Wenn bei Sexy Beasts eh alle gut aussehen, warum dann die Masken?

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Eine neue Dating-Show muss 2021 schon eine ganze Menge leisten. Die Erwartungen sind hoch – schließlich machen sich Kandidat:innen inzwischen schon Anträge, obwohl sie sich bisher nur durch Wände unterhalten haben, heiraten völlig Fremde, oder wohnen wochenlang zusammen, ohne sich anfassen zu dürfen. All das in dem Wissen, dass ihr beruflicher Erfolg vom Erfolg ihrer Beziehungen abhängt. Kurz gesagt: Die Erwartungen an diese Shows sind hoch. Aber wie sollen Produktionsfirmen da überhaupt noch einen draufsetzen? Wie sollen sie dieses Genre noch weiterentwickeln können?

Voilà: Netflix’ neueste Reality-Eigenproduktion, Sexy Beasts.

Das Brainstorming dahinter kann man sich gut vorstellen: Jemand aus dem Produktionsteam zieht einen Papierschnipsel aus einer mit weiteren Schnipseln gefüllten Schale in der Mitte des Konferenztischs. Quer drübergekritzelt steht da: The Masked Singer. Dann zieht die Person einen weiteren Schnipsel: First Dates. Ta-dah! Ein neues Format ist geboren. Und lass mich dir sagen: Als jemand, die jahrelang in der TV-Formatentwicklung gearbeitet hat, kann ich bestätigen, dass neue TV-Formate unter anderem genau so entstehen. Die Industrie will uns vielleicht glaubhaft machen, der Prozess sei viel intellektueller und komplexer; diese Schnipsel-Methode hat sich aber schon oft bewährt. An dieser Stelle sollte ich erwähnen, dass die 2021-Version von Sexy Beasts eigentlich eine Neuauflage einer BBC-Serie von 2014 und demnach sogar älter als The Masked Singer ist – aber du verstehst, worauf ich hinauswill. Ganz egal, wie die Produktionsfirma letztlich auf die Idee kam: Es ist klar, wieso Netflix die Show wiederbelebt hat. Die Industrie versucht, sich immer wieder selbst zu überbieten und das nächste spannendste, Grenzen austestende, sofort verstehbare Reality-Format zu entwickeln. Sexy Beasts vereint all das.

Das Konzept dahinter ist simpel. Netflix selbst beschrieb die Show in einem Statement so: „Keine Lust mehr auf oberflächliches Dating? Sexy Beasts ist die Dating-Show, die das Aussehen völlig irrelevant macht: Dank fantasievoller, hochmoderner Maskenbildnerei werden die Kandidat:innen verwandelt – und sie bekommen die Chance, nur anhand der Persönlichkeit die große Liebe zu finden.“

In unserer schönheitsbesessenen, komplett durchgefilterten Gesellschaft klingt die Vorstellung von mehr Dating-Shows, die sich auf innere Werte konzentrieren, wie eine positive Entwicklung. Ein schöner Kontrast zu den perfekten, durchtrainierten Welten von Finger Weg!, Love Islandund Co. eben.

Wer sich aber Sexy Beasts anschaut, wird schnell mehrere Probleme feststellen. Zuallererst: Körperliche Attraktivität beschränkt sich nicht nur auf das Gesicht – und in Sexy Beasts wird eigentlich bloß das Gesicht versteckt. Zweitens: Unter diesen Masken stecken Leute mit sehr schönen Gesichtern, allesamt konventionell attraktiv. Und nicht nur „normal“ attraktiv, sondern sehr attraktiv. Einige von ihnen sind wortwörtliche Models.

Vergleichen wir Sexy Beasts doch mal mit Netflix’ Dating-Hit von letztem Jahr, Liebe macht blind. Jo Hemmings, Verhaltens- und Medienpsychologin und Beziehungs-Coach, ist davon überzeugt, dass Liebe macht blind eine authentischere Version von persönlichkeitsbasiertem Dating war als Sexy Beasts. Sie sagt: „Bei Liebe macht blind konnten sich die Teilnehmer:innen nur auf Stimme und Charakter verlassen. Bei Sexy Beasts gibt es aber viel mehr Faktoren. Zwar siehst du keine Gesichter, aber es geht eben nicht nur um die Persönlichkeit; die Haut, die Figur, Klamotten, Gestik, Körperhaltung, das ist alles sichtbar, und verrät vieles. Ich finde die Show gut und lustig – aber sie macht nicht wirklich das, was sie zu tun behauptet.“

Und in einem weiteren Punkt verstößt Sexy Beasts ebenfalls gegen seine Prämisse: Für eine Serie, die verspricht, der körperlichen Anziehung beim Dating die Oberflächlichkeit zu nehmen, liegt der Fokus doch sehr oft auf oberflächlichen Dingen.

„Die Kieferpartie von diesem Nashorn ist der Hammer“, schwärmt Moderator Rob Delaney im Voiceover. Ein Bizeps nach dem anderen wird geflext, und die Spekulation zum Aussehen der Teilnehmer:innen zieht sich durch die ganze Show. Die dazugehörenden Persönlichkeiten kommen hingegen kaum zur Sprache. Und dem „Biber“ geht es eindeutig mehr um Arsch als Persönlichkeit.

In jeder Episode eliminiert ein:e maskierte:r Single zwei Matches, bis nur ein Match übrig bleibt. Teufel, Kobolde, Delfine – alles ist dabei. Am Ende kommen die Masken ab, und der Fokus liegt dann doch enorm auf der Schönheit der Demaskierten. Jo zufolge lässt sich das aber nicht verhindern. „Wenn die Masken fallen, ist es egal, wie gut du dich mit dem Kerl oder der Frau verstanden hast; die Wahrheit ist: Das Aussehen ist uns allen sehr wichtig. Ohne die geringste körperliche Anziehung kann die Chemie gar nicht stimmen“, erklärt sie.

Okay, das sehen wir wohl alle ein. Eine Show, in der es angeblich nur um die Persönlichkeit geht, wird aber komplett davon untergraben, dass ihre Teilnehmer:innen alles andere als divers sind. Sexy Beasts’ Singles entsprechen ausschließlich konventionellen Schönheitsstandards; niemand hat körperliche Be_hinderungen, niemand ist übergewichtig. Alle Beasts sind schlank, körperlich leistungsfähig und ganz eindeutig stolz auf ihr tolles Aussehen. Es wäre doch garantiert viel spannender gewesen, auch ein paar Leute mit reinzunehmen, die eben nicht den strikten, fehlgeleiteten Schönheitsidealen unserer Gesellschaft entsprechen.

Dabei sieht Jo allerdings auch ein Problem. „Sobald es ausschließlich darum geht, Romantik und Liebe zu finden, musst du als Produktionsfirma für eine ungefähr ausgeglichene Attraktivität unter den Kandidat:innen sorgen. Ansonsten könnte das schnell zur Parodie werden.“ Und klar wäre es vielleicht gemein, jemanden aus der Kategorie „Supermodel“ mit jemandem zusammenzuwerfen, der:die nicht unbedingt „in derselben Liga“ spielt. Trotzdem gibt es aber keinen Grund dafür, einen diversen Cast anzuheuern, der dann dementsprechend „fair“ zusammengestellt wird. Shows wie First Dates und Naked Attraction machen das schließlich auch so.

Ein weiteres deutliches Problem in Sexy Beasts ist die komplette Abwesenheit von LGBTQ+-Teilnehmer:innen. Die ganze Show ist extrem heteronormativ: Die Männer reden über Brüste und Ärsche, während sich die Frauen stattliche Typen wünschen. Das Team hinter der britischen Version von Love Island behauptete vor kurzer Zeit, die Inklusion von LGBTQ+-Kandidat:innen sei formatbedingt „logistisch schwierig“; die in sich abgeschlossenen, 23-minütigen Episoden von Sexy Beasts würden sich aber perfekt für jede beliebige Kombination von Sexualitäten und Genders eignen.

Womit wir bei einem weiteren Problem wären: Zeit. Jo meint: „Körperliche Anziehung, basierend auf dem Aussehen, geht sehr schnell. Um sich zu einer Persönlichkeit hingezogen zu fühlen, braucht man länger. Bei Sexy Beasts werden also diese zwei Fakten zusammengeworfen, die sich nicht gut ergänzen: Du datest jemanden, den oder die du nicht siehst – den oder die du aber auch nicht gut kennenlernen kannst, weil es zu schnell wieder vorbei ist.“

Sexy Beasts ist eine unterhaltsame Show, keine Frage. Sie wird „dich zum Lächeln bringen“, wie der Serien-Macher Simon Welton gegenüber Variety versprach. Die Masken sind fantastisch. Die Teilnehmer:innen sind oberflächlich. Die großen Enthüllungen machen Spaß. Wenn wir das alles so hinnehmen, wie es ist, ist die Serie belanglos, seicht und ein bisschen albern. Aber sie fühlt sich eben doch wie eine verpasste Chance für etwas Bedeutsameres an. Film und Fernsehen haben die Möglichkeit, unser Empfinden für Attraktivität zu beeinflussen, Schönheitsstandards infrage zu stellen und körperliche Vielfalt zu normalisieren. Dating-Shows tragen in der Hinsicht dieselbe Verantwortung wie alle anderen Genres – insbesondere jene, die behaupten, das Aussehen außen vor zu lassen. Leider hat Sexy Beasts hierbei enttäuscht.

Angucken können wir es uns trotzdem. Wenn wir das Ganze nicht zu ernst nehmen, können wir daran natürlich auch jede Menge Spaß haben. Versuch bloß, dich nicht zu sehr bei dem Anblick eines Bibers (und selbsterklärten „Arsch-Manns“) zu gruseln, der unbeholfen einen Leoparden knutscht.

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