Wie Siemens-Chef Joe Kaeser sein Vermächtnis sichert

Mit der „Vision 2020+“ stellt Vorstandschef Joe Kaeser seine neue Strategie vor. Die zeigt: Der Umbau Richtung Holding geht weiter.


Es war ein sonniger Tag Ende Juli vor fünf Jahren, als Joe Kaeser im Innenhof der Konzern-Zentrale als neu ernannter Siemens-Chef an die Öffentlichkeit trat. Er versprach eine Beruhigung des verunsicherten Konzerns. Doch rasch machte er sich an die Ausarbeitung einer neuen Strategie.

„Ich persönlich stehe Ihnen dafür gerade, dass die nachfolgende Generation ein besseres Unternehmen weiterführen kann. Das ist meine Vision. Das ist meine Verantwortung. Das ist mein Versprechen“, sprach er pathetisch, als er einige Monate später die „Vision 2020“ vorlegte.

Diese ist nun weitgehend abgearbeitet. Die Medizintechnik kam ebenso verselbstständigt an die Börse wie die Windtechnik über die Fusion mit dem Konkurrenten Gamesa und demnächst die Bahntechnik. Kaeser gab damit den Trend vor, dem nun viele andere in der deutschen Wirtschaft folgen.

Die Marke Siemens soll alles zusammenhalten

Nun schickt sich der 61-Jährige, dessen Vertrag Anfang 2021 endet, an, mit dem Nachfolgeprogramm „Vision 2020+“ sein Vermächtnis für den Nachfolger zu hinterlassen. Am Mittwoch legt er dem Aufsichtsrat die weiter entwickelte Strategie vor, um den Kurs auch für die Zeit nach 2020 – und damit nach der CEO-Ära Kaeser – vorzugeben.

Nach Informationen des Handelsblatts aus Industriekreisen werden nun, da die drei großen Schiffe des neuen Flottenverbunds losgeschickt sind, auch die im Haus verbliebenen Kerngeschäfte rund um die Digitale Fabrik mehr Eigenständigkeit und operative Verantwortung erhalten. Auch die Strukturen werden entsprechend angepasst.


Damit wird sich der Trend in Richtung einer Holding noch verstärken, auch wenn man bei Siemens diesen Begriff nicht gern hört – schließlich plane man ja keine reine Finanzholding, die nur noch Portfolio-Optimierung betreibt. Die Marke Siemens soll alles zusammenhalten. Schließlich hatte Kaeser schon im Juli 2013 im Innenhof verkündet: „Siemens muss bei Siemens über allem stehen.“

Seine Motivation für den weiteren Umbau hat Joe Kaeser kürzlich in einem Aufsatz in LinkedIn dargelegt. Die Digitalisierung und ein globales Netzwerk der Verknüpfung in Echtzeit beschleunigten die Geschwindigkeit des Wandels enorm, schrieb er.

Die Unternehmen müssten hart an ihrer Wettbewerbsfähigkeit arbeiten, um nicht zu den Verlierern zu gehören. „Konglomerate alten Zuschnitts haben keine Zukunft mehr. Denn die Mittelmäßigkeit ist die Zielscheibe des industriellen Internets“, sagte er auf der Hauptversammlung.

Im Konzern ist manchem angesichts der Entwicklung mulmig. „Wenn ein Geschäft mehr Eigenständigkeit hat, tut man sich später immer leichter zu sagen: ‚Das will ich jetzt loswerden‘“, sagt ein Insider. Kaeser könne mit seinem Kurs eine spätere Filetierung ermöglichen. Denn der Umbau weckt Begehrlichkeiten.


„Wenn man der Logik des Kapitalmarkts folgt, würde eine Aufspaltung von Siemens in zwei Teile hohen Anklang an der Börse finden“, sagt zum Beispiel Fondsmanager Marcus Poppe. Auch könnten Siemens Gamesa und Siemens Alstom sicher „auch ohne Siemens als Mehrheitseigner erfolgreich sein“. Allerdings sei das sicher ferne Zukunftsmusik. Siemens habe einen hohen Symbolcharakter für die deutsche Industrie. Daher sei der Weg Kaesers richtig.

Der Siemens-Chef selbst ist überzeugt, dass es angesichts zunehmend aggressiverer Investoren wichtig ist, die Kontrolle in der Hand zu behalten und immer einen Schritt voraus zu sein. Dem Erzrivalen General Electric ist dies nicht gelungen. Die einstige Industrie-Ikone zerlegt sich gerade selbst.

Investoren loben Strategie

Von Investoren bekommt Kaeser grundsätzlich Rückendeckung. Die Strategie sei „richtig und sinnvoll, Teile von Siemens in die unternehmerische Selbstständigkeit zu entlassen, die sich dann losgelöst von den Fesseln des Mutterkonzerns besser auf ihr jeweiliges Kerngeschäft konzentrieren können und damit in der Regel effizienter wirtschaften“, sagte Christoph Niesel, Fondsmanager von Union Investment, dem Handelsblatt. Eine Zerschlagung von Siemens erscheint ihm „vor dem Hintergrund des öffentlichen und politischen Aufschreis, den ein solcher Schritt auslösen würde, unwahrscheinlich“.

Auch Winfried Mathes, Corporate-Governance-Experte bei der Deka glaubt, dass eine Holdingstruktur mit eigenständigen operativen Einheiten schneller auf Marktbedingungen reagieren könne. Die Struktur erleichtere es auch, „neue zukunftsträchtige Geschäftsfelder zu akquirieren und reife Geschäftsfelder zu veräußern, auch über die Börse“.

Monatelang hat Kaeser im kleinen Kreis die weitere Strategie ausgetüftelt. Allein der Vorstand diskutierte mehr als ein Dutzend Tage Kurs und Aufstellung. Ein Ergebnis ist dabei bereits durchgesickert: Die Zahl der Industrie-Divisionen soll von fünf auf drei verringert werden. Das Geschäft mit der Automatisierung in der Prozessindustrie soll in die Sparte Digitale Fabrik integriert werden. Das Energie-Management soll auf die Gebäudetechnik und das Kraftwerksgeschäft aufgeteilt werden.


Solche Veränderungen hat es bei Siemens immer wieder gegeben. Mal war der Konzern in ein Dutzend Bereiche aufgeteilt, mal in drei Sektoren. Meist werde nur das Türschild und die Visitenkarte geändert, lästert einer, der schon lange dabei ist. Doch werde mit „Vision 2020“ und „Vision 2020+“ auch nachhaltig Hand an die Struktur angelegt.

Der Aufsichtsrat trug bisher alle Umbauten mit. „Die einzelnen Schritte waren immer nachvollziehbar“, sagt ein Kontrolleur. Europäische Champions wie Siemens Gamesa und Siemens Alstom könnten sich besser im harten Wettbewerbsumfeld behaupten. Durch die Fusionen habe Kaeser die Geschäfte gestärkt, ohne viel Geld in die Hand zu nehmen. Doch müsse genau darauf geachtet werden, dass der Konzern als Ganzes erhalten bleibe. „Das ist im Aufsichtsrat kein Selbstläufer.“

Abbau der Komplexität

Kaeser ist es wichtig, bei seinem Kurs alle Stakeholder mitzunehmen, also auch die Beschäftigten. Doch damit die Investoren stillhalten, muss er Performance liefern. Die Anteilseigner fordern, dass die neue Strategie die Profitabilität weiter verbessern muss. Er erwarte „eine Verringerung der Komplexität der Konzernstruktur, gepaart mit einem weiteren Effizienzprogramm bei der Kostenstruktur“, sagte Mathes von der Deka.

Fondsmanager Niesel von Union Investment wird konkret: „Wir denken, 13 bis 15 Prozent operative Marge sollten für die neue Siemens möglich sein.“ Im ersten Halbjahr des laufenden Geschäftsjahres hatte Siemens eine Ergebnismarge im industriellen Geschäft von 11,0 Prozent erreicht. Analyst James Stettler von Barclays kann sich ebenfalls ein Ziel von 13 bis 14 Prozent vorstellen.


Größte Herausforderung werde es für Siemens dabei sein, eine Lösung für die kriselnde Kraftwerkssparte zu finden, so Stettler. Diese dürfte nach Einschätzung von Industriekreisen derzeit im Neugeschäft hohe Verluste machen, nur der margenstärkere Service stabilisiert das Geschäft.

Insider gehen davon aus, dass die großen Gasturbinen auf mittlere und längere Sicht keine Zukunft im Konzern haben werden. Ein entsprechender Deal würde allerdings erfordern, dass man einen Käufer oder Partner findet – in dem aktuellen Marktumfeld ist das nicht leicht.

Eine Trennung von den großen Gasturbinen dürfte Kaeser nächste Woche nicht verkünden. „Ein Verkauf ist angesichts der wahrscheinlich niedrigen Marktpreise, aber auch aus wettbewerbstechnischen Gründen, derzeit keine Option“, ist Fondsmanager Niesel überzeugt. In Industriekreisen heißt es, Siemens habe durchaus den Ehrgeiz, das Geschäft selbst in Ordnung zu bringen. Spätere Partnerschaften gelten aber als Option.

Mit der „Vision 2020+“ stellt Kaeser die Weichen für die Zeit nach der Ära Kaeser. Bei einer internen Nachfolgeregelung gelten derzeit die Vorstände Roland Busch und Michael Sen als Nachfolgekandidaten Technologievorstand Busch soll derzeit dafür sorgen, dass der neue Zugriese Siemens Alstom ein Erfolg wird.

Sen ist für die Healthineers und Siemens Gamesa verantwortlich. Doch noch müssen sie sich gedulden. So viel sich Kaeser zuletzt auch zu gesellschaftlichen Themen geäußert hat: Den weiteren Umbau von Siemens will er noch selbst vorantreiben. Er hat ja auch ein Versprechen zu erfüllen.