Sieben Lehren aus G20 in Hamburg

Jan Rübel
Reporter bei Zeitenspiegel Reportagen
Nach den Krawallen zum Gipfel wird im Schanzenviertel aufgeräumt (Bild: dpa)

Die Staatschefs sind weg, die Hubschrauber auch. Nun wird aufgeräumt. Bleibt die Frage: Lohnte sich das auch?

Ein Kommentar von Jan Rübel

1. Zu Beginn muss ich einen Fehler eingestehen. Als wir vor zwei Jahren über den G7-Gipfel im bayerischen Minidörfchen berichteten, aus einer Parallelwelt voller Polizisten und weniger Demonstranten, welche sich auf alpinen Wanderwegen verliefen und nicht zum Demonstrieren kamen – da fanden wir diese wenigen Möglichkeiten der Gipfelgegner zur Artikulation recht undemokratisch. Ein Gipfel in einem Schloss, fernab vom echten Leben, das erschien unwirklich. Wie viel passender trat hingegen Hamburg auf, eben das Tor zur Welt: Ein „Festival der Demokratie“ sollte der G20 werden, prophezeite Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz (SPD). Im Nachhinein wünschte ich mir einen Gipfel wieder zurück ins Schloss. Was G20 und die Proteste, die man nicht wirklich so nennen mag, mit der Hansestadt anrichteten, hat sie nicht verdient.

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2. Der Aufwand an Schutzmaßnahmen für die Staatschefs war immens. Er verwandelte eine Millionenmetropole in einen Rotlichtbezirk bei Dauerrazzia. Allein gelassen wurden dabei viele Hamburger, weil die Polizei während der Zerstörungsorgien so genannter Autonomer an anderer Stelle den G20 schützen musste. Elmau war da irgendwie schnuckeliger, harmloser.

3. Es gibt eine Internationale des schwarzen Trottels. Die Jungs und Mädels vom schwarzen Block können zufrieden sein, sie haben ganze Arbeit geleistet: Weil sie wahllos Autos abfackelten, vom Benz bis zum Twingo, haben sie die Massen für soziale Fragen echt sensibilisiert. Weil sie Läden von Kleinstunternehmern zerstörten, die sie vorher nicht fragten, ob sie sich diese Schäden leisten können oder sie nun auf den finanziellen Ruin blicken, haben sie nicht nur die Innung der Glaser glücklich gemacht, sondern den Massen echt die Augen geöffnet für das Leid in dieser Welt. Damit waren die so genannten Autonomen erfolgreich, sie hatten eine Menge Spaß in Hamburg. Was die anderen angeht, egal: Nach dem Wochenende ging es wieder zurück in die bürgerlichen Wohlfühlwelten, der Krawalltourismus mit All Inclusive war zu Ende.

Galerie: Demonstrationen, Gewalt und Gipfeltreffen – Bilder von G20 in Hamburg

4. Autonome beanspruchen für sich, Gewaltverhältnisse genau erfasst zu haben. Gerade weil sie sich von struktureller Gewalt umgeben sehen, meinen sie zu drastischen Maßnahmen greifen zu müssen. Hamburg war ihre Bankrotterklärung, moralisch und politisch. Sie brachten in Hamburg so viel Leid über Menschen, dass sie diesen schwarzen Fleck nicht abwaschen können. Wer eine Kapuze überzieht, so das Fazit, wird ein anderer Mensch. Und ganz bestimmt kein besserer. Von nun an sollte jeder Versuch einer Schwarzblockbildung von einer Demonstrationsmehrheit eigenhändig unterbunden werden – es gibt nichts gemein. Von den Autonomen ist nicht Positives mehr zu erwarten, sie sind aktuell einzuordnen in der Kriminalitätsstatistik und basta: Keine Inspiration, keine Idee dringt aus ihrer Glaskugel heraus, und wenn doch, hauen sie sie kaputt.

Die Bilder der durchaus beachtlichen friedlichen Protestaktionen haben es nach den Krawallnächten schwer (Bild: Reuters)

5. Stress pur war G20 besonders für die Polizisten. Schlafmangel, Hitze und akute Gefahr an Leib und Leben – da versteht man, warum die Berliner „Partypolizisten“ im Vorfeld sich ein wenig abreagieren wollten. Und hätte man sie dann in Hamburg dann doch gebrauchen können? Die Saubermann-Devise der Einsatzleitung ist jedenfalls klar gescheitert. Gleich bei der ersten Demo, die friedlich hätte bleiben können, gingen die Sicherheitskräfte sehr verunsichernd ans Werk: Sie stürmten einen Zug, weil Autonome Mützen und Sonnenbrillen aufgesetzt hatten; wäre es bei dieser Straftat geblieben, alle wären zufrieden geblieben. Aber ein paar Sturköpfe in der Einsatzleitung wollten ein Exempel statuieren – und nahmen vielen, vielen friedlichen Demonstranten ihr Recht, verletzten Unschuldige – lieferten schließlich Autonomen eine Steilvorlage für die daraufhin aufkeimende Randale. Um jedem Missverständnis vorzubeugen: Die Krawalltouristen hätten ohnehin auf ihre Spaßzulage nicht verzichtet. Aber diesen Vorwand zu liefern, war dämlich. Das übertriebene Manöver der Polizei zu Beginn mobilisierte die Randalegewalt erst recht.

6. Haben wir nun ein Wahlkampfthema? Linksextremismus wird als solches von der CDU bemüht werden. Man habe den unterschätzt, heißt es nun, beim steten Schielen nach rechts. Und mancher Kommentator schreibt nun, Extremisten seien Brüder im Geiste, das politische Spektrum ein Kreis. Meiner Meinung nach verrät das nur einen Knick in der Optik. Diese miese Gewalt bleibt ein einmaliger Event. Noch ein unvorstellbar großes Stück mieser ist die Gewalt von Rechts, die sich grundsätzlich gegen Menschen richtet, weil sie Menschliches verneint. Die Trottel vom Schwarzen Block mögen krähen, aber schlimmstenfalls hört man ihnen nicht mehr zu. Die Rassisten von Rechts aber sind da, jeden Tag. Und daher droht dem Staat, unserem Land, immer eine Gefahr von Rechts, nicht von den linken, schwarz maskierten Eintagsfliegen. Für Deutschland kam immer die Gefahr von Rechts, das wird sich nicht ändern.

Galerie: Reaktionen der Politiker auf die G20-Krawalle

7. Ach ja, um Inhaltliches ging es auch. Die Ergebnisse dieses G20 sind rasch zusammengefasst. Gut ist, dass ein häufiger vorzufindender Dissens nicht kaschiert wurde, dass nun fassbar ist, wie sich die USA mit ihrem Nein zu einer Klimaschutzpolitik ins Abseits manövrieren und wie einhellig die anderen 19 der G20 die Rettung des Planeten nicht vorzeitig aufgeben wollen; nur die türkische Regierung scherte nach dem Gipfel wieder aus und stellte die eigene Unterschrift in Frage – wohl um ein wenig zu feilschen und die Investitionsgelder in den Klimaschutz zu drücken. Keine unlösbare Aufgabe, den Sultan Erdogan wieder zurück an den Tisch zu bringen. Auf früheren Gipfeln ließ man Kontroverses jedenfalls vorsichtshalber nicht auf die Tagesordnung. Dies ist ein Erfolg von Hamburg. Der Rest waren Döntjes, wie der Norddeutsche sagt: Ein bisschen Afrika fürs Foto, das war’s. Das nächste Mal tatsächlich lieber wieder in Elmau, oder bei den UN in New York.

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