Sicherheitslücke beim Impfausweis: Auch Betrüger könnten sich grünes EU-Zertifikat ausstellen lassen

Business Insider Deutschland
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Ein europäisches Zertifikat soll Reisen in der Corona-Pandemie erleichtern. Doch die Übertragung des Nachweises aus dem gelben Impfpass ist nicht sicher. Das ergaben Recherchen der "Welt am Sonntag".

Das gelbe Impfbuch wird von der Weltgesundheitsorganisation herausgegeben. Darin sollen alle Impfungen, die ein Mensch im Laufe seines Lebens erhält, festgehalten werden. Er dient nicht nur dem Besitzer und den behandelnden Ärzten als Erinnerungsstütze, sondern musste schon vor der Corona-Pandemie bei der Einreise in einige Länder, die bestimmte Impfungen vorschreiben, vorgelegt werden.

Auch die neuen Impfungen gegen Covid-19 werden darin vermerkt. Dieser Nachweis sollen künftig von den gelben Impfbüchern in das geplante grüne Zertifikat der EU übertragen werden können, beispielsweise in einem Impfzentrum, einer ärztlichen Praxis oder Apotheke. Das plant jedenfalls laut der "Welt am Sonntag" das Gesundheitsministerium. Allerdings soll dabei kein Abgleich mit den Impfzentren oder Ärzten erfolgen, die die Corona-Impfung vorgenommen haben.

Gesundheitsministerium gab Sicherheitslücke gegenüber der "Welt am Sonntag" zu

So sei aber der Nachweis leicht zu fälschen, denn er besteht nur aus handschriftlichen Vermerken wie dem Datum der Impfung und dem Etikett der Impfdose, auf der der Hersteller und eine Nummer genannt wird. Das Bundesgesundheitsministerium soll gegenüber der "Welt am Sonntag" die Sicherheitslücke zugegeben haben. Bei der Prüfung der Impfausweise sei darum "besondere Vorsicht geboten". Zudem wird gewarnt, dass bei der Fälschung von Impfpässen Strafen drohen.

Das grüne EU-Zertifikat soll nachweisen, dass "eine Person gegen Covid-19 geimpft wurde, ein negatives Testergebnis erhalten hat oder von Covid-19 genesen ist", teilt die EU mit. Die Zertifikate sollen sowohl auf Papier als auch digital ausgestellt werden können und den freien Personenverkehr in der Pandemie erleichtern. Das System soll "rechtzeitig zur Sommersaison" in Betrieb gehen.

"Das EU-weite digitale grüne Zertifikat ist sicher. Egal ob in der App oder auf Papier, es wird immer elektronisch verschlüsselt", teilte ein Sprecher der EU-Kommission der "Welt am Sonntag" mit. Durch einen QR-Code soll sichergestellt sein, dass das Zertifikat echt und aktuell ist. Deswegen sei entscheidend, dass der Eingabeprozess sicher ist, so die EU-Kommission: "Dies zu organisieren ist Aufgabe jedes einzelnen Mitgliedsstaats. Die Umschreibung von Papiernachweisen auf digitale grüne Zertifikate über Apotheken wäre eine rein deutsche Lösung, kein Vorschlag der Europäischen Kommission."

Bereits der Impfnachweis mithilfe der gelben Impfbücher ist nicht fälschungssicher, da dies mit leeren Impfbüchern und Kopien von Etiketten mit einer tatsächlich existierenden Chargennummer von Fotos aus dem Internet relativ leicht nachzumachen ist. Laut der Hackervereininigung Chaos Computer Club hätte sich dies verhindern lassen. "Das hätte man auch besser lösen können – mit Hologrammaufklebern etwa, mit geprägtem Papier, mit Materialien, die sich nicht jeder auf Amazon zusammenklicken kann", sagte Sprecher Matthias Marx der "Welt am Sonntag". Die Verantwortung dafür sieht er beim Gesundheitsministerium.

Man kann sich auch die Frage stellen, warum nach mehr als einem Jahr Pandemie und einer seit Monaten laufenden Impfkampagne solche Probleme noch nicht behoben sind oder gar vor dem Start der Impfungen gelöst wurden. In Deutschland hat sich bereits mehr als ein Viertel der Gesamtbevölkerung oder auch rund jeder dritte Erwachsene impfen lassen. Die Gastronomie, viele Geschäfte und die gesamte Kultur- und Tourismusbranche und ihre Kunden hoffen seit langem, dass sie wieder öffnen dürfen. Angesichts einer immer höheren Impfrate und aktuell sinkenden Infektionszahlen in Deutschland wären Zertifikate eine Möglichkeit, die Zeit bis zur Herdenimmunität und dem Ende der Pandemie recht sicher zu überbrücken. Israel hat solche Impfnachweise - den sogenannten grünen Pass - bereits im Februar eingeführt.

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