtschaftskrise unterstellt wird.
Seit dem letzten Rating-Update im August letzten Jahres haben sich viele relevante Variablen erheblich verbessert. Zunächst ist der beeindruckende letzte Quartalsgewinn in Höhe von 2,2 Mrd. Euro zu nennen. Dieser wurde zwar von der US-Steuerreform gestützt, aber abseits vom strauchelnden Segment Power & Gas lief es auch im Industriegeschäft erneut bärenstark.
Positiv wirken sich auch die weiteren Portfoliomaßnahmen aus. Seit der teuren Übernahme von Mentor Graphics Ende 2016 hat der Konzern nur noch kleinere Ergänzungskäufe getätigt, darunter zuletzt die Chemnitzer Agilion GmbH, einen Anbieter von Echtzeit-Funkortungslösungen sowie zwei Software-Unternehmen zur Unterstützung des Engineering-Angebots.
Verkauft wurden hingegen die letzten Anteile an Osram (WKN:LED400), die Dampfturbinen (Turbomachinery), Convergence Creators und weitere kleinere Randbereiche. Außerdem wurden über den Börsengang von Siemens Healthineers (WKN:SHL100) gut 4 Mrd. Euro erlöst. Die industrielle Nettoverschuldung, welche Ende 2017 noch bei 7,9 Mrd. Euro lag, dürfte sich weiter stark reduziert haben, obwohl zwischenzeitlich Dividenden in Höhe von gut 3 Mrd. Euro ausgeschüttet wurden.
Positiv ist auch, dass mit der hohen verfügbaren Liquidität problemlos in Kürze auslaufende Anleihen zurückbezahlt werden können. Im Mai werden zwei Bonds über zusammen 1,75 Mrd. US-Dollar fällig, wobei Siemens vom jüngsten Verfall der Währung profitiert. Im Juni kommt dann ein weiteres Papier im Umfang von 1,6 Mrd. Euro dran, das einen besonders hohen Coupon von 5,625 % bezahlt hat. Bei den 2017 für die Mentor-Übernahme begebenen US-Dollar-Anleihen kam Siemens wesentlich günstiger weg und in Euro wäre heute eine Finanzierung zu Minizinsen weit unter 1 Prozent möglich.
Die Geschäfte brummen
Die ganzen schönen Bilanzeffekte brächten natürlich kaum etwas, wenn das Industriegeschäft schwächeln würde. Aber gerade an dieser Front sieht es weiterhin prächtig aus. Fast alle Segmente sind hochprofitabel und auf einem gesunden Wachstumspfad. Egal ob Industrie 4.0, Smarte Infrastruktur oder Offshore-Windkraft, Siemens ist stets an vorderster Front dabei und der Konzernumbau samt Digitalisierungsstrategie zeigt immer mehr Früchte. Der Auftragseingang im Weihnachtsquartal war sehr erfreulich und auch in den letzten Monaten konnten wieder zahlreiche Großprojekte vermeldet werden.
Wenn Siemens also von überteuerten Großübernahmen absieht, dann stehen die Chancen gut, dass innerhalb von einem Jahr die industrielle Nettoverschuldung komplett zurückgefahren werden kann. Dann bliebe unterm Strich nur noch die Refinanzierung des wachsenden Kreditportfolios des Finanzierungsarms übrig. Bricht die allgemeine Konjunktur bis dahin nicht vollkommen ein, dann steht meines Erachtens eine Hochstufung an. Das hätte nicht nur direkte Auswirkungen auf die Profitabilität der Münchener, sondern käme auch sicherlich dem Aktienkurs zu Gute.

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Ralf Anders partizipiert über ein von ihm betreutes Indexzertifikat an der Aktienentwicklung von Siemens. The Motley Fool besitzt und empfiehlt Aktien von Moody's.

Motley Fool Deutschland 2018