Sexueller Missbrauch: Lady Gagas bewegende Rede bei den “Elle”-Awards

Hannah Sommer
Freie Autorin für Yahoo Style
Lady Gaga sprach bei ihrer Dankesrede offen über das Thema sexuellen Missbrauchs. (Bild: Stefanie Keenan/Getty Images for Elle Magazine)

Der US-amerikanische Popstar Lady Gaga hielt auf der “25th Annual Women in Hollywood Celebration” im US-amerikanischen Los Angeles eine bewegende Rede über ihre Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch und psychischen Erkrankungen.

Mit ihrer Musik ist Lady Gaga längst ein international gefeierter Superstar. Nun startet Stefani Germanotta, so ihr bürgerlicher Name, auch als Schauspielerin durch: mit ihrer Rolle im Hollywoodfilm “A Star Is Born” wird sie sogar als Kandidatin für einen Oscar gehandelt. Dienstagabend wurde sie auf der “25th Annual Women in Hollywood Celebration” des Magazins “Elle” geehrt. Ihre Dankesrede nutzte Lady Gaga dazu, um über ihre eigenen Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch zu sprechen – und sorgte für Sprachlosigkeit und Tränen bei den Zuhörern.

Die Musikerin und Schauspielerin erzählte davon, im Alter von 19 Jahren sexuell missbraucht worden zu sein – und nicht die nötige Hilfe erfahren zu haben. Sie wandte sich in ihrer Rede gegen Machtmissbrauch in Hollywood und sprach davon, dass Opfern die Ressourcen zu psychologischer Betreuung zugänglich gemacht werden müssen. Es sei für sie an der Zeit, die Macht wieder an sich zu reißen, erklärte sie.


“Lady Gaga heute bei ‘Elles 25th Annual Women in Hollywood‘-Event”

Hier Lady Gagas komplette Rede:

“Ich habe für diese Veranstaltung heute unzählige Kleider probiert, ein enges Korsett nach dem anderen, einen hochhackigen Schuh nach dem anderen, Diamanten, eine Feder, tausende perlenbesetzte Stoffe und die schönsten Seidenstoffe der Welt. Um ehrlich zu sein, war mir dabei speiübel. Und ich habe mich gefragt: Was bedeutet es wirklich, eine Frau in Hollywood zu sein? Wir sind keine Objekte, die nur dazu da sind, die Welt zu unterhalten. Wir sind nicht nur Bilder, die Menschen dazu bringen, zu lächeln oder das Gesicht zu verziehen. Wir sind nicht Teilnehmerinnen eines riesigen Schönheitswettbewerbs, die einander zur Unterhaltung der Öffentlichkeit bekriegen. Wir sind Frauen in Hollywood, wir haben Stimmen. Wir haben tiefgehende Gedanken und Ideen und Glaubensgrundsätze und Werte in Hinsicht auf die Welt und wir haben die Macht, zu sprechen und gehört zu werden und zu dagegen anzukämpfen, wenn wir mundtot gemacht werden sollen.

Als ich also zehn Kleider anprobiert hatte, mit einem Gefühl der Traurigkeit in meinem Herzen, dass alles, was zählt nur das ist, was ich auf diesem roten Teppich tragen würde, sah ich einen Marc-Jacobs-Anzug in Übergröße in der Ecke liegen. Ich habe ihn angezogen und Augen gespürt, die mich verwirrt anblicken. Aber das ’Rodarte‘-Kleid war doch so schön, sagte einer. Aber was ist jetzt mit dem von ‘Brandon Maxwell‘? Was mit dem von ’Dior’? So viele Fragen. Es waren alles nur Kleider. Das hier war ein Männeranzug in Übergröße, gemacht für eine Frau. Kein Abendkleid. Und dann begann ich zu weinen. In diesem Anzug fühlte ich mich heute wie ich selbst. Und dann wurde die Frage, was ich heute Abend sagen würde, plötzlich völlig klar.

Als eine Überlebende eines sexuellen Übergriffs von einer Person in der Unterhaltungsindustrie, als eine Frau, die immer noch nicht tapfer genug ist, seinen Namen zu nennen, als eine Frau, die mit chronischem Schmerz lebt, als eine Frau, die in sehr jungem Alter darauf konditioniert wurde, darauf zu hören, was Männer mir sagten, dass ich tun müsse, habe ich mich entschieden, dass ich heute die Macht wieder an mich reißen will. Heute habe ich die Hosen an.

Lady Gaga: “Ich bin wütend”

In einem Zeitalter, in dem ich mir kaum noch die Nachrichten ansehen will, bin ich wütend wegen der ungerechten Männer – und auch Frauen – denen ich dabei zusehe, wie sie dieses Land regieren. Ich hatte die Offenbarung, dass ich heute stärker denn je sein werde. Um den Standards von Hollywood zu widerstehen, was auch immer das bedeutet. Um den Standards zu widerstehen, dass man sich kleiden muss, um andere zu beeindrucken. Das zu nutzen, was wirklich wichtig ist: meine Stimme.

Nachdem ich missbraucht wurde, als ich 19 Jahre alt war, habe ich mich für immer verändert. Ein Teil von mir wurde stillgelegt für viele Jahre, ich habe niemals jemandem etwas erzählt. Ich habe es sogar selbst versucht, zu umgehen. Und habe mich geschämt, sogar heute, wie ich vor euch stehe. Ich schäme mich dafür, was mir passiert ist. Ich habe immer noch Tage, an denen es sich anfühlt, als wäre es meine Schuld. Ich habe das, was mir passiert ist, vielen mächtigen Männern in diesem Geschäft erzählt, niemand hat mir geholfen. Niemand hat mir geholfen, mich zu orientieren, mir eine helfende Hand angeboten, die mich zu einem Ort geführt hätte, wo ich Gerechtigkeit gespürt hätte, sie haben mir nicht einmal die Richtung zu der seelischen Behandlung gewiesen, die ich so dringend benötigt hätte. Diese Männer haben sich versteckt, weil sie Angst hatten, ihre Macht zu verlieren. Und weil sie sich versteckten, habe ich auch damit begonnen, mich zu verstecken.

“Die Welt wieder liebevoller gestalten”

Ich habe mich eine lange Zeit versteckt, bis ich begann, körperlichen Schmerz zu spüren. Dann musste ich zum Arzt gehen, weil ich wusste, dass etwas mit mir nicht stimmt. Ich wurde mit Posttraumatischem Belastungssyndrom und Fibromyalgie diagnostiziert, von denen viele Menschen denken, dass es sie in Wirklichkeit gar nicht gibt und weiß nicht, was zum Teufel ich dazu sagen soll. Aber ich sage euch, was es ist, es ist ein Syndrom, das einen Wirbelsturm aus stressbedingtem Schmerz über einen bringt. Und ich wünschte wirklich, meine Freundin Lena Dunham wäre heute Abend hier, weil sie das wahrscheinlich so viel besser als ich ausdrücken könnte. Und ich hoffe, wir können uns alle darauf einigen, was für eine großartige Frau sie ist.

Depressionen, Angststörungen, Essstörungen, Traumata – das sind nur einige Beispiele dieser Kräfte, die einen Tornado des Schmerzes über einen bringen können. Was ich heute also in diesem Raum voller mächtiger Frauen und Männer sagen will, ist, dass wir zusammenarbeiten sollen, um die Welt wieder liebevoller zu gestalten. Ich habe das Glück, dass ich die Ressourcen habe, mir helfen lassen zu können. Aber für viele gibt es diese Ressourcen nicht oder sie haben nicht die Möglichkeit, sie zu bezahlen oder Zugang zu ihnen zu erhalten. Ich möchte, dass die psychische Gesundheit eine globale Priorität wird. Wir können nicht kontrollieren, welche Herausforderungen und Tragödien uns das Leben entgegenwirft. Aber wir können alle zusammenarbeiten. Wir hier in diesem Raum können zusammenarbeiten, um einander zu heilen. Und wir können auch versuchen, die Kraft dafür zu finden, um Hilfe zu fragen, wenn wir sie brauchen.”