Die schlechten Zeiten bei Shell sind vorbei


Steigende Preise haben dem Öl- und Gasmulti Shell im vergangenen Jahr einen kräftigen Gewinnschub beschert. Unter dem Strich erwirtschaftete das Unternehmen einen Überschuss von knapp 13 Milliarden Dollar, 184 Prozent mehr als noch vor einem Jahr, wie Shell am Donnerstag mitteilte.

Im vergangenen Jahr profitierte Shell von einer gestiegenen Förderung durch die Erschließung neuer Förderstätten und einer verbesserten Effizienz. Die Aktionäre sollen mit einer stabilen Jahresdividende von 1,88 Dollar beteiligt werden. Erst kürzlich hatte Shell als ein Zeichen seiner neu gewonnenen Stärke das Ende der Gewinnbeteiligung in Form von Anteilen (Scrip Dividende) angekündigt. Sie wird fortan wieder in bar ausgezahlt.

Ungewöhnlicher Gegenwind kam in diesem Jahr aus den USA. Der neue Präsident Donald Trump hat sich bisher zwar nicht als Gegner der Ölbranche erwiesen, doch eine von ihm durchgesetzte Reduzierung der Unternehmenssteuer von 35 auf 21 Prozent führt zunächst dazu, dass die Konzerne eine Sonderbelastungen einkalkulieren müssen. Denn in früheren Jahren verbuchte Abschreibungen auf alte Steuervorteile sind weniger wert als bislang angenommen.


Das betrifft Shell wie BP genauso Unternehmen aus anderen Branchen. Bei Shell führt die Reform im abgelaufenen Geschäftsjahr zu Belastungen von rund zwei Milliarden Dollar. Auf lange Sicht aber rechnen die Unternehmen durch die geringere Besteuerung mit positiven Effekten.

Wie alle großen Förderkonzerne sucht auch Shell darüber hinaus nach neuen Geschäften für die Zeit nach dem Öl. Dabei war das Unternehmen in den letzten Wochen besonders aktiv und vermeldete gleich mehrere Investitionen in Geschäfte abseits der klassischen Ölförderung – etwa die Beteiligung an dem Projekt Ionity, bei dem die Autohersteller BMW, Daimler, Volkswagen und Ford kooperieren, um Schnellladestationen für Elektroautos aufzubauen.

Oder den Kauf der niederländischen Firma NewMotion, einem der größten Anbieter von Ladelösungen für Elektrofahrzeuge in Europa. Rund 400 Millionen Dollar, schätzen Experten, hat Shell in den vergangenen Monaten in derartige Projekte gesteckt. Das ist letztlich nur ein Bruchteil der Gelder, die dem Energieriesen zur Verfügung stehen, schließlich beträgt das Budget für Investitionen insgesamt 25 Milliarden Dollar – pro Jahr.

Die Entwicklung weg von Öl zu neuen Energiequellen halten Experten dennoch für bemerkenswert. Denn sie ist nicht nur bei Shell zu beobachten. Auch die anderen Ölriesen BP, Exxon und Chevron haben zusammen Milliarden in neue Geschäftsfelder gesteckt.


Dabei wäre das auf den ersten Blick gar nicht notwendig. Schließlich ist der Preis für Öl, der für die Konzerne so wichtig ist, zuletzt wieder gestiegen. Etwas mehr als 64 Dollar kostet ein Barrel (159 Liter) der US-Sorte WTI derzeit, für ein Barrel Nordsee-Öl werden fast 69 Dollar verlangt. Damit nähern sich die Preise wieder der 70-Dollar-Marke, die sie seit Jahren nicht mehr erreicht hatten.

2014 fielen die Ölpreise in den Keller. Die Energiekonzerne hatten notgedrungen harte Einschnitte vorgenommen: Tausende Mitarbeiter bei BP, Shell oder Exxon Mobil mussten im Zuge radikaler Sparmaßnahmen gehen, die Unternehmen verkauften große Teile ihres Geschäfts, um auch bei einem Ölpreis von 50 Dollar pro Barrel über die Runden zu kommen.

Doch diese Zeiten, sagen Analysten, sind nun vorbei. Nach Einschätzung der Experten von Morgan Stanley dürften sich die Preise in den kommenden Jahren zwischen 60 und 65 Dollar das Barrel halten. Und Bedenken, dass der Rohstoff von anderen Energiequellen abgelöst wird – die so genannte Peak-Oil-Debatte – halten Beobachter ebenfalls für überzogen. Noch viele Jahrzehnte werde Öl eine wichtige Rolle spielen. Die Internationale Energieagentur IEA erwartet sogar, dass die Nachfrage nach Öl bis nach 2040 sogar noch um zehn Prozent steigen wird.


Dass die Ölriesen trotzdem zunehmend in andere Felder vorstoßen, hat andere Gründe: Sie planen so langfristig, dass sie schon jetzt kleinere Summen investieren. Zumal derartige Projekte gut in der Öffentlichkeit ankommen – und gute Publicity können sie gebrauchen. Denn die Ölmultis haben bei vielen Menschen ein schlechtes Image. Anfang des Jahres hatte sogar die Stadt New York Ölkonzerne verklagt: Weil sie zur globalen Klimaerwärmung beigetragen haben sollen, verlangt die Stadt Milliarden als Wiedergutmachung für Gelder, die sie zur Beseitigung von Folgen des Klimawandels ausgeben mussten.

Mit dieser Begründung hatte der New Yorker Bürgermeister Bill de Blasio Klage gegen BP, Chevron, Conoco-Phillips, Exxon Mobil und Shell eingereicht. Die Unternehmen hätten genau gewusst, welche Konsequenzen der Einsatz von fossilen Brennstoffen auf das Klima habe, sie hätten die Öffentlichkeit absichtlich getäuscht, um ihre Profite zu schützen.

New York ist nicht die einzige Stadt, die den Konzernen das Leben schwer macht: San Francisco, Oakland und Santa Cruz in Kalifornien haben ähnliche Klagen gegen Ölunternehmen eingereicht. Und in Kalifornien sind gut zwei Dutzend amerikanische Jugendliche vor Gericht gezogen, um die USA zu verklagen, weil der Staat sie nicht ausreichend vor den Folgen der Nutzung fossiler Brennstoffe geschützt habe.